Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 418. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. rechtes auf den sogenannten Ansiedlungsrayon Von 78 Gouvernements und Provinzen Rußlands (ohne Finland und Polen) sind für uns Juden nur 15 offen und selbst innerhalb dieser wenigen Gouvernements nur die Städte, nicht aber die Dörfer und Landgebiete. Bei all der in Rußland herrschenden Rechtlosigkeit ist einer ähnlichen Beschränkung kein anderer Stamm, keine andere Konfession, keine andere Klaffe der Bevölkerung unterworfen. Sogar die schwersten Verbrecher verlieren nicht für immer das Recht sich den Wohnort zu wählen, dem Juden aber wird ohne seine geringste persönliche Schuld nur deshalb, weil er Jude ist, genauer gesagt, weil er den jüdischen Glauben bekennt, d. h. einen einzigen Gott verehrt, von der Geburt an und für das ganze Leben das elementare Menschenrecht geraubt, das Recht des Menschen, in seinem Vaterland zu wohnen und an dem für ihn notwendigen Ort zu leben und zu arbeiten. In dem Memorandum wird ferner auf zahlreiche Unerechtigkeiten und Gewalttaten hingewiesen, die seit der Aufebung der Leibeigenschaft gegen die Juden verübt worden sind, bis die Exzesse von Kischinew und Homel die Juden zwangen, zur Selbsthilfe zu greifen. Zum Schluß wird ausgeführt, daß wenn die in Aussicht stehende Einberufung der ersten Volksvertretung den allgemeinen inneren Frieden bringen solle, es notwendig sei, „daß vorher alle Völkerschaften und alle Klaffen gleiche Rechte erhalten, daß die Gleichheit aller vor dem Gesetz anerkannt und zur Bedingung gemacht werde, um dadurch die Freiheit der Wahl zu sichern, sowie die Unverletzlichkeit der Person, welche gleichzeitig mit der Freiheit des Wortes, mit dem Versammlungs- und Vereinsrecht gewährleistet werden muß". Sonst bleibe in den Händen der Administration eine mächtige Waffe, um die Stimme des Volkes zu fälschen, indem sie einerseits durch Versprechungen und Drohungen, andererseits durch künstlich geschürten Haß zwischen den Völkerschaften einen Druck ausübe und die Einigung aller Volkskreise verhindere. Die Hauptpflicht aller Semstwos werde es sein, für den Schutz des Gesetzes und des Rechtes einzutreten". Die Politik. Was die Juden dem Antisemitismus zn danken haben. In einem Artikel der Frankfurter Halbmonatsschrift „Das Freie Wort", der an die Angelegenheit des Henckelschen Zehn Millionenfonds anknüpft, sucht der Verfasser das Paradoxon zu beweisen: Die Juden hätten einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Erfolge dem Antisemitismus zu verdanken. Er führt diesen Gedanken wie folgt alls: „Indem man es den Juden unmöglich machte, ihre Söhne im Staatsdienst unterzubringen, waren sie fortdauernd genötigt, sie dem Handel und der Industrie zuzuführen Das mußte zu ihrem Heil ausschlagen, weil sie den riesigen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten vierzig Jahre voll ausnutzen und so die Reichtümer sammeln konnten, auf denen heute ihre Machtstellung beruht. Die antisemitische Bewegung in den achtziger Jahren kam dieser Entwicklung noch zu Hil'e Während nämlich der Antisemitismus dem wirtschaftlich schwachen Juden den Lebenskampf schwer macht, ist er geradezu der Schutzengel für die reichen Juden geworden und zwar ganz besonders deshalb, weil er es ihnen ermöglicht, ihre Kinder gut zu erziehen. Das bekannte Wort, wonach der Geldsack und der Bettelsack alle drei Generationen in derselben Familie vorkommt, findet im allgemeinen offenbar ans die Juden leine Anwendung, und das verdanken sie in erster Linie dem Antisemitismus Denn die Klippen, an denen Söhne reicher christlicher Familien scheitern, räumt der Antisemitismus den jüdischen sorgsam aus dem Wege. Zunächst weiß der jüdische Jüngling, daß er nicht an der Staatskrippe unterschlupfen kann, er muß etwas lernen, weil er sonst nicht unterkommt! Er kann als Student am Korpsleben nicht scheitern, weil ihn im allgemeinen kein Korps aufnimmt — was bleibt ihm übrig, als zu arbeiten? Er kann nicht Reserveoffizier werden, spart dadurch wertvolle Zeit und viel Geld und wird nicht in das „noble Leben" hineingezogen, das so viele Söhne reicher Familien ihrem Beruf entfremdet — kurz alles wirkt mit, ihn seiner kaufmännischen und gewerblichen Tätigkeit zu erhalten. Statt mäßig bezahlte Stellungen als