Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 9 (1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82 Nr. 8 | D as Schriftwort Maimonides schreibt im letzten Kapitel von Mischne Thora im zwölften Abschnitt der Hilchot Melachim: „1) Man darf sich nicht vorstellen, daß in den Tagen des Messias irgend etwas fortfallen wird von dem bisherigen Lauf der Welt, oder daß irgend ein Neues in der Schöpfung aufkommen werde; vielmehr die Welt wird weiter ihren gewohnten Gang gehen. Und wenn es in Jeschajahu heisst (cap. 11, V. 6): „dann gastet der Wolf beim Lamm, der Pardel lagert beim Böcklein", so ist das nur als Gleichnis und Parabel zu verstehen. Gemeint ist damit: Israel wird wohnen in Sicherheit vor den Frevlern unter den Heiden, die mit dem Wolf und dem Pardel verglichen werden, wie es heisst (Jirmejahu cap. 5, V. 6): „der Steppenwolf wird sie gewaltigen, der Pardel lauert an ihren Städten"; und alle werden sie zurückkehren zum wahren Glauben, sie werden keinen Raub mehr begehen und kein Verderben üben, sie werden leben von dem, was erlaubt ist, in Ruhe in Israel, so heisst es denn auch (Jeschajahu cap. 11, V. 6) „und der Löwe wird Stroh fressen wie ein Rind". So sind auch alle Worte zu verstehen, die in Bezug auf den Messias geschrieben stehen, sie sind Gleichnisse; und in den Tagen des Königs Messias wird füll alles bekannt werden, wofür es ein Gleichnis war und was manflamit andeuten wollte. 2) Die Weisen haben gesagt: der einzige Unterschied zwischen der gegenwärtigen Welt und den Tagen des Messias ist, daß aufhören wird die Knechtung durch fremde Gewalten. Aus dem einfachen Wortlaut der Propheten ist ersichtlich, daß zu Beginn der Tage des Messias der „Krieg von Gog und Magog" sein wird, (Jecheskel cap. 38 und 39) und dass vor dem Krieg von Gog und Magog ein Prophet aufstehen wird, Israel den rechten Weg zu weisen und seinem Herzen die rechte Richtung zu geben, denn so heisst es (Maleachi 3,22): „wohlan ich sende euch Elija den Künder, bevor der Tag Gottes kommt, der große und furchtbare"; und er kommt nicht, um als unrein zu erklären, was rein ist. oder als rein zu erklären, was unrein ist oder um Menschen einen Makel anzuheften, die als unzweifelhaft einwandfrei gelten, oder um als einwandfrei zu erklären, was als unzweifelhaft bemakelt gilt, sondern um Frieden in der Welt zu stiften, denn so heisst es (Maleachi 3,23): „er wird umkehren lassen der Väter Herz zu den Söhnen, der Söhne Herz zu ihren Vätern". Manche von den Weisen sagen, daß vor dem Messias Elijahu kommen wird; von all diesen und ähnlichen Dingen weiss kein Mensch, wie sie sein werden, bis daß sie wirklich gewesen sind; sie sind bei den Propheten selbst nicht offenbart; auch die Weisen haben keine giltige Ueberlieferung darin, sie erschliessen sie aus der Auslegung der Verse, und darum haben sie über diese Dinge Meinungsverschiedenheiten. Und jedenfalls haben die Ordnung des Werdens dieser Dinge oder ihre Einzelheiten nicht den Rang eines Glaubenssatzes;, man soll sich mit den Erzählungen darüber nicht beschäftigen und sich nicht lange bei den Auslegungen aufhalten, die mit diesen Themen und mit ähnlichen sich befassen, und man mache aus ihnen keinen verbindlichen Glaubenssatz, denn sie führen weder zur Furcht noch zur Liebe; auch gebe man sich nicht ab mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; die Weisen haben gesagt: verhauchen möge die Seele derer, die sich abgeben mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; vielmehr harre man gläubig der grundsätzlichen Erfüllung entgegen, wie wir es erklärt haben. 