Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 9 (1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Seite 83 Pessach 5695 von Rabbiner Dr. Heinrich Lemle Unsere Festzeiten haben nicht ihren Sinn erfüllt, wenn ihre Kraft sich erschöpfen würde in den Tagen der Feier. Sie haben die Probe ihrer Kraft in besonderem Masse zu erweisen in der Auswirkung hinaus in das ganze Jahr. Es soll niemand aus einer Festwoche als eben Derselbe scheiden als der er in sie eintrat. Das Gespräch seiner Seele soll nachklingen, sein Bild von der Welt — denn in ihrem Begreifen wurzeln alle unsere Festtagsgespräche— soll ein anderes geworden sein. Ein weiteres, ein reicheres. Pessach ist das Fest, das wie kaum ein anderes an Seele und Weltbild des Juden gebaut hat und auch an uns wieder zum Bauen gebracht werden soll, weil gebracht werden kann. Pessach ist mit den Klängen seiner Lieder dem Juden ans Herz gewachsen, der von Kindheit an mit all seinen Lieben singen und feiern durfte. Pessach kann mit den Klängen seiner Weisungen wachsen an das Herz auch des Juden, der — und wann immer er es tut — hineinfinden will ins Judesein. Ein Dreiklang ist's und sein Klingen hebt an mit der Weise und Weisung der Freiheit. Wohl passt es für den Mann und das Volk, die wuchsen und wurden, die leben und stehen im Licht der Freiheit, von ihr zu singen. Wir sind aber ein Volk, das wachsend erst die Freiheit sich errang. Ein Volk, das lebend immer wieder am Rande wohnte, wo der Abgrund ewig wiederholter Sklaverei gähnt. Und Erinnerung und dauernde Gegenwart verschmelzen zu Erbe und Sehnsucht. Wann immer wir aus Freiheit ins Leid zogen — da tauchte sie auf, die nie vergessene Angst vor ägyptischer Zeit, eingetan der Seele als Trauma und Qual. Und aller Hoffnung innigster Gehalt nimmt in dem Bilde Gestalt: so wie damals aus Ägypten, so befreie uns aus jeder drohenden Zeit der Versklavtheit. Messias' Tat soll nichts anderes sein als Wiederholung jener ersten Tat der Befreiung, Heimführung aus dem bejth awadim der Völker der Welt. Eingetan der Seele als Traum und Ziel. Freiheit ist ein Wert, den man nur im Leben mit anderen leben kann. Wie man nur das beanspruchen kann, was man dem anderen zugesteht, so hat jeder nur soviel Freiheit, wie er am anderen sieht. Wenn Menschen für sich Forderungen aufstellen, so kann die Reife dieser Forderungen nur daran erkannt werden, ob und wie weit sie anderen, allen anderen zugestanden werden. Wenn der Jude seine Lehre von der Menschheit denkt und kündet, dann gibt es eine Gewähr für ihn, daß es nicht Phrase und Schwärmen bleibe: die Gewähr vom Wissen um die eine, gleichberechtigte Menschheit, in der es nie Freie und Unfreie, nie Bechtbesitzende und Rechtsohnmächtige auf die Dauer geben kann. Daß es das nicht kann, weiss der Jude, weil es ihm unvcrgesslich ist: „denn Fremdlinge wart ihr im Lande Ägypten". Daß sein Bild von der Menschheit ihm nicht entgleise, daß Freiheit ihm nie einseitig werde, dafür sorgt seine ägyptische Zeit. Das ist die andere Seite der Weise von der Freiheit: Forderung— an alle. Erwarten — von allen. Geschichte zweite Weise. Geschichte nicht als blosse Erinnerung, Geschichte Ort ewig neuer Bestätigung. Völker vor unserem Volke erfuhren ihren Gott in der Natur, in ihr allein. Völker nach unserem Volke erfahren ihren Gott in der Natur. Judenvolk erfährt seinen Gott immer wieder in der Geschichte. Wann immer Geschichte an dieses Volk herantritt, dann erfährt es seinen Gott. Und immer wieder ist es derselbe Gott, der ihm zugeeignet ward im Erleben der ersten Grundtat seiner Geschichte; in der Tat am Schilfmeer. Darum