Richter, Verwaltungsbeamte, Offiziere usw. zu erstreben. zu denen ihn vielleicht sein sozialer Ehrgeiz hinzöge, muß sich der Sohn jüdischer Eltern Industrie, Handel, Bankwesen, Presse usw. als Feld seiner Tätigkeit auswählen, Berufe, für die ihn angeborene Anlagen noch besonders geeignet machen. Den Erfolg dieser überaus klugen Maßnahmen der regierenden Kreise sehen wir in der wirtschaftlichen Macht unserer jüdischen Mitbürger vor Augen. Es ist nämlich ein Gesetz des Lebens, daß alle staatliche Unterdrückung zum Heil des Unterdrückten ausschlägt." -i- * * Jüdische Aerzle an jüdischen Krankenhäusern. Die jüdischen Acrzte an Prager Krankenhäusern haben an die Israelitische Kultusgemeinderepräsentanz in Prag folgende Eingabe gerichtet: „Da die gegenwärtigen Verhältnisse den Gedanken an einen Neubau eines israelitischen Krankenhauses in Prag in absehbarer Zeit nahelegen, so gestatten sich die Unterzeichneten Aerzte, folgende Anregungen im Interesse des gesamten jüdischen Aerztestandes, wie nicht minder im Interesse des jüdischen Publikums, der löblichen israelitischen Kultusgemeinde zu unterbreiten. Die Zustände im allgemeinen Krankenhause haben sich unter deutsch-nationalem Einfluß im letzten Jahrzehnt sür die Ausbildung der jüdischen Aerzte derart ungünstig gestaltet, daß ihnen allmählich eine Klinik nach der anderen versperrt wird. Seit dem Jahre 1695, in welchem Herr Professor Anton- Woclfler die Leitung der deutschen chirurgischen Klinik übernahm, gelang es keinem Juden, eine der vier Assisteutenstellen zu erlangen, und jetzt, wo es sich um die Besetzung der vierten Assistentenstelle handelt, wird dieselbe vakant gelassen, da kein geeigneter arischer Bewerber vorhanden ist, wohl aber chirurg'sch gut ausgebildete israelitische Operationszöglinge. Während der Abfassung dieser Zeilen erfahren wir, daß auf der chirurgischen Klinik eine bewährte jüdische Kraft, die durch dreieinhalb Jahre als Operationseleve sowohl in wissenschaftlicher als auch praktischer Richtung sich glänzend bewährt hatte, kurzerhand entlassen wurde; man ist allgemein gespannt, welchem neuen arischen Sterne damit der Weg zum vierten Assistenten gebahnt wurde. Besonders kraß aber sind die Verhältnisse an anderen Kliniken, unter denen in erster Reihe die interne Klinik des Herrn Professor Jaksch und die Ohrenklinik des Herrn Professor Zoufal zu nennen sind. An der Klinik von Jaksch ist der antisemitische Einfluß so mächtig geworden, daß nicht bloß seit einem Jahrzehnt kein jüdischer Assistent angestellt wurde, sondern auch seit mehreren Jahren kein Externarzt die Möglichkeit einer Ausbildung in diesem wichtigen Fache der ärztlichen Wissenschaft genießen konnte. Dasselbe gilt von der Klinik Zoufal, seitdem der Chef, durch eine langwierige Krankheit an der Leitung der Klinik verhindert, diese dem Dozenten Piffel übertragen mußte. Tatsächlich mußten von dem Zeitpunkt an, wo der Dozent die Führung der Klinik übernahm, sowohl der jüdische Assistent als auch der jüdische Externarzt die Klinik verlassen. Seither ist den Juden die spezialistische Ausbildung in Ohren und Nasenheilkunde in Prag unmöglich. Aus den mit den Kliniken in enger Verbindung stehenden Instituten für die Lehrfächer „Pathologische Anatomie" und „Gerichtliche Medizin" sind die Juden unter dem Einflüsse des deutsch-nationalen Chefs Hofrat Prof. Chiari und Pros. Dittrich verdrängt worden. Als nach langer Zeit Prof. Chiari infolge Aerztemangels sich gezwungen sah, einem jüdischen Arzt eine Assistentenstelle zu übertragen, wurde letzterer kurze Zeit darauf, als sich ein arischer Arzt fand, derart zurückgesetzt, daß er seine Stellung niederlegte, da er im Gegensätze zu anderen Kollegen Ehrgefühl im Leibe hatte. Professor Dittrich wählt sogar lieber einen arischen Studenten als einen jüdischen graduierten Arzt zum Assistenten. Und selbst die wenigen jüdischen Vorstände beugen sich vor dem allmächtigen deutsch-nationalen Einfluß und setzen die Juden allenthalben zurück. Hofrat Prof. Pick suchte sür die Stelle eines zweiten Assistenten einen arischen Arzt in Prag, Wien und Innsbruck, obwohl an seiner Klinik genügend geeignete Aerzte waren ^die nur den einen Fehler hatten, Juden zu sein. Daß die Assistentenlaufbahn auch den tüchtigsten jüdischen Aerzten an den nichtoperativen Kliniken verschlossen bleibt.