Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 4 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Dr. Lehmann s. A. das erste Buch des schöpferischen Aufbaus ge. schloffen war. Wir dürfen in Fortspinnung dieses schönen Gleichnisses dem Wunsche und der Hoffnung der großen Gesamtgemeinde Mainz Ausdruck geben, daß das dritte Buch, welches jetzt aufgeschlagen werden soll, in Fortsetzung der beiden ersten Bücher zum Wohle und zum Segen der alten Gemeinde Mainz, zum Frieden und zur Einigkeit ihrer Mitglieder sich anschließen möge. Wir glauben, annehmen zu dürfen, daß wir mit diesem Wunsche auch den aufrichtigen Gefühlen und Hoffnungen der gesetzestreuen Mitglieder unserer Gemeinde Ausdruck geben. L. Kronenberger. Verbände und Vereine. Der Verein Jüdisches Museum E. V. zu Breslau hatte am 10.3.29 im Anschluß an seine so viel beachtete Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" Vertreter der jüdischen Museumsvereine Deutschlands, Polens, Oesterreichs und der Tschechoslowakei, sowie des Gesamtarchrvs der deutschen Juden und der jüdischen Gemeinde in Berlin eingeladen zwecks Zusammenschluß zu einer losen Vereinigung aus dem Gebiete jüdischen Sammelwesens. Dieser Einladung waren Delegierte aus Kassel, Mainz, Berlin, Wien, Prag, Warschau, München, Frankfurt a. M. gefolgt. Die Tagung begann mit einer Führung durch die genannte Ausstellung, und die so sachverständigen Teilnehmer waren einstimmig der Meinung, daß eine derartige wohldurchdachte Ausstellung noch niemals zu sehen gewesen war, und daß der Verein Jüdisches Museum zu Breslau mit der Veranstaltung dieser Ausstellung einen ganz neuen Weg beschritten hat. Nach der Führung fand ein Vortrag von Dr. Hallo, Kassel über „Jüdische Handwerker und jüdische Künstler" statt, der im besonderu daraus hinwies, daß das Kunstgewerbe und die Kunst der Juden in vergangenen Jahrhunderten immer im engsten Anschluß zur Kunst ihrer eigenen Zeit gearbeitet hatte. Die eigentliche Arbeitstagung fand dann am Nachmittag in den Räumen des Gemeindehauses statt, die als wesentlichsten Punkt der Tagesordnung eben die Frage der Errichtung einer losen Vereinigung der jüdischen Museen und ähnlicher Sammlungen aufwies. Man war sich im Prinzip über die Notwendigkeit einig, und nach eingehender Aussprache über die Fragen, wie weit man in der Einbeziehung der Archive und Bibliotheken gehen sollte, kam man zu dem Ergebnis, eine „Arbeitsgemeinschaft für Sammlungen jüdischer Kunst und Altertümer" zu bilden. In ihr soll Breslau zunächst auf ein Jahr den Vorort bilden und in der Geschäftsführung durch die Herren Professor Dr. Bronner, Wien, Dr. Hallo, Kassel, Dr. Karl Schwarz, Berlin unterstützt werden. Der Ausschuß wird sich nun zunächst mit der Frage der Abgrenzung des Sammelgebietes für Bibliotheken und Sammlungen, ferner mit der Frage, ob die Sammlungen kulturhistorisch-ethnographisch oder kunsthistorischer Art sein sollen, zu befassen haben. Schließlich wird auch die Frage zu prüfen sein, in wie weit die einzelnen Museumsvereine, die sich ja in erfreulicher Anzahl immer weiter bilden, ihr Sammelgebiet auch landschaftlich abgrenzen müssen. Ferner wurde beschlossen, die jüdische Presse regelmäßig mit Nachrichten über die Tätigkeit der neuen Interessengemeinschaft zu unterrichten; größere wissenschaftliche Arbeiten jedoch sollen evtl, dem Notizblatt der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler überwiesen werden, an dessen weiteren Ausbau man denkt. Die nächste Tagung soll 1930 in Berlin, die übernächste 1931 voraussichtlich in Mainz stattfinden. Professor Meier Balaban, Warschau gab dann noch die mit sehr^ großer Zustimmung ausgenommene Anregung, die Städte jüdischen Volkstums im Osten, die heute noch durchaus den mittelalterlichen Charakter bewahrt haben, auf Exkursionen aufzusuchen. Den Teilnehmern an der Tagung wurden eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten überreicht, die von der geistigen Arbeit auf diesem Gebiete beredtes Zeugnis geben. Am Abend vereinigte noch ein gemeinsames Beisammensein die Teilnehmer, das vor allem Gelegenheit gab, im nahen Gedankenaustausch über die Zukunft jüdischer Sammeltätigkeit zu sprechen. Der nächste Tag gab den auswärtigen Freunden die Möglichkeit, die an mittelalterlichen Bauwerken so reiche Stadt Breslau, sowie eine Reihe bedeutender Privatsammlungen kennenzulernen. Am 12. März fand auf Einladung des Hilfsvereins der Deutschen Juden und der Großloge für Deutschland im Logenhaus, Kleiststraße 10, eine Veranstaltung statt, in der Herr Dr. Mutschnik, der Delegierte des Kischinewer Hilfskomitees für die hungerleidende jüdische Bevölkerung in Bessarabien, über das Thema sprach: „Die Lage dev