kann für den Juden Geschichte ihren herbsten Zug verlieren; sie ist nimmer verschwistert dem Tode. Dem Juden allein ist Geschichte am Ende nicht Tod, sondern ewige Bestätigung. Es ist das Wissen um diese Bestätigung, wenn aus den Tagen des Gedenkens jener ersten geschichtlichen Begegnung hinaus in das Gebet seines Alltags das Lied vom Schilfmeer drang. Der Jude kann es jeden Tag beten, weil jeder Tag — wie jene Zeit, an die Pessach erinnert — ihm Geschichte und Bestätigung bringen kann. Es ist aber tiefste Zueigennahme jener Bestätigung, wenn dieses Gebet, in besonderer Form vorgetragen, den Tag einleitet, an dem ein junger Jude in die, Gemeinschaft aufgenommen wird, den Tag der Brith-milah. Nicht nur an Pessach, jeden Tag, sein ganzes Leben als Jude hindurch, steht er gewärtig der Dinge vom Schilfmeer. Wo aber Geschichte so ewig gleich spricht, da verliert sie auch noch einen anderen, den ihr wesentlichsten Zug: da wird Geschichte Gegenwart. Für den Kurzatmigen mag das beklemmend sein; das Bewusstsein, was war, wird immer wieder sein. Für den Verständigen muß es aber erleichternd darum sein, weil es das unbegreifbar Gegenwärtige im Rahmen des immer Wiederkehrenden begreifbar und damit tragbar macht. Es so tragbar zu machen, ist die Absicht des an den erhabensten Tagen unseres Jahres wiederkehrenden Refrains: secher lijziath mizrajim, Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Was damals dem Volke als Aufgabe mit auf den Weg gegeben wurde, es wird kund im stets gleichbleibenden Geschicke des Juden. Sein Leiden ist das Leiden der Jahrtausende, sein Bestehen das Bestehen der Jahrtausende. Das Heute nur Erinnerung an das Gestern, das Gestern nur Erinnerung an das Vorgestern, sie alle nur Erinnerung an die Zeit von Aegypten und secher lijziath mizrajim. Zukunft, die dritte Weise. Zu spüren an so manchem Brauche und an so mancher Anordnung von Pessach. Etwa Pessach als die Zeit des Frühlings, der Zeit, die nur Zukunft trägt, Blüte und beginnendes Ernten. Pessach mit seinem Lied von der Liebe und vom werbenden Gelöbnis; beides gedacht von Gott und Israel und damit Israels heiligste Kraft für den Weg in die Zukunft. Zukunft aber am sinnfälligsten aus der Begegnung am Tische der Sedernächte sprechend, aus der Begegnung von Wanderbrot und Elijahbecher. So treten sie einander gegenüber, ergänzen sie einander: das Brot ewiger jüdischer Zukunft, das Brot vom Wandern. Armseliges Brot. Und der Becher ewiger jüdischer Zukunft, der Becher vom Harren auf die Erlösung. Reicher Becher. Wer nur aufs Brot sieht, könnte verzweifeln, wer nur auf den Becher sieht, könnte Phantast werden. Wer beide sieht, kann zur Zukunft schreiten. Auf dem Tiscli der beiden Nächte begegnen sie sich. Wir lernen an diesem Tische, wir lassen uns sagen und erzählen. Wir lernen von diesem Tische. Sie werden sich in aller jüdischer Zukunft begegnen, das Brot und der Becher, das Wandern und das Harren. Wir wollen lernen, sie zusammen zu sehen! Pessach hat seinen Zukunftswunsch: leschanah habaah..! Früher im Laufe des Jahres vergessen, heute im Laufe des Jahres begriffen. Begriffen aber doch nur aus dem Geiste des Brotes vom Wandern. Wo dieser Wunsch sich nur diesem Geiste vermählen kann, da behält Zukunft das Wesen des Wanderhaften, das Unsichere. Wo der Wunsch sich aber vermählen kann dem Geiste des Bechers des Harrens, da wird Zukunft erfüllt von der Sicherheit des sicheren Zieles. Leschanah habaah: einen Schritt näher am Ziele! Jeder, dessen Seele fragt, hole sich Antwort aus den Tagen von Pessach. Jeder, der mit uns Pessach fragen will, komme und frage mit uns! V