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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · p. Seite 416

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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Seite 416. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Platz gehen, würde eine passende Beschäftigung finden, und für mich und die Familie würde es besser sein." Alle Kolonisten haben ihren Ssamowar mitgenommen und lieben sehr den Tee. „Wir bangen uns nach Rußland — sagte mir einmal mein Gastwirt; wie Sie wollen, es ist doch das Vaterland, und das Vaterland liebt jeder. Hier kann man zwar frei leben, niemand rührt dich an, aber doch ist alles fremd; man muß sich an alles gewöhnen." Wenn die Hebräer nach Buenos-Aires kommen, so sind alle über ihr seltsames, erschöpftes Aussehen erstaunt; langschössige Röcke, geflickte schmutzige Mützen, Peijes, auf den mageren Gesichtern Niedergeschlagenheit. Aber in Argentinien werden sie rasch neue Menschen; sie tragen keine Peijes mehr, ihre Kleidung ist die aller Argentinier, das Gesicht gewinnt einen offenen, kühnen Ausdruck. Besonders das junge Geschlecht, das schon die Schule durchgemacht hat und spanisch spricht, hat sich die Lebensweise, die Manieren, die Bräuche und Interessen der Argentinier angeeignet. Sogar dem Geld gegenüber legen sie eine gewisse argentinische Nachlässigkeit an den Tag. Wie die richtigen Argentinier stopfen sie die zerknitterten papierenen Pesas nachlässig in ihre Taschen. Am meisten aber hat Krjukow in Erstaunen gesetzt, daß sich bei den jüdischen Kolonisten Argentiniens ein richtiges landwirtschaftliches Leben entwickelt. Die Leute verschmelzen mit der Landwirtschaft, weil sie sehen, daß ihre Arbeit keine verlorene ist, die sie zu steigendem Wohlstand führt. In Argentinien sei der Beweis geliefert, daß man bei einer gewissen Organisation, bei einer gewissen Verausgabung von Mitteln die in schmutzigen Städchen eingepferchte jüdische Bevölkerung in Landwirte umwandeln könne. Nur müsse man im Auge behalten, daß sich eine solche Umwandlung natürlich nicht durch den Erlaß dieses oder jenes Gesetzes, sondern nur durch eine praktische Organisation, durch ein teilnahmsvolles Verhalten zu der Bevölkerung erreichen lasse. Air Jmuiiriiliill in England. Bei der letzten (dritten) Lesung der Fremdenbill im Unterhaus hat die Regierung selbst einen Antrag eingebracht, wonach „der Mangel an Mitteln zum Lebensunterhalt kein Grund sein soll, einen Fremden auszuschließen, der in England nur einwandern will, um zu vermeiden, daß er aus religiösen Gründen oder wegen politischer Angriffe verfolgt und bestraft werde, oder um der Verfolgung wegen seiner religiösen Ueberzeugungen zu entgehen". Der Antrag wurde angenommen, nachdem alle Redner dafür eingetreten waren, daß für Flüchtlinge, die aus politischen und religiösen Gründen in England Zuflucht suchen, das Asylrecht aufrecht erhalten bleibe. Damit ist die Gefahr, welche unseren Glaubensgenossen, die in England Schutz suchen, drohte, wenn nicht ganz beseitigt, so doch jedenfalls wesentlich vermindert. Bereits bei der zweiten Lesung des Gesetzes bestritt in wirksamer Rede der Arbeiterführer John WttkNS, daß das Gesetz das Sweating-System beseitigen würde, und daß die Unglücklichen, welche in England Zuflucht suchen, die Freiheit bedrohen; diese Behauptungen seien nichts weiter als Wahlmanöver der Konservativen, welche nicht davor zurückschrecken, Tausende von Armen und Elenden, die Einlaß begehren, noch elender und ärmer zu machen, nur um ihre erschütterte Machtstellung auf, echt zu erhalten. „Lassen Sie doch jeden zu uns kommen, der arbeiten kann! Den reichen Juden innerhalb der konservativen Partei rufe ich zu: „Denkt daran, daß Ihr vor 40 Jahren in derselben Lage wart, in welcher die hier Schutz suchenden Angehörigen Eurer Nation sich gegenwärtig befinden!" Möge die konservative Partei sich hüten, einen Rassenkampf zu fördern, der auch die reichen in ihrer Mitte sitzenden Juden früher oder später treffen muß!" Den Höhepunkt erreichten die Verhandlungen mit der Beratung des Antrags, daß