Juden in Bessarabien, Gegenwartsprobleme und Ausblicke". Der Versammlung präsidierte Herr Rabbiner Dr. Leo Baeck; er begrüßte mit warmen Worten Herrn Dr. Mutschnik, der trotz Erkrankung in der Versammlung nicht fehlen wollte. In der Person des Herrn Dr. Mutschnik sei die Geschichte der Juden Bessarabiens in den letzten Jahrzehnten personifiziert. Er habe sich schon nach dem Kischinewer Progrom im Jahre 1903 an die Spitze des Hilfswerks gestellt. Den Hilfsverein habe zur Einberufung der Versammlung der Gedanke geführt, der der bestimmende des Hilfsvereins sei, daß es für die deutschen Juden keine Not, kein Leid in der Ferne gibt. Jedes Leid in der Ferne sei ihr Leid, das sie zur Hilfe auftufe. Bessarabien sei von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht worden, die sich durch die Kälte besonders schlimm gestalte. Hungersnot in emem Ackerbaulande wie Bessarabien bedeute etwas anderes als in anderen Ländern. Herr Dr. Mutschnik dankt Herrn Rabbiner Dr. Baeck für die herzlichen Begrüßungsworte. Er sei nach Berlin gekommen, um an die Pforten des Hilfsvereins zu.klopfen und um Hilfe zu bitten. Vor sechsundzwanzig Jahren habe er zum ersten Mal, als er mit dem Hilfsverein wegen des Hilfswerkes für die Opfer des Pogroms in Kischinew in Verbindung trat, eine Idee von einer großen jüdischen Hilfsorganisation bekommen. In der schwersten Zeit nach dem Kischinewer Pogrom, als Kischinew von aller Welt abgeschnitten war, habe der Hilfsverein einen Delegierten dorthin entsandt. Die Führer des Hilfsvereins, der unvergeßliche Dr. Paul Nathan und Dr. James Simon, lebten in Bessarabien im Gedächtnis der älteren Generation fort und werden stets ein Vorbild echter Menschenliebe bleiben. Sodann berichtete er über die Lage m Bessarabien. Die Zahl der dortigen Juden betrage ca. 300 000 — 10°/0 der Gesamtbevölkerung Bessarabiens. Die meisten Juden wohnen in den Städten. Von Landwirtschaft leben m Bessarabien etwa 40 000 Juden, sie treiben Ackerbau, Wein- und Tabakbau. Weitere Teile der jüdischen Bevölkerung beschäftigen sich mit Arbeiten, die mit der Landwirtschaft in Beziehung stehen. Die übrigen widmen sich dem Handel, dem Handwerk und freien Berufen. Nach dem Kriege seien die wirtschaftlichen Verhältnisse umgestaltet worden durch die Agrarreform, die Aufteilung des Großgrundbesitzes unter die Bauern. Es erfordert Zeit, sich den neuen Entwicklungsformen anzupassen. Jca und Joint leihen dabei ihre Mithilfe. Sodann sei ein großer Verband von 40 Kooperativer, der verschiedenen Städte geschaffen worden, um den Juden zu Helsen. Er beschrieb des Näheren, welche Kalamitäten durch die aufeinanderfolgenden Mißernten hervorgerufen worden seien. Schon im Jahre 1925 habe sich ein besonderes Hilfskomitee in Kischinew gebildet. Traurig sei die Lage der Juden schon in früheren Jahren gewesen, aber erst nach der Mißernte des Jahres 1928 sei es zu der jetzigen Katastrophe gekommen, die schon vom September ab bestände. Vier Monate seien keine Nachrichten aus der Provinz gekommen. Erst im Dezember sei man nach einer Informationsreise eines Vertreters der Zeitung „Unser Zeit" über die Lage unterrichtet worden. Dr. Mutschnik schildert höchst eindrucksvoll, wie jeder einzelne, jede Familie sich scheue, Mithilfe in Anspruch zu nehmen und buchstäblich erst alle Phasen der Not und des Hungers durchmache, ehe sie sich schweren Herzens dazu entschließen. Im Januar 1929 sei die Aktion angefangen worden und zwar mit einem winzigen Reservefonds von 3000 NM., der aus den Mitteln des Komitees vom Jahre 1925 verblieben sei. Auf die Person sei bei dieser Verteilung etwa zehn Pfennig pro Tag gekommen. Die Mißernte von 1928 hat von neun Kreisbezirken Bessarabiens vier in Südbessarabien und 1^ in Mittelbessarabien betroffen, mit einer Bevölkerung von ungefähr 40 000 Familien — etwa 160 000 Personen. Ausgiebiger als in gewöhnlichen Zeiten müsse sich nach alter Tradition die Verpflegung zu Pessach gestalten. Zum notdürftigen Unterhalt der Hungernden bis zur neuen Ernte im Sommer wären mindestens noch 30—40 000 000 Lei 750 000—1 000 000 RM. erforderlich. Die erste Organisation, die zu Hilfe gekoinmen sei, war der Hilfsverein der Deutschen Juden, an den sich das Komitee auch zunächst gewandt habe. Die deutschen Juden hätten stets ein besonderes Verständnis für die Lage der Juden im Osten gezeigt. Des weiteren haben auch die aus Bessarabien stammenden Juden in Argentinien tatkräftige Mithilfe geleistet. Allmählich seien auch Gelder von anderer Seite gekommen. Nachdem Herr Dr. Baeck Herrn Dr. Mutschnik seinen Dank ausgesprochen hat, gibt der Generalsekretär des Hilfsvereins. Herr Dr. Mark Wischnitzer, einen kurzen Ueberblick über die Hilfs- 7