3) In den Tagen des Königs Messias, wenn seine Herrschaft sich befestigt haben und ganz Israel sich zu ihr hin gesammelt haben wird, werden sie alle sich auf seinen Entscheid dank dem heiligen Geist, der auf ihm ruhen wird, in die Geschlechtsregister eintragen, so heisst es (Maleachi cap. 3, V. 3): „er setzt sich, ein Uber die Tage des Meffias Schmelzer und Silberreiniger und reinigt die Söhne Lewis"; und die Söhne Lewis wird er zuerst reinigen und sagen, der kommt in das Geschlechtsregister der Kohanim und jener kommt in das Geschlechtsregister der Lewiten; und wer nicht in eins dieser Geschlechtsregister eingetragen werden kann, den verweist er unter die als Israeliten schlechthin zu Bezeichnenden, so heisst es auch (Esra cap. 2, V. 63): „und der Tirschata (Amtsbezeichnung für den damaligen Statthalter) sprach zu ihnen, daß sie nicht von dem Hochheiligen essen dürften, bis aufsteht ein Priester, der Urim und Tumim tragen kann" (und mit ihnen entscheiden kann); daraus kannst Du lernen, daß mit Hilfe des Heiligen Geistes man die, die man als Kohanim oder Lewiten gehalten hat, in die Geschlechtsregister eintragen wird und kund tun wird, wer mit Recht in das Geschlechtsregister gehört. Und die Israeliten werden nur nach der Zugehörigkeit zu den einzelnen Stämmen in die Geschlechtsregister eingetragen, daß kundgetan wird, dieser gehört zu diesem Stamm und jener kommt von jenem Stamm her, aber nicht wird man sagen, auf die, die in der unbestrittenen Annahme unbemakelter Herkunft stehen, der sei ein Bastard oder jener stamme von Sklaven ab, denn es gilt die Bestimmung: „was in einer Familie aufgegangen ist, bleibt aufgegangen" (Kidduschin 71 a). 4) Die Weisen und Propheten haben sich nicht nach den Tagen des Messias gesehnt, weil dann eine Herrschaft über die Welt sein würde oder daß sie herrschen würden über die Heiden, oder weil dann die Völker sich hoch erheben würden, auch nicht um zu essen und zu trinken und Freude zu haben, sondern damit sie dann frei seien zur Thora und ihrer Weisheit und niemand da sei, der sie bedrückt und davon abhält, damit sie würdig werden des Lebens der künftigen Welt, wie wir es erläutert haben in den „Vorschriften über die Umkehr". 5) In dieser Zeit wird nicht Hunger sein oder Krieg, nicht Neid und Eifersucht, denn das Gute wird in reicher Fülle ausgegossen sein und alle Köstlichkeiten werden so leicht zu erreichen sein wie der Staub der Erde; und das Anliegen der ganzen Welt wird nur sein: Gott zu erkennen; daher wird Israel sehr weise sein und wird die verborgenen Dinge verstehen und in die Absicht des Schöpfers eindringen, soweit menschliche Kraft reicht „denn voll wird die Erde sein der Erkenntnis Gottes, wie Wasser das Meerbett bedecken". (Jeschajahu cap. 11, V. 9)". Es ist diesen Worten des großen Meisters, in denen er Worte der Bibel und aggadische Stellen mit einander verwebt, kaum etwas hinzuzufügen, sie sprechen für sich selbst und sind reizvoll in der Eigenart und Geschlossenheit des Bildes, das sie entwerfen. Wir finden in ihnen die mancherlei Züge wieder, die auch sonst das Wirken und die Art des Maimonides charakterisieren. Deutlich tritt sein Bemühen vor, die Worte der Aggada nur als Bild aufgefasst zu wissen, und sie nicht in ihrer Wörtlichkeit kanonisieren zu lassen. Zugleich geniessen wir hier die mit tiefer Gläubigkeit gepaarte Selbstbescheidung, die um die Grenzen des Erkennens und Wissens wohl weiss, um so beachtenswerter bei einem Manne, der so die Erkenntnis zum Mittelpunkt machte. Wir sehen auch hier die tiefe Friedensliebe, die keine Verketzerung und kein Abwerten irgend eines Menschen aufkommen lassen will, Gewordenes und Zur-Ruhe-Gekommenes nicht aufrühren will. Dann wieder das Bemühen, auch diesen spröden Stoff in das System und in die Ordnung des Gesamtgebäudes Judentum einzugliedern. Und über dem für Maimonides Charakteristischen hinaus bleibt wichtig die Unterstreichung des Gedankens, daß das Messianische im Denken und in der Hoffnung Israels nicht mit Herrschaft und Anerkennung verknüpft ist, sondern nur mit erhöhter Verantwortlichkeit und vermehrter Pflicht der Zuwendung zur Thora.