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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 84

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
9 (1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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Seite 84 Nr. 8 3um 800. ©efcurtefaö $Jofe$ &en Boimon Das Leben des Maimonides von Gemeinderabbiner Dr. C. Seligmann In Maimonides erreicht das nachbiblische Judentum seinen geistigen Höhepunkt. In ihm münden alle Hauptströme bisherigen jüdischen Geisteslebens, und von ihm strömt ein breites und tiefes geistiges Leben über alle folgenden Geschlechter aus. Sein universaler Geist umspannt den ganzen Umfang des Wissens seiner Zeit, und sein organisatorisches Genie ordnet die chaotischen Massen zu einer wunderbar geschlossenen Einheit des Gedankens. Die jüdische Nachwelt hat darum diesen Großen in Israel an die Seite unsres großen- Gesetzgebers Mose gestellt, indem sie auf ihn das Wort prägte: Von Mose (dem Gesetzgeber) bis Mose (ben Maimon) war keiner gleich Mose. Am 30. März 1135, nach dem jüdischen Datum am 14. Nissan 4895, einem Sabbat und Erew Pessach, wurde unser Mose, mit seinem vollen arabischen Namen Abu Jmran Musa ben Maimun Obeid Allah in Cordova, der prächtigen Hauptstadt Andalusiens, geboren. Nach einer beglaubigten Nachricht war er ein direkter Nachkomme des gefeierten Patriarchen Rabbi Jehuda ha-Nassi, des Kodifikators der Mischna, und Maimonides selbst erwähnt am Ende seines Mischna-Kommentars, daß seit acht Generationen seine Väter und Ahnen Gelehrte und Rabbiner in Spanien waren. Der genial begabte Knabe, der ein so bewundernswertes Gedächtnis besaß, daß er einmal von sich sagte, er habe nie im Leben etwas vergessen, erhielt seinen ersten Unterricht in Bibel, Talmud und weltlichen Fächern von seinem gelehrten Vater Maimon ben Joseph, einem Lieblingsschüler des größten Meisters im Talmud seiner Zeit, Rabbi Joseph ihn Migasch, der in Lucena lehrte. Neben dem Unterricht seines Vaters eignete sich der wissensdurstige Knabe in früher Jugend erstaunliche Kenntnisse auf allen Gebieten des Wissens an, in Mathematik und Astronomie, Naturwissenschaft und Philosophie. Sein Wissen und seine Auffassungsgabe rissen Joseph ibn Migasch zur Bewunderung hin und Hessen ihn die künftige Größe des Knaben ahnen. In die glücklichen Werdejahre des damals Dreizehnjährigen fiel das schwere Schicksal, das die jüdische Gemeinde Cordova und alle blühenden Gemeinden des südlichen Spanien heimsuchte. Die fanatischen Almohaden eroberten Nordafrika und (1148) Südspanien und stellten die Andersgläubigen, Juden wie Christen, vor die Wahl: Annahme des Islam, Auswanderung oder Tod. Die prächtigen Synagogen wurden zerstört, die Talmudschulen geschlossen, die Lehrer und Schüler mussten zum Wanderstab greifen, wenn sie nicht den Märtyrertod erleiden oder zum Schein zum Islam sich bekennen wollten.l) Die Familie Maimon wanderte unstet und heimatlos während einer langen Reihe von Jahren unter Mühseligkeiten und Entbehrungen von Ort zu Ort, bis sie im Jahre 1159, als Maimonides vierundzwanzig Jahre alt war, Spanien endgültig verliess und sich in Nordafrika, in Fez, niederliess, wo aber gleichfalls, des herrschenden Fanatismus wegen, ihres Bleibens nicht war. Nach sechs Jahren verliess die Familie im Jahre 1165 das ungastliche Land, in welchem der Glaubenszwang schwer auf den Juden *) Eine zuerst von Basnage, Histoire des juifs (1707) aufgebrachte, dann von Carmoly, Jost, Abraham Geiger und Graetz wiederholte und in Schulgeschichtsbüchern nachgeschriebene Fabel, daß die Familie Maimon selber sich unter dem Glaubenszwang eine Zeit lang zum Schein zum Islam bekannt habe, ist durch neuere gründliche Untersuchungen, insbesondere durch die glänzende „Ehrenrettung des Maimonides" von Prof. Ahr. Berliner (im Maimonideswerk der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Band II, Seite 104-130), einwandfrei widerlegt. Die Aufrechterhaltung der Beschuldigung ist angesichts der Aesserung des Maimonides in seinem Reisebericht: „wenizalti min ha-Sch'mad — ich bin vor der Annahme eines nichtjüdischen Glaubens gerettet worden", wie