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Jüdische Wochenschau · 1961-01-03 · 1841 (3.1.1961) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1841 (3.1.1961)
Date
1961-01-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German, Spanish
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5 Mar*«4. 3 de Enero de 19S1 LA UM A K A ISRAXL1IA Aîb XXir. — Ha 1311 — 7 grosser rosser Wenn einmal die Geschichte der letzten grossen Rabbiner Deutschlands geschriebeu werden sollte, so wird die Gestalt von Dr. Joseph Carlebach, des letzten Oberrabbiners von Hamburg, einen besonders hervorragenden Platz in ihr einnehmen. Und zwar deshalb, weil er nicht nur bei den Anhängern einer begrenzten Richtung innerhalb des Judentums höchstes Ansehen genoss, sondern in allen Kreisen, bei den Talmudautoritäten Osteuropas ebenso wie bei den „Landsjuden“ Deutschlands, bei Aschkenasim wie bei Sefarditn — ja, selbst die Gestapobeamten. die während der Hitler-Aera beauftragt waren, seine Rede-i zu überwachen, pflegten nach der Predigt ihm ihren Dank für seine mit hinreissender Beredsamkeit vorgetragenen Gedanken auszudrücken. Der verdienstlichen Aufgabe. eine ausführliche Biographie dieses letzten grossen deutschen Rabbiners zu verfassen, hat sich sein einziger noch am Leben weilender Bruder, Rabbi Dr. Naftali (Hartwig) Carlebach unterzogen. Das in leiehtverständlichem Englisch liebevoll geschriebene. sehr gut ausgestattete, mit vielen Illustrationen versehene Werk hält mit einer Fülle von Einzelheiten das Bild dieses auch im Privat- und Familienleben grossen Juden für die Nachwelt fest („Joseph Carlebach and his Generation“, published by the Joseph Carlebach Memorial Foundation Inc.. New York, 1959). Das Buch bietet jedoch weit mehr als nur biographische Dat»n Es ist zugleich ein Stück deutsch-jüdische Gemeinsehaftsgeschiehte. Darüber hinaus wohnt ihm auch ein religionswissenschaftlieher Wert inne, denn der beinahe ein Drittel des Werkes umfassende Anhang bietet ausführliche Inhaltsangaben der über zahlreiche Gebiete der Judaistik sich er. streckenden Arbeiten Carlebachs. z. B. über „Religion und Wirtschaft“, eine Wür digung Lessings, vor allem aber Kommentare und Einleitungen zu einigen Büchern der Bibel (Hohelied. Ruth, Koheleth, die Profeten Jesaja. Jeremía und Ezechiel), Wo Carlebach. den Spuren seines Meisters Prof. David Hofimann folgend, die oft an den Haaren herbeigezogenen Argumente der sog. „Bibelkritik“ widerlegt. Joseph Carlebach wurde 1883 in Lübeck geboren, wo sein Vater, Dr. Salomon Carlebach, als Rabbiner wirkte. Gleich vieren seiner Brüder schlug auch er die Rabbinerlaufbahn ein und lag seinen j Studien am Hiluesheimer Se. ¡minar in Berlin ob. das dajmals unter der Leitung des 'bedeutenden Halachisten und jBibelinterpreten Prof. David j Zwi Hofimann stand. Nebenjher studierte er an der Universität Mathematik und Naturwissenschaften. Mit einer Dissertation über den bekannten mittelalterlichen Philosophen, Bibelkommentator und Mathematiker Rabbi Levi b*n Gerson (Ralbag, Gersonides) promovier- 1 te er „summa cum laude“, j Kurz danach erhielt er eine Berufung an die „Lae- J mel“-Schule in Jerusalem. Er nahm sie an und lernte im I!Heiligen Land den damals in Westeuropa noch ziemlich unbekannten Rabbiner von 'Jaffa, Abraham Isaac Kook, kennen. Carlebach war einer der ersten, der in der