Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 4 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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folgte den Worten des Referenten, die eine lebhafte Diskussion zeitigten. Drei Mitglieder des seitherigen Vorstandes erklärten öffentlich, daß sie der neuen Wahlordnung nicht zugestiinmt hätten. Alle Diskussionsredner gaben mehr oder minder zu, daß die Wahlordnung reformbedürftig sei. Mit Recht wies ein Vorstandsmitglied darauf hin, daß der Landesverband ein Wahlrecht, das für alle Gemeinden Anwendung zu finden hätte, schaffen solle. Hieraus wurde von Herrn Dr. Oppenheimer die Versammlung geschlossen mit dem Hinweis, daß jüdisches Leben in einer Gemeinde nur gedeihen könne, wenn alle Kräfte von dem Vorstand der Gemeinde mobil gemacht und zur Gemeindearbeit herangezogen würden. Es sei Pflicht des Vorstandes die Gemeinde an allen Arbeiten des Vorstandes teilnehmen zu lassen. Der Vorstand sei leider Gottes in Hessen gleichsam sakrosankt und autokratisch und könne über alle Fragen, die die Gemeinde betreffen, über den Kopf der Gemeinde hinwegentscheiden. Dabei entspräche es durchaus dem heutigen Zeitgeist, wenn der Vorstand der Gemeinde in allem, was er tue, auch verantwortlich sei. Besonders zu verwundern sei es, daß die demokratische und republikanische Regierung des Volksstaates Hessen einem solchen Wahlrecht ihre Genehmigung gegeben habe. Das sei nur aus dem Grunde zu verstehen, daß eben der Regierung die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden gleichgültig sei. Gegen ^12 Uhr fand die Versammlung ihr Ende. Friedberg (Hessen). Im fast vollendeten 90. Lebensjahre starb am 14. März Herr Moritz Stahl von hier nach kurzer Krankheit. Bis vor einigen Wochen war er trotz vollständiger Erblindung regelmäßiger Besucher des Sabbatgottesdienstes. Er war der älteste Bürger Friedbergs und das älteste Mitglied unserer altehrwürdigen jüdischen Gemeinde. Den würdigen Greis, der schon durch sein patriarchalisches Aussehen aussiel, zierteu hohe Gelstes- und Charaktereigenschaften. Fast 25 Jahre war er Mitglied des Gemeindevorstandes und har sich als solches große Verdienste erworben. Ihm ist gemeinsam mit dem vor Jahren verstorbenen Vorsteher Emanuel Löb die Erhaltung des weltberühmten Judenbades als historische Stätte ersten Ranges zu verdanken. Im jüdischen Holzverein hat er als Vorstandsmitglied viele Jahrzehnte segensreich gewirkt. Im vergangenen Jahre hat ihn dieser Perein zu seinem Ehrenvorsitzenden ernannt. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung. Die Leichenhalle des jüdischen Friedhofes vermochte die Teilnehmer nicht zu fassen, so daß die Ansprachen im Freien gehalten werden mußten. Als erster Redner sprach Herr Lehrer Seelig. An der Hand entsprechender Bibelstellen entwarf der Redner ein getreues Lebensbild des Verstorbenen, ihn mit Bezalel, dem Erbauer des Heiligtums vergleichend. Der erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Herr Ferdinand Krämer, drückte in erhebenden Worten den Dank der Gemeinde aus und gelobte chm Treue übers Grab. Am offenen Grabe rief zum Schlüsse der Kommandant der hiesigen Feuerwehr, die in großem Zuge mit Fahne erschienen war, dem letzten Mitgründer der Wehr Worte ehrenden Gedenkens nach. Das Andenken Moritz Stahls wird in Stadt und Gemeinde unvergessen bleiben. Gießen. (Jubiläum.) Am 11. April d. I. sind 25 Jahre vergangen, seit Herr Lehrer Otto Grünebaum hier an der staatlichen Simultanschule seinen Dienst angetreten hat. Er gehörte mit zu den ersten jüdischen Beamten, die damals unter großherzoglichem Regime in den hessischen Staatsdienst übernommen wurden. Mainz. Am Karfreitag rettete Herr E. W e i l l, Mitinhaber der Firma E. und P. Weill, hier einen etwa dreijährigen Knaben, das Kind einer am Brand wohnenden Familie, vom Tode des Ertrinkens. Das Kind war beim Spiel mit anderen Kindern am Rheinuser in der Nähe der Stadthalle in den Rhein gefallen. Kurz entschlossen sprang Herr Weill dem Kinde nach in die kalte Flut und brachte es an Land. Nach vollbrachter Rettung entfernte sich der Lebensretter, dessen Kleider durchnäßt waren, während andere Personen sich um das gerettete Kind bemühten. Herr Ernst Weill, Gartenfeldstraße, ist Mitglied unserer Religionsgemeinde. Mainz. Am 4. April begeht Frau Rosine Cahn, Witwe des im Jahre 1917 verstorbenen Herrn Siegmund Cahn, des langjährigen Vorstandsmitgliedes der israelitischen Gemeinde Mainz, ihren achtzigsten Geburtstag. Frau Cahn lebt seit einigen Jahren bei ihrer in Köln verheirateten Tochter. Frau Cahn zählte mit