Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 46 (13.11.1879)
- Date
- 1879-11-13
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Verantwortlicher Redacteur N^oritz Baum tn Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. V. Jahrgang. Bonn, 13. November 1879 (5640). Leitender Artikel. Ein erfreuliches Zeichen. . Man thut Butze, oder wenigstens bietet man in gewissen Kreisen alles Mögliche auf, um sich zu corrigiren oder zu commentiren; womit wir uns nach Allem auch zufrieden geben, wenn auch im Hintergründe noch immer ein Bischen Bosheit verborgen liegt. Nachdem die „Judenfrage" —leider dieses permanente Fragezeichen im Buche der Geschichte— wieder einmal aufs Tapet gebracht, und in der Debatte Stimmen von Nah und Fern sich vernehmen ließen, hat es auch an solchen nicht gefehlt, die, vom Geiste der Menschenliebe, der wahren Religiosität wie der Gerechtigkeit getragen, durch die Sphären der Vorurtheile sich Bahn gebrochen und Licht verbreiteten, da, wo mittelalterliche Finsterniß geherrscht. Auch im Conferenz-Saale der Christlich- Sozialen sängt es — ce n’est pas trop tot, würde ein Franzose sagen — etwas Heller zu werden an. Die Stimme des öffentlichen Gewissens dringt auch in die Räume jener geschlossenen Gesellschaft, um Genugthuung zu fordern im Namen der beleidigten Menschheit. Herr Stöcker, dieser gottesfürchtige Mann, kehrt in sich, und ruft: pater peeeavi! In einer Versammlung vom 31. October widerruft er alles bisher Geäußerte und sucht sich seinen „Verläumdern" gegenüber rein zu waschen. Und in derThat hat man in dieserVersammlung den Weg zum Besseren eingeschlagen, indem Einer der Redner (Herr v. d. Decken) über die motivirte Erklärung der jüngsten Versammlung (Vergl. Jsr. Bote Nr.45) sein Bedauern aussprach. — Von einer Friedensliebe ganz besonderer Art scheint unter den Rednern Herr Dagobert Joseph (Jude?) beseelt zu sein, der seine jüdischen Glaubenügenossen dringend bitten muß, sich vor dem gegen Herrn Stöcker geflissentlich gehegten Vorurtheil zu bewahren. Aus Liebe zum Frieden sich von Andern täuschen zu lassen, ist in gewissen Fällen eine Tugend; doch aus Liebe zum Frieden Andere täuschen zu wollen, oder eines „geflissentlich gehegten Vorurtheils« zu zeihen, das klingt sehr seltsam. — Unterdessen geben wir uns, wie gesagt, mit den Erklärungen dieser Herren recht zufrieden, wenn nur von nun ab Herr Stöcker selbst seiner eigenen Lehre treu bleibt, und wenn derselbe die Commentirungen seiner Freunde zu seinem Worte für wahr gelten läßt. — In Nachstehendem finden unsere Leser ein nach der „B. Volkszeitung" mitgetheiltes Resumä aus der bereits erwähnten Conferenz vom 31. October. Hofprediger Stöcker: „Alle auf die Beseitigung unserer sozialen Uebel ausgehenden Gesetze und Einrichtungen seien fruchtlos, wenn nicht der evangelische Geist in der Menschheit die Sucht nach irdischem Reichthum und den Haß der Klassen untereinander überwindet, wenn nicht die Einsicht zur Herrschaft gelangt, daß es im Menschenleben nur in dem Maße besser werden kann, in welchem wir Menschen alle Gott über Alles lieben und unseren Nächsten als uns selbst?' Hierzu bemerkt die Volkszeitung: Nur Eines war in dem Vortrage zu vermissen: das Zugeständniß, daß der Mensch um ein liebevoller Mensch zu sein, nicht nothwendig den Glauben haben müsse, den Herr Stöcker und Genossen für den allein rechten Glauben ausgeben. Herr Dagobert Joseph konstatirt, daß Herr Stöcker soeben nur Liebe, nicht Haß gepredigt habe und nur dies wolle, daß der Mensch nicht nach der Religion, zu der er sich bekenne, sondern nach Dem, was er im Leben ist, geprüft und beurtheilt werde, daß demnach (?) an der durch die Presse verbreiteten Behauptung, er habe eine Judenhetze in Szene gesetzt, durchaus nichts Wahres sei. Er (Redner) müsse darum besonders seine (jüdischen) Glaubensgenossen dringend bitten, sich vor dem gegen Herrn Stöcker geflissentlich gehegten Borurtheil zu bewahren. Herr Diestelkamp stellt dem Kollegen St. das Zeugniß aus, daß derselbe seinen Angreifern und Verleumdern gegenüber nicht Verachtung, sondern Mitleid fühle, eingedenk der Mahnung des am Kreuze sterbenden Heilandes: „Vater vergieb ihnen!