Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 490. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35 ja recht eigentlich der Grundgedanke des Christentums und darum hätte auf alle das Wort des Klosterbruders: „Nathan, Ihr seid ein Christ — ein besserer Christ war nie!" Anwendüng finden können. «„dwi» * * * Ich rechne den Antisemitismus zu jenen geistesbeschränkten und engherzigen Ansichten, die, wie der Teufels- und Hexenglaube, der religiöse Fanatismus, heiße er Reaktion oder Radikalismus, die Sozialdemokratie usw., aus einseitigen und antikritischen Standpunkten entsprungen, und zu beklagens- und verdammenswerten Verirrungen führen können. Die Verfolgung einer einzelnen Nation oder Konfession ist ebenso zu verurteilen, wie es die einseitige Lobeserhebung einer solchen und die daraus sich entwickelnde Verfolgung aller übrigen sein würde. Otto Henne am Rhyn. LitevelrischekS. Pie Psalmen im Metigionsunlerrichl. Dies ist der Titel eines von S. Andorn-Krefeld auf der 47. Jahresversammlung der israelitischen Lehrer in Rheinland und Westfalen gehaltenen und nunmehr bei M. Lehrberger & Co - Rödelheim im Druck erschienenen Vortrags. Ein einziger Bogen, aber schätzbarer als manches umfangreiche Buch. Wie viel lichtes Denken, tiefes Empfinden, pädagogisches Können bezeugen die paar Blätter! Und der Ausdruck ist überall gewählt, nicht gesucht; nirgends begegnet uns jene Geisireichheit, wie sie dem Strebertum sogenanriler Literaten eignet und das Shakespearesche Urteil herausfordert: „In jedem Dutzend Worte zwölf zu viel." Einige Druckfehler — wie beispielsweise S. 4 das Gellertsche Kirchenlied: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht" als auf Ps. 139 statt aus 118 (Vers 24) beruhend angegeben ist — stören wenig. Zu Cornills Verherrlichung der Psalmen (S 6) sei noch Ewalds Lob gefügt: „Verglichen mit den Poesien anderer alten Völker, erscheint die hebräische Lyrik wie aus einem noch einfacheren, jugendlicheren Zeitalter der Menschheit, von innerer Fülle und Anmut überwallend undnoch wenig bekümmert um äußeren Schmuck uud feineres Kunstgesetz. Allein gerade diese wunderbare Unbefangenheit, diese um äußere Reize unbekümmerte Freiheit einer übrigens edeln Poesie ist nur da möglich, wo die Gedanken, welche dem Dichter entgegenkommen, von solcher Erhabenheit und Würde, Innigkeit und Stärke sind, daß sie sich selbst genügen und am Ilebsteu in ihrer eigenen einfachen Größe bleiben." Wenn der Verfasser «das.) meint, der Psalmist habe seine Leier auch für die Unmündigen gestimmt, so ist ihm darin ebenso beizupflichten, wie dem trefflichen Ausspruch Herders, den wohl noch niemand in dessen „Geist der Ebräischen Poesie" ohne Interesse zu lesen vermochte: „Man möchte sagen, ein Gott habe die alte ebräische Sprache für kindliche Meuschen erfunden, um mit ihnen wie ein Spiel der frühesten Logik zu spielen." Die methodischen Ansichten, die der Vortrag entwickelt, werden wohl fast durchweg den Beifall fortgeschrittener Schulmänner finden. Sonach können wir das Schriftchen nur wärmstens empfehlen. Wer es sorgfälug gelesen, wird einen Hauch jenes Geistes verspüren, der frei ist in aller Frömmigkeit und fromm in aller Freiheit. y Zu den bevorstehenden Wückter-Wrozesten finden jetzt Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter statt. Am 26. September wird gegen den Grasen Pückler wegen Anreizung zum Klassenhaß, begangen durch eine Rede in Bernau, verhandelt werden. Umfangreicher