Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 417. und der Möglichkeit, daß einige verfolgte Individuen von der Landung ferngehalten werden können, ist die Entscheidung nicht schwer " Mr. Stuart M. Samuel protestierte gegen die Behauptung, daß die armen Juden in Stepney der Stadt London zur Last fallen. Diese Armen werden von ihren eigenen Glaubensgenossen unterstützt, welche sie nicht soweit kommen lassen, daß sie öffentliche Unterstützungen annehmen müssen. Auch Mr. Duke bat | die Negierung dringend, Mittel und Wege zu finden, daß Juden,! welche nach England fliehen, um der drohenden Lebensgefahr t zu entgehen, nicht zurückgewiesen werden sollen, weil sie mittel-! los sind. Häufig seien ja viele Juden nur deshalb mittellos, weil die Regierung ihres Landes sie gründlich ausgeplündert und ihnen nur das nackte Leben gelassen hat. Lord Hugh Eecil empfahl gleichfalls, eine Form zu finden, um zu verhindern, daß die Bill diejenigen noch unglücklicher macht, welche in ganz Europa mit Ausnahme Rußlands einen Gegenstand tiefsten Mitleids bilden. Der Unterschied, den ein großer Teil der Bevölkerung zwischen den eigenen Landsleuten und den Angehörigen einer fremden Nationalität macht, vertrage sich weder mit Englands Vergangenheit, noch mit dem Christentum, welches vorschreibt, unser nationales Empfinden den moralischen Instinkten unterzuordnen. Redner ist überzeugt, daß die Nation, vor die Wahl gestellt, ihre Steuerlast zu steigern, um arme Flüchtlinge zu unterstützen, oder sie ihren Verfolgern auszuliefern, nicht zögern wird, sich für ersteres zu entscheiden. Man versetze sich doch in die Lage eines Mannes, der aus einem Massakre sein nacktes Leben gerettet hat, nachdem vielleicht einige Mitglieder sxiner Familie bei der Katastrophe ermordet worden sind. Wie könne man einem solchen Mann die letzte Zuflucht verweigern, bloß weil er einige Shillings zu wenig fun eigen nennt? Premierminister Balfour verwahrte sich gegen die Beschuldigung, daß er inhuman, oder gegen das Elend der russischen Juden gleichgiltig sei. Von allen Nationen und Regierungen habe nur die englische den Juden ein großes, fruchtbares Land angeboten, wo sie eine Zuflucht vor ihren Verfolgern finden könnten. (Gelächter auf Seiten der Opposition.) Nichtsdestoweniger müsse er wiederholen, daß in erster Reihe das Wohlergehen unseres eigenen Landes im Auge zu behalten sei. Auch der begeistertste Kosmopolit sucht in erster Reihe seine eigene Familie zu unterstützen. Es gibt noch kein Mittel, um festzustellen, ob jemand seine Heimat aus dem Grunde verläßt, weil er daselbst religiösen Verfolgungen ausgesetzt war, oder nur, um in einem fremden Lande besser fortkommen zu können. Nach Schluß der Debatte wurden in namentlicher Abstimmung die §§ 1—3 mit einer Majorität von 49—127 Stimmen angenommen, der Antrag Dilke mit der knappen Mehrheit von 34 Stimmen abgelehnt. Die Minist des Iildkiltiinis. Von Anatvle Lervli-Beaulieu. Man hat mich in Amerika gefragt: „Welchen Weg sollen die amerikanischen Juden einschlagen?" „Sind Sie ein Anhänger ver Assimilation? Welches Schicksal steht dem amerikanischen Judentum bevor? Hat es eine bestimmte Mission und welche ist das? Wird es nicht schließlich ganz verschwinden, wenn es sich assimiliert?^ Diese großen Fragen über die Zukunft der Juden und des Judentums sind mir schon in anderen Ländern vorgelegt worden. Und wie mißlich sie auch sind, ich habe sie nicht unbeantwortet gelassen. Auch in den Vereinigten Staaten habe ich als gewissenhafter Mensch meine ehrliche Ueberzeugung zum Ausdruck gebracht, wie ich sie durch die Lehren der Geschichten gewonnen habe. Dürfen die Juden sich assimilieren? Gewiß. Sie dürfen sich in Amerika und Europa mit den Völkern assimilieren, unter denen sie leben und die Bürgerrechte anerkennen. Sie dürfen Amerikaner werden in Amerika, wie sie Franzosen werden in Frankreich und Engländer