Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
Seite 70 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607314--7687-9607332
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 70. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. der Apostel der Slaven — im neunten Jahrhundert berichtet, auf seiner Durchreise durch Cherson in der Krim habe er viel mit den jüdischen Lehrern des Ortes sich unterhalten, die hebräische Sprache und die heiligen Bücher kennen gelernt?) Ferner die Berichte der Denkmäler des altrussischen Schrifttums über polemische theologische Dispute (11. Jahrhundert) des Theodosta Peczersky und des Metropoliten Jlarion mit den Kiewer Juden?) In Kiew soll die älteste Bibliothek des russischen Reiches existieren, deren Sammlung in der Zeit 1019—54 begonnen hat; in ihr sind auch hebräisch geschriebene Werke vorhanden?) Nach einem älteren russischen Historiker (Tatischzew), hat Swiatoslaw. der Besieger Chazariens, viele Juden als Kriegsgefangene in Kiew und Umgegend kolonisiert. (969)* *) Ueberhaupt von altersher zogen die Juden in Kiew den Handel an sich und gewannen dadurch Anerkennung; sie fanden ein weites unbearbeitetes Feld für Handel und Gewerbefleiß zum Wohl des Landes und genossen Ansehen. Selbst Wladimir der Heilige, trotzdem er die Religion der Juden nicht wählte, ließ sie in seinen Landen weiter wohnen und den Handel fördern?) Der erste Erlaß gegen die Chazaren-Juden ist aus dem Jahr 1010; jedoch hatte der Großfürst Swiatopolk am Ende des elften Jahrhunderts die Juden wegen ihrer Brauchbarkeit für den Handelsverkehr, für den die kriegerischen Russen damals keinen Sinn hatten, wieder herangezogen?) Solche milden Fürsten — freilich waren ihrer nur wenige — die sich bemühten, dem russischen Reich tüchtige kommerzielle Kräfte zu verschaffen, gingen sogar auch weiter, angesehene jüdische Kauf- und Handelsherrn des Auslandes unter den vorteilhaftesten Anerbietungen zur Uebersiedelung nach Rußland zu bewegen. Aber die Gunst der Fürsten währte nie lange, höchstens bis zum Thronwechsel. So hat auch in der Moskauischen Zeit Iwan III. (1462 bis 1505)*) die von ihm selbst zu den Juden angebahnten günstigen Beziehungen in seinen letzten Regierungsjahren gänzlich vereitelt8); noch mehr thaten es seine Nachfolger Wassili, hauptsächlich aber Iwan IV. der „Grausame", die die wenigen in ihrem Gebiet vorhandenen Juden geradezu vernichteten. Die Zahl der Juden im Moskauischen war so gering, daß das Volk sie überhaupt nicht kannte, und daher ist auch die Geschichtskunde von dort nicht nennenswert. 9 9 L. Bramsohn (russisch) in einem Sammelwerk der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung bei den Juden (Petersburg 1896) p. 282. Auch nach Zakrewski bei Stemberg, Geschichte der Juden in Polen, p. 9—10. (oä 1878.) 9 Hebräische Zeitschrift Hamagid II, Jahrgang Nr. 14, Namens eines russischen Historikers, von da Straschun in Füns Geschichte der jüdischen Gemeinde Wilna (hebräisch) p. 300. 9 Nach russischen Quellen bei Sternberg a. a. O. 10. 9 I. B. Lewinsohn „Teudo be-Israel“. (hebräisch) p. 45. 6) Sternberg a. a. O. p. 15. *) Elk, Jüdische Kolonien in Rußland (1886). Einleitung p. 14. 9 S. M. Dubnow in seiner russischen Bearbeitung der Geschichte der Juden nach Dr. Bäck und Dr. Brann mit vielen Ergänzungen des Uebersetzers zur Geschichte der polnisch-russischen Juden. (Odessa 1896) II. Teil p. 242. Eine Geschichte und Kulturgeschichte der Juden hat sich dafür in großen Zügen in polnisch-littauischem Gebiet entwickelt. (Fortsetzung folgt.) Sind die Speiskgefttze nur hygienische Maßregeln? (Zum Wochenabschnitt nrn-) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Es ist oft nicht leicht, ein Ganzes richtig zu beurteilen, das groß und vielfach gegliedert ist. Die Menge der einzelnen Teile, deren jeder beiträgt, daß der Zweck des Ganzen erfüllt werde, verwirrt das Auge des^ungeübten Beschauers. Zeigt uns aber Jemand den Kernpunkt des Ganzen, gewissermaßen den Herzpunkt, von dem aus alles übrige sich gebildet und zu dem alles übrige wieder zurückläuft, so wird uns auch der Sinn des Ganzen klar, so geht uns das Verständnis für das Ganze wie für das Einzelne auf. Die Lehre Israels hat einen solchen Kernpunkt, zu dem alles Uebrige wie die Ausführung und weitere Entfaltung sich^verhält, und dieser Kernpunkt sind die Worte: „Ihr sollt mir sein ein Priesterreich und eine heilige Gemeinde", die keinen anderen Sinn haben, als daß Israel im Dienst der Menschheit die Lehre empfangen, um priesterlich ihr den Segen zu vermitteln, den der Herr all seinen Kindern zugedacht. Es ist demnach klar, daß alle Kategorien von Geboten und Verordnungen, wie von einem rein geistigen Prinzip ausgehend, so auch einen höheren, rein sittlich-geistigen Zweck im Auge haben. Neben den unmittelbaren und durch den Wortlaut des Gesetzes ausgedrückten Wirkungen, die einzelne Gebote, wie die hygienischen, politischen re. herbeizuführen bestimmt sind, waren sie auch alle insgesamt darauf berechnet, in dem einzelnen Menschen wie in dem Gesamtvolk alle höheren geistigen und moralischen Anlagen zur Entfaltung zu bringen. In diesen Gesamtplan gehört jedes einzelne Gesetz mit Notwendigkeit, keines konnte weggelaffen werden, ohne daß eine Lücke dadurch entstand. Sie fassen in ihrer Gesamtheit den ganzen Menschen ins Auge, bei dem alle seine Teile, Körper, Geist und Seele, im engsten Zusammenhang stehen, so daß jede Einwirkung, die einer von ihnen erfährt, dem Ganzen zu Gute kommt. Profane Gemüter haben hinter vielen Geboten der mosaischen Gesetzgebung profane Zwecke gesucht. Hat man nicht die Speisegesetze mit ihrer ängstlichen Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren, ferner zwischen dem, was auch von einem reinen Tiere zu essen erlaubt oder unerlaubt war, auf eine unter jenem Himmelsstrich wohl angebrachte Sorge für die Gesundheit zurückgeführt! Hat man nicht diesen Gesetzen die sogenannten Reinigungsgesetze zur Seite gestellt! Und doch, was kann unbedachter sein, als eine solche Scheidung zwischen Gesetz und Gesetz! Und was widerspricht dem Geist der alttestamentlichen Religion mehr, als die Annahme, daß irgend ein Gesetzgeber gewagt habe, seine medizinischen Thesen in die Form göttlicher Gebote zu kleiden! Allerdings sind die Zeiten, in denen man meinte, ein biblisches Buch nur dann für authentisch halten zu dürfen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.