wird ein zweiter Prozeß sich gestalten, der dem Grafen wegen seiner letzten Berliner Reden und der auf den Straßen verteilten Flugblätter bevorsteht. Um die Drucker und Verbreiter festzustellen, werden die Vorstandsmitglieder der „Pückler-Vereinigung" vernommen. -i- * * Ist ein Mnveschnittener aks Jude zu betrachten? Der königl. ungarische Kultus- und Unterrichtsminister hat kürzlich eine merkwürdige Entscheidung in bezug auf diese Frage getroffen. Der jüdische Fabrikdirektor F. Trebitsch in Kesmark ließ an seinem Sohne die Circumcision nicht vornehmen. Im vorigen Schuljahre wurde der Knabe in die dortige evangelische Schule eingeschrieben, wo er durch den Religionslehrer Heinrich Deutsch nach Weisung des orthodoxen Rabbiners vom Religionsunterrichte ausgeschlossen wurde. Trebitsch führte hierüber Klage beim Schulinspektor, der die Angelegenheit an das Unterrichtsministerium leitete. Der Minister hat nun, mit Berufung auf den § 1L des G.-A. XXXVIII: 1868 und den G.-A. XXXII: 1904 den Schulinspektor aufgefordert, dafür zu sorgen, daß dem Knaben der israelitische Religionsunterricht zuteil werde. Der Minister beruft sich auch auf das Gutachten der israelitischen Landeskanzlei, wonach die Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession, beziehungsweise die Teilnahme am Religionsunterrichte, von der Circumcision als conditio sine qua non nicht abhängig sei. * * * Gin jüdischer Minister. Das neue holländische Ministerium zählt zu se'nen Mitgliedern einen Israeliten, den Dr. jur. van Raalte, der sich jedoch keineswegs besonders lebhaft nach dem Portefeuille gedrängt hat. Es mußte ihm vielmehr sehr dringend zugeredet werden, ehe er sich zur Annahme entschlossen hat. Der preußische Justizmimster Schönstedt hat also in Herrn Dr. Raalte einen Reffortkollegen. Sollte einmal eine internationale Konferenz der Justizminister stattfinden — was ja heutzutage und zumal bei Nachbarländern keineswegs ausgeschlossen ist — dann dürfte der preußische Justizminister, den es ja immer eine gewisse Ueberwindung kostet, jüdische Juristen avancieren zu lassen, wohl einigermaßen in Verlegenheit geraten. * * Verbot der Abkommandierung jüdischer Studenten zu praktischen Arbeiten. Alljährlich werden von den höheren Speziallehranstalten während der Ferien Studenten der höheren Kurse zu praktischen Arbeiten aus Fabriken in verschiedenen Städten des Reiches abkommandiert. Wie nun der „Ssyn. Ot." erfährt, ist gegenwärtig von der Administration der Aufenthalt jüdischer Studenten unter den Fabrikarbeitern für schädlichbefunden worden. Auf Antrag des Moskauer Geneneralgouverneurs beabsichtigt daher das Unterrichtsministerium, die Rektoren aller Hochschulen des Reiches aufzufordern, zukünftig von erner Abkommandierung jüdischer Studenten zu praktischen Arbeiten auf Fabriken Abstand zu nehmen. Dadurch, schließt das russische Blatt, würden die jüdischen Studenten im Gegensatz zu den Studenten anderer Religionsbekenntnisse der Möglichkeit beraubt werden, sich die für ihren Beruf notwendigen praktischen Kenntnisse anzueignen. * Pie neuen Zionisten. Mr. Zangwill, der als Führer der Minorität auf dem Zionistenkongreß in Basel eine besondere Rolle spielte, hat ein Manifest erlassen, in dem er darauf hinweist, daß die Bildung einer neuen Partei Notwendigkeit wurde. Dieser neue Verband der den Namen „Jüdische territoriale Organisation" führt, nimmt als solcher keine Stellung zu dem Zionismus ein. Es soll seinen Mit-