deutsch-jüdischen Presse auf diese grosse Persönlichkeit hinwies. Nach Deutschland zurückgekehrt, heiratete er die Tochter des Arztes Dr. Julius Preuss, des Verfassers ¡ des Standard-Werkes „Bibjlisch-Talmudisehe Medizin“. I Ganz nebenbei wirc uns hier ein Charakterzug von dem -jüdischen Berufsethos dieses | Arztes erzählt, das uns heu- I te — kaum 50 Jahre danach i— beinahe legendär anmu- I tet. Dr. Preuss liess sich in einer der ärmsten Gegenden j Berlins nieder, um vor allem j den armen Bevftlkerungsj schichten ärztlich beizustejhen. Als ihm Kaiser Wilhelm!-ir. den Titel „Königlicher Sanitätsrat“ verlieh, nahm er ihn an. Als ihm der Kaiser jedoch auch den „Professor“- Titel anbot, lehnte er ab. Warum? Weil er befürchtete. die unbemittelten Kran.! ken konnten meinen, als j „Professor“ werde er ein hojhes Honorar verlangen und 1 könnten durch diese Angst | davor zurücksehrecken, ihn zu konsultieren...! In den Jahren vor Ausi bruch des ersten Weltkrieges finden wir den damals Jetzt erreichte uns die traurige Nachricht, dass unser lieber Freund HERBERT SCH ENDEL in Berlin am 20. Dezember plötzlich und unerwartet verschieden ist. Tm Namen seiner Freunde HERBERT und BETTY DRESEL JO und LOTTE BERLINER Jüdische Wochenschau in Montevideo/Uruwiiav Einzelnummer 40 Centesimos Jahresabono 25.— $ urug. ABONOS — AVISOS — COBRANZA Sra. L Löblowitz Paraguay 1164, piso 2, apt. 9 Distribuidor: KIOSK TUREK Constituyentes 1757 Tel 42-640 •kaum 30jährigen Carlebach ^sowohl als Vorkämpfer der il912 gegründeten ,,Agudas ■ Jisroel“ wie auch als einen 'Streiter gegen die von den ¡liberalen Rabbinern unter •Führung von Dr. Cäsar Seligmann herausgegebenen „Richtlinien“, welche u. a. die ewig gültige Verbindlichkeit der biblischen Sabbat. und Speisegesetze leugneten. Bei einer 3913 in einem der grössten Auditorien Berlins geführten öffentlichen Diskussion widerlegte [Carlebach glänzend die wissenschaftlich nicht fundierten Scheinbeweise der liberalen Rabbiner für die Verär.- [derlichkeit der göttlichen Gesetze. All diesen ideologischen Fehden bereitete der Ausbruch des 1. Weltkriegs ein jähes Ende. Carlebach kam als Soldat nach Litauen. Dort drohte den Jeschiwot grosse Gefahr, von den deutschen Militärbehörden als „reaktionär“ geschlossen-, zu werden. Nur dem Einfluss Carlebachs und seinem Schwager, des Bremer Rabbiners Dr. Leopold Rcsenak, bei der deutschen Heeresleitung war es zu verdanken, dass die Jeschiwot gerettet werden konnten. Zugleich betraute das deutsche [Oberkommando den jungen Carlebach damit, in Kowno ein jüdisches Gymnasium zu organisieren, das bald 803 [Schüler zählte und über welches auch Gronemann in „Hawdoloh und Zapfenstreich” lobend berichtet. Nach Kriegsende wurde Carlebach zunächs- Nachfolger seines Vaters als Rabbiner in Lübeck, jedoch schon 1920 erhielt er einen Rul als Direktor der „Talmud-Tora”- Realsehule in Hamburg, wo er seine pädagogischen Fähigkeiten voll entfalten konnte. 1926 wurde er Oberrabbiner von Altona. Als begnadeter Redner übte er einen tiefen Einfluss aut seine Gemeinde aus. Unter dem Eindruck seiner Predigten „verloren die Reichen ihren Hochmut, und di- Armen fühlten sich erhoben.