Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 491 gliedern vielmehr überlassen bleiben, je nach Belieben zu der großen zionistischen Bewegung Stellung zu nehmen. Zangwill sagt, daß der neue Verband jedes Landgebiet in Betracht ziehe, vorausgesetzt, daß das Gebiet gut und erwerbbar ist. Der Zweck des Verbandes ist, für diejenigen Juden, die in dem Lande, in dem sie sich augenblicklich befinden, nicht bleiben wollen oder können, ein Gebiet auf autonomer Basis zu schaffen. Zur Erreichung dieses Zieles schlägt der neue Verband vor: J. Alle Juden, die den oben genannten Zweck billigen, zu vereinigen; 2. mit Regierungen sowie mit öffentlichen und privaten Instituten in nähere Beziehung zu treten; 3. finanzielle Institute, Arbeitbureaus und andere Einrichtungen zu schaffen, die für notwendig erachtet werden. — Zangwill läßt sich des längeren über die Notwendigkeit des neuen Verbandes aus. Er konstatiert, daß jährlich etwa 100 000 Juden den Ländern den Rücken wenden, in denen sie Not und Verfolgung zu ertragen hatten. Er weist dabei hauptsächlich auf Rußland hin. Die dortigen Bezirke sind überfüllt, und da in Rußland selbst die notwendige Ausdehnung der angesammelten Volksmasse verhindert wird, bricht der Menschenstrom nach andern Ländern über die User und zwar hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten und England, und in zweiter Linie nach Kanada, Argentinien und Südafrika. In allen Zusluchtsländern ist es, wie Zangwill nachweist, das Bestreben der Einwanderer, bei ihren Freunden zu bleiben, und dies führt seiner Ansicht nach zu der Errichtung der großen ungesunden Gettos. Nach einiger Zeit sind auch diese Zufluchtsgebiete überfüllt, und der Einwanderung wird dann gesetzlich Einhalt getan. Zangwill sagt: „Ist es nicht unsere Pflicht, uns zu beeilen, ein eigenes Zufluchtsland zu finden, solange die Tore noch offen sind? Ist es für jüdische Arbeit und jüdisches Kapital möglich, dieses Zusluchtsland zu schaffen?" — Die „Morningpost" ist der Ansicht, daß die Vorschläge Zangwills jedenfalls ernstester Beachtung wert sind. Die Zeitung glaubt, daß unter der großmütigen Souveränität Englands die Juden aus Britisch- Ostafrika ein reiches Land machen könnten. Sollte sich das Land nicht eignen, so werde ein anderes Gebiet zur Verfügung stehen, und die Juden könnten davon überzeugt sein, unter englischer Oberherrschaft Gerechtigkeit und volle Gewissensfreiheit zu finden. -i- * Hegen den „Wund". Kein Tag vergeht jetzt, ohne daß die russische Polizei Uriasbriefe gegen die revolutionäre Bewegung fabriziert. Gestern galt es der Bewegung in den Ostseeprovinzen, heute dem „Bunde" der jüdischen Proletarier, die heldenmütiger, geschlossener und opfervoller wie jede andere Organisation für die Sache der Freiheit kämpfen. Das.neue gegen den Bund gerichtete Machwerk ist geradezu eine Regierungsprovokation zu Judenhetzen. Nicht die Juden sind es, die man zu Tausenden hingeschlachtet hat, sondern die Juden haben vielmehr die Christen niedergemetzelt. Man lese dieses schamlose Produkt derwieder aufloderndenKischinew-Politik: Aus Petersburg berichtet die Petersburger Telegraphen- Agentur: Das Polizeidepartement hat eine Mitteilung veröffentlicht, wonach seit Ende 1904 eine intensive Tätigkeit der verschiedenen revolutionären Parteien im westlichen Teile Rußlands herrschte, gemeinsam gegen die Regierung vorzugehen. Eine jüdische Geheimgesellschaft „Der Bund" begann in agressiver Weise gegen die Christen vorzugehen; auch die polnischen Revolutionsparteien entwickelten besondere Tätigkeit und bildeten Kampforganisationen terroristischen und „anarchistischen" Charakters. Ihr Zweck war, in dem politischen und wirtschaftlichen Leben durch Attentate und Ausstände in den bedeutenderen Zentren Warschaus möglichst große Verwirrung hervorzurufen. Diese