in England geworden sind. Sie dürfen alle partikularistischen Vorurteile beiseite werfen und sich dem modernen Leben und den modernen Sitten anpassen. Aber Assimilation bedeutet noch nicht Absorption. Der Jude in den Vereinigten Staaten kann ein guter und treuer Jude bleiben. Um ein guter Bürger der Republik zu werden, braucht er nicht seinen Glauben zu verleugnen und seine Traditionen aufzugeben; im Gegenteil, er soll seinem Gotte und seiner Bibel treu bleiben. Und denen, die mich nach der Mission des amerikanischen Judentums fragten, die wissen wollten, ob das Judentum auch in der neuen Welt weiter bestehen werde und ob es sich nicht von der amerikanischen Freiheit werde auflösen lassen, gab ich eine ähnliche Antwort. Das Judentum kann nur so weiter bestehen, wie es bisher feit zwanzig Jahrhunderten bestanden hat, d. h. als Religion. Wenn also die Juden in Europa oder in Amerika nicht verschwinden wollen, dann brauchen sie nur an ihrem alten Kult und an ihrem Glauben festzuhalten. Andererseits würden auch ihre Fähigkeiten, ihre Energie und ihre Intelligenz mit ihrer Religion verschwinden, denn diese allein hat ihnen die Individualität durch die Jahrhunderte bewahrt. Die Existenz der Juden hängt noch heute, wie immer, von dem Fortbestände des Judentums ab. Und die Mission dieses Judentums scheint mir mit seiner Bibel und seinen Propheten in Verbindung zu stehen. Es ist vor allem eine religiöse und eine moralische Mission, nämlich die, die Gottesidee aufrecht zu erhalten gegenüber dem wachsenden Materialismus uiid dem modernen Heidentum und die beiden großen Begriffe von der Väterlichkeit Gottes unb der Brüderlichkeit unter den Menschen, die dem Judentum und dem Christentum gemein sind, zu verteidigen und zu verbreiten. Mit Hilfe Gottes daran zu arbeiten, daß Geeechligkeit und Friede regieren, das ist eine Aufgabe, die dem Ehrgeiz der Juden beider Welten vollauf genügen kann. Und bei diesem großen Werke können die Juden Europas und Amerikas auf die Mitarbeit der besten ihrer christlichen Mitbürger rechnen. Ein Mkimraildiim mliiffiirr Juki itu dir Drrtrrtrr drr ärmkiWS. Gleichzeitig mit der allgemeinen Verfassungsbewegung in Rußland tritt immer stärker der Emanzipalionskampf der Juden in Rußland hervor Die vielen blutigen Exzesse der letzten drei Jahre haben weite Kreise der jüdischen Bevölkerung aufgerüttelt und zur Schaffung von Organisationen zum Ziveck der Selbstverteidigung und zu einem mutigen und energischen Verlangen der elementaren bürgerlichen Rechte geführt. In den Kommunalverwaltungen innerhalb des Ansiedlungsrayons, wo bis jetzt, selbst in den Städten, deren Bevölkerung mehr als 70 Prozent Juden zählt, wie Berdischeiv, Brest-Litewsk u a. nur durch Ernennung, nicht durch freie Wahl zugelassen wurden, haben in letzter Zeit diese Scheinvertreter der lüdischen Bevölkerung ihre Aemter niedergelegt, indem sie erklärten, daß sie es mit ihrer Menschenwürde nicht für vereinbar halten, ohne Mandat ihrer Glaubensgenossen diese zu vertreten, zumal da ihre Stimmen (in Brest-Litewsk z. B. zwei unter ^6 bei einem Verhältnis von 70 zu 30 Prozent!) gar nicht zur Geltung kommen. Aehnlich haben in Minsk, Bobruisk, Kowno, Mohilew, Grodnov, Kischinew, Wilna die jüdischen Stadtverordneten ihre Demission gegeben. Andererseits haben Vertreter der jüdischen Intelligenz in Moskan ein ausführliches Memorandum an die dort versammelten Vertreter der Semstwos gerichtet, worin unter Bezugnahme auf die bevorstehende Einberufung einer Volksvertretung mit anerkennenswertem Mut eingehend die Rechtlosigkeit dargelegt wird, unter welcher die Inden am meisten im Reich leiden, und entschieden verlangt wird, daß ihnen die Gleichberechtigung mit den andern Bürgern gewährt werde. In dem Memorandum wird u a. ausgeführt: Von all den Beschränkungen, welche auf dem russischen Juden lasten, ist die schrecklichste die Beschränkung des Wohn-