ihren: verstorbenen Ehemann in Mainz zu den beliebtesten, angesehensten und wohltätigsten Mitgliedern der Gemeinde. Sie besitzt noch heute in Mainz zahlreiche Freunde, die sich mit ihr darüber freuen, daß sie ihren achtzigsten Geburtstag in geistiger und körperlicher Frische feiern kann und die ihr wünschen, daß ihr noch viele vom Alter unbeschwerte Jahre beschieden sein mögen. Mainz. AmDonnerstag, 14. Märzd. J.verschiednachlängerem Leiden aber plötzlich Herr Rabbiner Dr. Jonas B o n d i, 'TXT der seit nahezu vier Jahrzehnten der religiöse Führer und Lehrer der Mainzer israelitischen Religionsgesellschaft war. Die Trauer um den Heimgang dieses Mannes erfaßte und erfüllte über die Grenzen der Religionsgesellschaft hinaus die wertesten Kreise der gesamte^ israelitischen Religionsgemernde Mainz und fand ihren Ausdruck bei der am Freitag, den 15. März, nachmittags 4 Uhr, stattgehabten Beerdigung des Verewigten, obwohl mit Rücksicht aus das religiöse Gesetz kein Wort der Trauer ausgesprochen wurde. Der Verewigte, ein Sproß aus einer Mainzer Familie, war in jungen Jahren Amtsnachfolger des ersten Rabbiners der israelitischen Religionsgesellschaft Mainz, des Dr. M. Lehmann *72» geworden und hatte von dem kleineren Bezirk seiner Amtstätigkeit aus durch seine Vorzüge des Charakters und des Geistes Geltung und führende Stellung in orthoxen Organisationen und wissenschaftlichen Gesellschaften gewonnen. In der Hauptsynagoge der israelitischen Religionsgemeinde Mainz gab Herr Rabbiner Dr. Levi der Trauer um den Heimgang des Verewigten Ausdruck; eine besondere Trauerfeier, bei welcher verschiedene Rabbiner nachbarlicher Religionsgesellschaften, die israelitische Religionsgesellschaft Mainz und sonstige dem Heimgegangenen nahestehende Organisationen ihre Trauer zum Ausdruck brachten, fand am Sonntag, den 24. März, in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft statt. Mitglieder unseres Landesverbandes hatten wiederholt mit dem Verewigten über die einheitliche Zusammenfassung der hessischen Judenheit zum Zwecke deren Vertretung nach außen unverbindliche Verhandlungen geführt. Die Bemühungen scheiterten aber, wie unseren Lesern aus früheren Berichten bekannt ist, bedauerlicherweise an unverständlichen Widerständen. Die Bemühungen des Heimgegangenen in dieser Sache, der ebenso wie die übrigen Mitglieder der Religionsgesellschaft in Mainz der Gesamtgemeinde Mainz angehörte, werden wir dankbar in Erinnerung behalten. Sein Name und sein Wirken wird in der Mainzer Gemeinde unvergessen bleiben. Zum Hinscheiden des Herrn Rabbiner Dr. Bondi in Mainz. Der Tod des Herrn Rabbiner Dr. Bondi in Mainz s. A. hat nicht nur bei den Mitgliedern der israelitischen Religionsgesellschaft, sondern darüber hinaus bei allen Mitgliedern unserer Gesamtgemeinde, die diesen Mann kannten und schätzten, aufrichtige Trauer hervorgerufen Man darf sagen, daß dieser Mann, obwohl er doch eine exponierte Stellung als Vertreter der orthodoxen Richtung in unserer Gemeinde einnahm, keinen Feind gehabt hat, wie er selber Niemanden Feind war. Diese Tatsache charakterisiert den Dahingeschiedenen mehr als die längste Trauerrede. Er hat bewiesen, daß man seinen Standpunkt streng festhalten und dabei doch das Bibelwort beherzigen kann: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ern Gott uns alle geschaffen? Warum sollen wir treulos sein einer gegen seinen Bruder, und entweihen den Bund unserer Väter?" (Maleachi %, 10) Er war der würdige Nachfolger des großen Dr. Marcus Lehmann s. A., des Begründers der hessischen Orthodoxie, und beide sind jederzeir für die Einheit der israelitischen Gesamtgemeinde Mainz eingetreten, von der die Religionsgesellschaft ein Bestandteil ist. Trennungsgelüste fanden bei beiden stets entschlossenen Widerstand. Bei der überaus würdig verlaufenen Trauerfeier in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft, welche oben erwähnt ist, haben alle Redner die große Friedensliebe des Dahingeschiedenen gerühmt. Und wenn er dreimal am Tage zu unserem Vater im Himmel um Frieden betete, so war dies kein Lippendienst, sondern heiliger Ernst; denn er selbst betätigte den Frieden bei allen Gelegenheiten: Er suchte den Frieden und jagte ihm nach. Einer der Trauerredner wies darauf hin, daß am Sabbath nach dem Tode des Verewigten der letzte Wochenabschnitt des zweiten Buches Mose vorgelesen und so das zweite Buch vollendet worden sei und daß gleichnisartig das zweite Buch der israelitischen Religionsgesellschaft mit dem Heimgang des Verewigten geschlossen sei, nachdem vor 40 Jahren nach dem Tode des Rabbiner