“ Herr v. d. Decken stellt den Antrag, Herrn Stöcker durch den Vorsitzenden den Dank der Versammlung zugehen zu lassen. Weiter aber spricht er auch sein Bedauern darüber aus, daß an» Frtitag beschlossen worden sei, die Beleidiger des Herrn Stöcker, unter Anderen auch „eine geistreiche Jüdin", der „öffentlichen Verachtung" preiszugeben. Das sei nicht christlich gewesen, nicht im Sinne I. C. der uns in der Liebe zu allen Mitmenschen und in Demuth ein Vorbild gegeben. Herr Knönagel drückt seine Freude darüber aus, daß Herr Joseph sich überzeugt habe, daß die Behauptung, Herr Hofprediger Stöcker setze eine Judenhetze in Szene, jeder thatsächlichen Grundlage entbehre. Daß das Judenthum und die jüdische Nation neben den Lichtseiten, die man ja gern anerkenne, auch Schattenseiten haben, könne doch nicht in Abrede gestellt weiden. Auf die letzteren Hinweisen, sei eben so wenig eine Hetzerei, wie es eine Hetzerei sei, wenn man auf die Auswüchse der Reformation oder darauf Hinweise, daß der Liberalismus die Sozialdemokratie im Gefolge gehabt. In einem Schlußwort sucht Herr Diestelkamp die Agitation der evangelischen Geistlichen auf politisch-sozialem Gebiete mit der Berufung auf Luthers reformatorische Wirksamkeit zu rechtfertigen. Es sei darum zu thun, daß auf dem Boden des Glaubens an den Die Tochter als Minderjährige, als Braut und als Gattin. Treu nach der Talm. Literatur gexetchnet von Dr. Jsaac Gaftfreuud in Wien. (Fortsetzung siehe Nr. 43.) Die Tochter als Gattin. Je mehr bei einem Volke die Ehe in ihrer hohen Bedeutung für die Gesellschaft erlangt und gewürdigt wird, je heiliger bei einem Stamme die Ehe gehalten wird, desto würdiger ist bei diesem Volke die Stellung des Weibes. Denn die höchste Idee von der Ehe bedingt die Gleichstellung des Weibes mit dem Manne. Wenn die christliche ^Kirche sagt Strack (aus dem deutschen Frauenleben L>. 75.) das ehelose Leben und die Enthaltung vom weiblichen Umgang als eine besondere nachahmungswerthe Tugend darstellte, so lag dies in der höchst bedauernswerthen Einseitigkeit der bis zum Kloster- und Einsiedlerleben zur Selbstpeinigung sich steigernden Axese, die als ein verdienstliches Werk angesehen wurde, wodurch man sich den Eintritt in das Himmelreich verschaffte.^, „Die Stellung der mittelalterdeutschen Frauen S. 5.) sei eine unreife und knechtische gewesen. Die gelehrten Bischöfe behandelten die Frage, ob denn die Weiber eigentlich Geschöpfe seien. Die größte Schmach aber that man dem Weibe an durch die Einführung des Cölibats. Wenn wir nnn den Talmud als den treuen Spiegel des Denkens und Handelns des jüdischen Volkes während eines Jahrtausends befragen, dann erhalten wir die sichere Kunde, daß bei demselben nie und nimmer das Cölibat auch nur im geringsten begünstigt worden ist. Es findet sich kein Beispiel, daß ein Gelehrter unverheirathet geblieben, denn selbst Ben-Esai, der unverheirathet genannt wird. (Jebam. 63. 6.) hatte die Tochter des verliebten R. Akiba zur Gemahlin (Kethubot 4. 6.) Allerdings kam es oft vor, daß junge Gelehrte zuweilen Jahre lang entfernt von ihren Gattinnen ihren Studien oblagen. Wiewohl nun nirgends von den Zwangsmaßregeln gegen die Ehelosigkeit oder von deren Bestrafung wie bei den Römern zuweilen vorkam, die Rede ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß es den Juden stets als ein heiliges Gebot galt in die Ehe zu treten. Denn wie anders ist es zu verstehen, wenn es heißt: daß der Kinderlose noch bei Lebzeiten einem Todten gleicht, (Nedarim 64. a.) daß wer Kinder nicht erzeugt, einem Mörder gleicht (Jebam 64. a.), nur der Nach- Jnserate. Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. Mo. 46. lebendigen Gott und der Liebe an der Beseitigung der sozialen Nothstände gearbeitet werde, daß die Irrenden wieder auf den rechten Weg gebracht werden und unser Volk wieder ein gottesfürchtiges Volk werde und zu der Parole zurückkehre: „Mit Gott für König und Vaterland!" *) *) Nachbemerkung der Red. Die Erörterungen der angeführten Redner mahnen uns nur allzusehr an den Spruch: qui s’excuse s’accuse. doch wollen wir hier blos auf die Herrn Diestelkamp u. Knönagel zurückkommen: Was Erstern betrifft, so thäte er vielleicht besser, die Gnade Gottes für diejenigen anzurufen, die ihr oratorisches Talent nicht anders als in der Provokation ihrer Nebenmenschen an den Tag zu legen im Stande sind. Um ein wahres und kein falsches Gebet zu verrichten, würde Hr. D. mit: Vater vergieb uns! (anstatt ihnen) geendigt haben müssen. — Was aber die Freude" des Herrn Knönagel über die „Ueberzeugung" des Hrn. Joseph anbelangt, so sckeint es uns mit einer Wahrheit sehr schlecht bestellt, von welcher zwei Menschen allein (Knönagelu.Joseph)überzeugt sind, während dieselbe die ganze übrige Welt völlig unüberzeugt läßt. Christcnthum und Judeuthum. von B r aunhart*) Wenn ein Kind sich gegen seine Mutter dermaßen auflehnt, daß es nicht aufhört, seine sichtbare Wohlthäterin auf Erden zu lästern, anzufeinden, zu verspotten und sogar zu verspetten; welches Urtheil würde man wohl von einem solchen Kinde fällen? würde es nicht von jedem gutdünkenden Menschen getadelt, verachtet und verpönt werden? Ebenso verhält sich das Judenthum zum Christenthum. Es kann nicht weggeleugnet werden, daß das Judenthum die Mutter des Christenthums ist: ohne Judenthum gäbe es auch kein Christenthum. Das Judenthum ist das Fundament, auf dem sich das Christenthum aufgebaut hat. Der Stifter desselben wurde als Jude geboren, lebte als solcker bis an sein letztes Lebensende. Denn nicht das Gesetz zu zerstören, äußerte er, sondern es zu erhalten, sei er berufen. Und hätte es kein Judenthum gegeben, so stände wahrscheinlich noch heute das Heidenthum unter den Völkern in voller Blüthe da, und somit würde es auch keinen kirchlich-christlichen Gottesdienst geben. Denn die Liturgie ist ganz aus dem Judenthume geschöpft: Das heilig! heilig! heilig! ist der Herr Zebaoth! ist die sogenannte Keduscha in der Synagoge und gehört ebenfalls zur jüdischen Liturgie; ferner: Amen, Halleluja, der Herr Zabaoth, Sela re.; eben so sind die hejener Mann gehegt ist, der viele Kinder hat. (Nedarim 64. a. B. Batra 116. a.). Nur in Folge der hadrianischen Verfolgung that ein zeitgenössischer Gelehrte den verzweifelten Ausspruch, daß es rathsam wäre, auf die Fortpflanzung des so unmenschlich verfolgten Geschlechtes Abraham's ganz zu verzichten. (B. Batra 60. 6.). Der Widerwille gegen das Cölibat wird unverhohlen ausgesprochen, daß nämlich dem Junggesellen jede rechte, wahre Zufriedenheit an Lebensfreuden abgehe, da diese nur im Kreise der eigenen Familie zu finden sei. (Kethubot. 62. 6. Rab. Gen. c. 17). Unter die elterlichen Cardinalpflichten gegen die Kinder gehört auch die, sie zu verheirathen (Kidduschin 29.a.) Wer mit zwanzig Jahren noch unverheirathet ist, wird scharf getadelt (idiä.) Nicht allein war es dem Vorbeter an Fasttagen zur Pflicht gemacht, daß er Familien-Vater sei (Taanit 2. a.); sondern auch der Hohepriester durste nicht, wenn er ehelos war, in seinem hohen Amte fungiren. (Homa 13. a.) Wie hoch die Religion die Ehe hält, ruft ein jüdischer Lehrer aus, ist aus dem Pentateuch, aus den Propheten zu ersehen, in denen sie als ein göttliches Institut offenbart wird (Moed-Katon 186. vgl. Midrasch zu Psalm c. 59.) Auf die Frag«' einer Matrone, womit denn Gott sich seit dem^v^ deten Schöpfungswerke beschäftiqte^antw''