Absicht ist in den letzten Monaten mit besonderer Hartnäckigkeit verwirklicht worden. Alle Bemühungen der Vertreter der gemäßigten politischen Richtung, die erregten politischen Leidenschaften zu besänftigen, sind erfolglos geblieben. Auf ein Sendschreiben des Erzbischofs von Warschau an die Bevölkerung, worin dieselbe zur Einstellung der Opposition ausgefordert wird, antwortete die terroristische Partei mit Aufforderungen, welche die Arbeiter zur Fortsetzung des Kampfes gegen das Kapital und zur Herbeiführung einer allgemeinen Revolution anfeuerten. In der zweiten Hälfte des Juli erfolgte eine Reihe von der Gesellschaft „Der Bund'" organisierter Kundgebungen in Berditschew. Lublin, Kowno, Bialystok, Jekaterinoslaw und verschiedenen Punkten des Westgebietes Einen Zusammenstoß mit dem Militär in Bialystok nutzten die sozialistischen und revolutionären Organisationen zur abermaligen Aufhetzung der Warschauer Arbeiter aus. Als Ausdruck der Sympathie für die Opfer der Unruhen in Bialystok forderten in Warschau verbreitete Proklamationen den Generalstreik. Die Kampforganisation gab bekannt, daß es ihr gelungen sei, die Kreisrentei in Opatow um 10000 Rubel zu berauben. Aehnliche Versuche wurden in den Städten Wengrow und Lubartow gemacht. Die letzten Ereignisse in Warschau, welche bekannt sind, führten zur Verhängung des Kriegszustandes in der Stadt und dem Kreise. Mit dem „Bund" werden also zugleich die polnischen Organisationen polizeilich verleumdet. Wieder hat man kein Wort für die Untaten der Kosaken und Polizisten. Einen „Zusammenstoß" mit dem Militär nennt das Machwerk harmlos jenen grauenhaften Massenmord Wehrloser in Bialystok! * * * Pie Greuel in Malyffok. Die jüdische Gemeinde in Bialystok hat an den Generalgouverneur eine Eingabe gerichtet, in der sie die Greueltaten vom 12. August schildert. Es wird darin festgestellt, daß das Militär sich so benommen habe, als ob es sich in einem Vernichtungskriege gegen die jüdische Einwohnerschaft befinde. Während mehrerer Stunden wurde jeder Jude und jede jüdische Frau, gleichviel welchen Alters, die sich auf der Straße aufhielten, unbarmherzig niedergeknallt; einige besonders eifrige Abteilungen drangen auch in die Häuser ein. Dabei wurden auch einige christliche Arbeiter getroffen, aber anscheinend nur durch Irrtum oder Zufall. — Die tolle Schießerei des Militärs dauerte volle vier Stunden, von 4 bis 8 Uhr nachmittags; getroffen wurden dabei zumeist ältere Leute, die gerade zu der Zeit aus den Gebethäusern kamen. Auf ihr Vorgehen bei der höheren Polizeibehörde wurde den Juden geantwortet, das Vorgehen des Militärs sei als Strafe anzusehen dafür, daß die Juden die Revolutionäre nicht an die Staatsgewalt auslieferten. Die jüdische Gemeinde sucht nun dem Generalgouverneur klar zu machen, daß man von ihr solche Dinge nicht verlangen könne, daß sie auch außerstande sei, sie zu leisten, da sie nicht besser über die Tätigkeit der Revolutionäre unterrichtet sein könne, als Polizei und Gendarmerie. Sie bittet den Generalgouverneur, eine eingehende Untersuchung über die Vorkommnisse anordnen zu wollen, und das nicht sowohl um die Schuldigen zu bestrafen, als „um den Polizeibeamten klar zu machen, daß sie mit der Vernichtung der friedlichen Bevölkerung der Regierung keinen Gefallen tue." * * -ft Km Iuöikänm der Juden in Amerika. Ein Vierteljahrtausend ist verflossen, seitdem die Juden in Amerika eine Freistatt fanden. Im Jahre 1055 gestattete die Westindische Gesellschaft in Holland einer Anzahl Juden, in Neu-Amsterdam, dem jetzigen Newyork, sich anzusiedeln; aber diesen Ansiedlern wurden nur engumgrenzte Rechte eingeräumt. Sie durften Grundeigentum erwerben und ihren Gottesdienst innnerhalb ihrer Behausungen ungestört ausüben. Nur ein bestimmtes Viertel von Neu-Amsterdam sollten die Juden bewohnen; aber