“ Auch nach aussen hin verteidigte er wirkungsvoll die jüdischen Interessen. Als 1928 der Stadtrat von Altona beschloss, eine Chaussee anzulegen, die durch den jüdischen Friedhof führen' sollte, und jüdische Gräber exhumieren wollte, reichte Carlebach den Stadtvatern ein derart überzeugend abgefasstes Memorandum ein, dass sie von ihrem Vorhaben abli essen. Nicht nur aus Deutschland, auch aus Osteuropa wandte man sieh in schwierigen Situationen an ihn. Als in Litauen die antireligiösen und antinafionalen „Jiddischisten” das talmudische Lehrprogramm der Jeschiwot als „mittelalterlich und fanatisch” bei der Regierung denunzierten, wandte sich der litauische Rabbinerverband in seiner Not an Carlebach um Hilfe. Durch ein von ihm verfasstes Exp^é, das der litauischen Regierung vorgelegt wurde, gelang es, die drohende Gefahr abzu wenden. In seiner ganzen menschlichen Grösse zeigte er sich, als die Notzeit das Nationalsozialismus hereinbrach und die Fundamente des deutschen Judentums zu wanken begannen. In diesen Jahren bewährte er sich als ein wahrer „Führer der Irrenden“, der unermüdlich tröstete und die Zeichen der Zeit zu verstehen lehrte. Dabei bewies er ausserordentlichen Mut. Bei seinen Predigten war wie erwähnt, stets ein Gestapofceamter zugegen. Dennoch wagte er einmal folgenden Satz: „Man spricht jetzt viel von einem tausendjährigen Reich Ob der Nationalsozialismus nach 1.000 Jahyen noch bestehen wird, erscheint mit zweifelhaft Aber eines wissen wir sicher: Noch nach fünftausend Jahren wird man „Schma Jisrael“ sagen!” Immer düsterer wurde die Lage des deutschen Judentums. Wer nur irgend konn te, wandert« aus. jedoch Carlebach — der inzwischen Oberrabbiner von Hamburg geworden war — weigerte sich standhaft, den unglücklichen Rest seiner Gemeinde zu verlassen. Und so blieb er auf seinem Posten, bis auch er 1911 nach Lettland depöriert wurde. So gross war seine Liebe zur Tora, dass er noch im Konzentrationslager, an der Schwelle des Todes, täglich stundenlang, ’j^jjghiur.im über Ten ach -tu d Talmud erteilte'-— und zwar auswendig, da keit, jüdisches Buch ins Lager gebracht gebracht werden durfte. Am 26. März 1942 wurde er ermordet. Obwohl bald 2fl Jahre se t damals verstrichen shd. sprechen noch heute alle, die ihn kannten, in Ausariik. ken grösster Verehrung um seiner wunderbaren Per son - lichkeit. Ur.d das war er wirklich — ein Mann mit einem goldenen Herzen ühd von überströmender Men. schenliebe, ein Mann, der iange Reisen unternahm, um einen Kranken zu besuchen und ihm neuen Lebensmut einzutiösseh. ein Mann, der imstande war, kurz vor Sabbatbeginn alle für se;ne grosse Familie zubereiteten Mahlzeiten einer bedürftigen Familie wagzuschenken und mit den Seinen von irgend weichet: Resten zu' leben. Er lebt fort als eine Persönlichkeit, 'die Such auf indo*. ferente Juden eine'magische 'Anziehungskraft aus übte?' Als vor kurzem ehze Sirosse in' Jerusalem nach' Rabbiner Dr. Carlebach benannt wurde, ist ihm damit die verdiente Ehre widerfahren. Noch ' schöner aber ist die Ehrung, die ihm sein Bruder in seiner ausführlichen Biographie zuteil werden i.ests, denn es ist unmöglich, dieses Buch zu lesen, ohne dadurch ein besserer Jude x>i werden J. o. r-m »+9-m'rwwwwm'm »irirw» »i-1 V» m SIE i? i! ZAHLEN SIE EINHEITSKA WEIL ES IHRE n PFLICHT IST ANNAHMESTELLEN : CAMPAÑA UNIDA PRO ISRAEL Comité Centroeuropeo, Sarmiento 2376, 3*, T. E. 17-2320 vn<i sämtliche Sekretariate der ausgeschlossenen Organisationen und Gemeinden. t T

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