Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 73 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5 Israelitische Wochenschrift. Seite 73. Breslau, 30. Januar. (Diskutierklub Grätz.) Im jüdischen Rede- und Diskutierklub Grätz hier referierte am 24. Januar Herr Dr. jur. Paul Pofener über das Thema „Moderne Organisationen". Er führte etwa folgendes aus: Im wirtschaftlichen und politischen Leben ist heut allseitig das Streben darauf gerichtet, alle vorhandenen Kräfte zu wecken und nutzbar zu machen. Wenn auch jeder einzelne suchen soll, selbst nach eigenem Können zu wirken, so liegt doch das Hauptgewicht auf der Sammlung und dem Zusammenarbeiten aller Kräfte. Redner weist darauf hin, wie es die Sozialdemokratie besonders verstehe, durch ein wohlorganisiertes Vereinswesen, durch Agitatoren und die Parteipresse für ihre Sache zu arbeiten. Und wie die Extreme sich so oft berühren, so sehen wir auch in dem Bund der Landwirte eine gleich fest geschlossene Organisation. Beide verstehen es, durch das lebendige Wort nachhaltig auf die Massen zu wirken. Wie aber auch die Religion ein starkes Bindeglied zu bilden vermag, zeigt uns das Centrum, das sich eine ausschlaggebende Machtstellung in Deutschland erworben. Gleich ihm sollen auch wir Juden einen festen Punkt zu gewinnen suchen, damit nach außen hin die Interessen des Judentums vertreten werden. Wie es in Süddeutschland bereits der Fall, so soll auch in Preußen auf die Bildung von Konsistorien oder Körperschaften ähnlicher Art* hingewirkt ^werden. Doch auch unabhängig von der Regierung, soll ein Zusammenschluß aller jüdischen Elemente erstrebt werden. Aller Orten sollen Diskutierklubs gegründet werden, um geeignete Kräfte heranzubilden, und so eine Grundlage für umfassendere Organisationen zu schaffen. Analog dem deutschen Katholikentag solle die Bildung eines deutschen Judentages das Ziel bilden. Breslau, 28. Januar. (Vom Fränckel'schen Seminar.) Heute Vormittag hat hier eine erhebende Gedächtnisfeier für den Stifter des Fränckelschen Seminars stattgefunden, bei der die Kandidaten Dr. Johann Krengel, Dr. Julius Reach und Julius Zimels nach bestandener Prüfung als Rabbiner entlassen wurden. An diesem Tag ist auch, wie üblich, der Jahresbericht des Seminars erschienen. Wir erfahren daraus, daß das Seminar gegenwärtig 24 Hörer zählt und auf erfreuliche Erfolge blicken darf. Dem Bericht ist der zweite Teil der Abhandlung des Herrn Dr. S. Horovitz über „die Psychologie bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters von Saadia bis Macmuni voraufgeschickt. ns. Memel, 28. Januar. (Aus dem Literaturverein.) Am vorigen Mittwoch hielt vor zahlreich besuchter Versammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur Herr Rabbiner Dr. Carlebach einen Vortrag über „Rabbi Akiba Eger" (1752—1837), eine altrabbinische, durch lauteren, patriarchalischen Charakter ausgezeichnete Autorität. Der Vortragende verstand es, in herrlicher Sprache und Form die hehre Gestalt jenes alten Rabbi, des stillen Mannes mit den hohen Tugenden, dem Auditorium vorzuführen, und erntete reichsten Beifalls Paris, 28. Januar. (Emile Zola über Zionismus.) Die hebräische Verlagsgesellschast in Warschau hat kürzlich die hebräische Uebersetzung eines Zolaschen Romans herausgegeben. Dieses Buch wird mit einer Biographie des berühmten Schriftstellers eingeleitet, und der Verfasser der Biographie, N. Sloschtsch aus Odessa, hat im Auftrag der Verlagsgeseüschaft das Buch Herrn Emile Zola persönlich überreicht. Die Unterhaltung, die er bei dieser Gelegenheit mit dem großen Romancier gepflogen, bezog sich in erster Reihe auf den Zionismus. Emile Zola erzählte, daß er über diese Frage vielfach mit Bernhard Lazare gesprochen habe, und meinte: „Meine Ansicht von dieser Bewegung kann durchaus nicht von Wert sein, denn ich habe sie nicht studiert und kenne ihre Zwecke nicht. Ich kann nur als Outsider sprechen, und als solcher halte ich sie für sehr utopistisch. Der Zionismus erscheint mir wie eine Art von Kreuzzug. Die Juden in Westeuropa haben sich mehr oder weniger ihren Nachbarn assimiliert und stehen in ihrer Denkungs- und Auffaffungsart ihren Glaubensgenossen in anderen Ländern viel fremder gegenüber als ihren christlichen Nachbarn in Frankreich. Wie können Sie darauf rechnen, Alle zu vereinen? In Wahrheit ist doch trotz gewissen politischen und sozialen Druckes die Stellung der Juden in Ländern wie Frankreich nicht schlecht, und schließlich sind sie doch Franzosen. Was sollte sie denn dazu veranlassen, ihre Heimat auszugeben und in ein wüstes Land nach Asien auszuwandern? Die Religion? Davon besitzen sie zu wenig, um sich von ihr einen Kreuzzug aufzwingen zu lassen, und ihre nationalen Gefühle gehören Frankreich. In anderen Ländern ist es ebenso. Ich kann mir nicht vorftellen, wie ein aus so verschiedenen Elementen zusammengesetztes Volk vereint werden kann, und noch dazu in Asien. Ich weiß nicht sehr viel von Palästina. Ich hatte einmal die Absicht, nach Palästina zu reisen, dort ein Vierteljahr zu bleiben und zwei Novellen zu schreiben; eine sollte in der Zeit der Begründung des Christentums, die zweite in unseren Tagen spielen, und diese sollte das Leben der verschiedenen religiösen Sekten in Palästina schildern. Ich sprach mit dem Maler Tissot über diesen Plan; er kennt Palästina genau und hat dort viele Landschaftsbilder gemalt, und er hat mir abgeraten. Er sagte mir, daß das Land öde und verlassen ist, und daß eine lange Zeit dazu nötig wäre, es wieder zu beleben. Trotzdem kann ich das Gefühl nur billigen, das Sie veranlaßt, einen Ruheplatz für Ihr Volk aufrichren zu wollen. Ich verstehe auch sehr gut, daß die ungünstig situierten Juden den Versuch machen, ihre Lage zu verbessern, und wenn das möglich wäre, würde ich dem Plan durchaus nicht entgegen sein. Aber ist es durchführbar, daß ein Volk von acht bis zehn Millionen Menschen, selbst für den edelsten Zweck, in ein fremdes Land geht! Und was sollte die französischen Juden und ihres Gleichen veranlassen, fortzugehen und das Los ihrer Brüder in fremdem Land zu teilen? Selbst wenn es gelänge, alle Juden zusammenzubringen, was würde aus einer so seltsamen Mischung zu erlangen sein? Welches Gesetzbuch würde ihnen maßgebend sein? Welche Sprache würde sie einen? Ich glaube doch nicht, daß Sie daran denken, eine Monarchie zu etablieren. Was für ein Geist gehört dazu, in kurzer Zeit eine Wüste in zivilisiertes Land zu verwandeln! Das Bestehen einer jüdischen Nation würde Leute meines Schlages wie eine alte Legende anmuten. Eine jüdische Nation, ein jüdisches Land, das Wiederaufleben der heiligen Sprache: alle diese Dinge müßten