auch angesichts der sittlichen Persönlichkeit Maimonides' kaum zu verstehen. Was Heine von Jehuda Halevi singt, gilt auch von Maimonides: „rein und wahrhaft sonder Makel" war seine Seele. lastete, der auch Maimonides in Todesgefahr brachte. Nach etwa zweijährigem Umherwandern im Heiligen Lande, das damals, während der ersten Kreuzzüge, unter christlicher Herrschaft stand, kam die Familie im Jahre 1167 nach Ägypten und wohnte zuerst in Alexandria, kurze Zeit später aber liess sie sich endgültig in Fostat bei Kairo nieder. Hier ernährte sie sich vom Juwelenhandel, den sein jüngerer Bruder David mit großem Erfolg betrieb. Aber bald nach der Ankunft in Ägypten häuften sich die Missgeschicke der Familie. Der geliebte Vater und Lehrer starb, der Bruder David fand bei einem Schiffbruch im Indischen Ozean den Tod. Mit ihm ging der gesamte Besitz der Familie, der in Edelsteinen angelegt war, verloren. Erschütternd ist die Klage, die Maimonides um den Verlust seines Bruders, an dem er mit rührender Liebe hing, anstimmt. Fast ein Jahr lang kann er den tiefen Schmerz nicht verwinden, der ihn körperlich und seelisch zerrüttet. Umso höher aber offenbart sich in all den kummervollen Jahren, die er seit seinem Knabenalter durchlebt, die geistige Größe des einzigartigen Mannes. Nachdem er bereits als Sechzehnjähriger sein philosophisches Erstlingswerk, eine kurzgefasste Einführung in die Fachausdrücke der Logik, für einen hochgestellten Gönner in arabischer Sprache geschrieben hatte, ein Werk, das den Laien in die Aristotelische Philosophie einführen soll, verfasste er, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, Erläuterungen zu den eherechtlichen, zivilrechtlichen und die Festtage behandelnden Abschnitten des babylonischen Talmud und eine Zusammenstellung der halachischen Entscheidungen des palästinensischen Talmud. Leider sind uns diese, wie noch einige andere talmudische Jugendarbeiten, bis auf wenige Zitate nicht erhalten geblieben. Hingegen besitzen wir eine andere Jugendarbeit von ihm, die er für einen Freund verfasst hat: „Berechnung der Schaltjahre". In dieser Schrift erläutert er in leichtverständlicher Sprache die Hauptregeln des jüdischen Kalenders aufgrund astronomischer Wissenschaft. In Fez tiat der damals kaum Dreissigjährige in einem „Sendschreiben über den Glaubenszwang" (Auch unter dem Titel „Abhandlung über die Einsetzung des Lebens für die Heiligung Gottes") einem jüdischen Zeloten scharf entgegen, indem er ihn mit seinem überlegenen Wissen darüber belehrte, daß man sich dem Märtyrertod nur dann auszusetzen habe, wenn es sich um Zwang zu Götzendienst, Blutschande und Mord handle. Alle anderen Gebote und Verbote seien, wie die Weisen ein bekanntes Wort der Thora erläutern, dem Menschen gegeben, daß er durch durch sie „lebe" und nicht „sterbe". Bald nach seiner Niederlassung in Ägypten konnte Maimonides sein erstes großes Hauptwerk „Mischna-Erklärung", an dem er schon in Spanien im Alter von dreiundzwanzig Jahren zu arbeiten angefangen hatte, herausgeben. Das Werk ist arabisch verfasst unter dem Titel „Sirag", was soviel bedeutet wie „Licht". Und es trägt mit Recht diesen Namen. Denn es bringt Licht in alle Dunkelheiten der Mischna und erklärt die Mischna, deren Sinn aus den verwickelten Diskussionen der Gemara oft nur schwer zu enträtseln war; es gibt ferner die endgültige Entscheidung der Halacha, vermittelt dem Anfänger eine Anschauung vom ganzen Talmud und bietet dem Gelehrten eine Uebersicht über den gesamten Umfang des Religionsgesetzes. Von ganz besonderer Bedeutung sind die wissenschaftlichen Einleitungen, die Maimonides dem Gesamtwerk und jedem schwierigen Abschnitt der Mischna voranschickt. In diesen Einleitungen erörtert er, unter anderem, Wesen und historische Geltung der „mündlichen Ueberlieferung", entwickelt (in der Einleitung zu den Sprüchen der Väter) ein vollständiges System der Ethik und Psychologie und stellt, anknüpfend an einen Lehrsatz der Mischna von der Auferstehung der Toten, eine Dogmenlehre des Judentums auf, die in den bekannten dreizehn Grundlehren gipfelt, die

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