niemandem die Landung verwehrt werden dürfe, der nach England kommt, um sich Mißhandlungen zu entziehen, deren Grund in seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgenossenschaft liegt. In seiner Begründung des Antrags führte Sir Charles Ditke u. a. aus: „Ich gebe zu, daß die parlamentarischen Wortführer der Bill sich nicht von antisemitischen Motiven leiten lassen. Indessen außerhalb dieses Hauses gibt es sehr viele minderwertige Personen, welche von Fremden reden, aber ausschließlich die Juden meinen. Die Rede, welche der Premierminister bei der ersten Lesung gehalten hat, war von großer staatsmännischer Bedeutung und hat alle Teile dieses Hauses in hohem Grade befriedigt Leider sind Reden keine Gesetze. Es gibt außerhalb dieses Hauses sehr viele Personen, welche die Bill gern zu antisemitischen Zwecken mißbrauchen möchten. Die Regierung hat zwar ein Amendement gutgeheißen, welches allen nach England kommenden Personen, die in ihrer Heimat aus religiösen Gründen verfolgt oder mit Strafen bedroht werden, das Asylrecht gewährt. Diese Bestimmung umfaßt jedoch keineswegs die große Mehrzahl der Fälle. Sie kann nur auf diejenigen russischen Juden Anwendung finden, die aus dem Ansiedlungsrayon ausgewiesen werden. Was geschieht aber mit solchen Juden, welche infolge solcher von der Polizei eingefädelten Judenkrawalle, wie sie in Kischinew stattfanden, ihre Heimat verlassen müssen? Solche Flüchtlinge begeben sich meistens nach Amerika, wo sie einen sehr wertvollen Bestandteil der Bevölkerung bilden." Nachdem mehrere liberale Redner den Antrag warm befürwortet hatten, ergriff der Premierminister Walsour das Wort, um zu erklären: „Die mittelalterliche Behandlung, welche die Juden in einem großen Teil Europas erdulden müssen, bildet einen Schandfleck in der europäischen Geschichte während der letzten 30 Jahre, und ich halte es für ein dringendes Gebot, alles zu tun, um die' Wirkung solcher schmachvollen Verfolgung zu mildern. Ich stimme mrl Sir Charles Dilke vollkommen überein, daß die Inden ein sehr wünschenswertes BevölkerunftSelement darstellen. Ich kann mich aber auch in den Gedankengang derer versetzen, die es als nicht vorteilhaft für ein Land ansehen, eine große Anzahl von Personen zu besitzen, welche, obgleich sie patriotisch, begabt und fleißig sind und lebhaften Anteil an dem Leben der Nation nehmen, dennoch fortfahren, eine besondere Nation für sich zu bilden und nicht nur von der großen Mehrheit des Landes durch ihre Religion getrennt sind, sondern es auch vermeiden, die Angehörigen anderer Glaubensgenossenschaften zu heiraten. Ich gebe wohl zu, daß die Sache in England noch lange nicht zu einer ernsten nationalen Frage gediehen ist. Es muß jedoch berücksichtigt werden, daß die großen Mißstände, die mit einer Einwanderung zahlreicher Angehöriger der jüdischen Nation verknüpft sind, sehr wohl Grund zu dem vom Vorredner und von mir selbst streng verurteilten Antisemitismus geben können. Es ist deshalb auch zu befürchten, daß in einer nicht nahen Zukunft unser Land in bezug auf die Juden dem bösen Beispiel der anderen Staaten folgen könnte. Das beste Mittel gegen eine solche Gefahr besteht in der vorsichtigen Anwendung des Asylrechts. Was die Frage betrifft, ob das Amendement Dilke die Lage asylsuchender Einwanderer verbessern würde, so wird der größte Teil der Immigranten von der Bill überhaupt nicht betroffen. Denkt nun die Opposition, daß die wenigen mittellosen Juden, die als Folge religiöser Verfolgungen Englands Küsten aufsuchen, von ihren Glaubensgenossen nicht mit Mitteln versehen werden würden, um in England landen zu können? Von allen religiösen Gemeinschaften sorgt keine so ausgibig für ihre Glaubensgenossen, wie die Angehörigen der jüdischen Religion. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die uns der Vorredner als Muster hingestellt hat, häufen für die Emigranten Hindernis auf Hindernis, ohne deswegen bisher ausgehört zu haben, für das unterdrückte jüdische Volk eine Zufluchtsstätte zu bilden. Endlich muß auf die großen Kosten hingewiesen werden, welche der Unterhalt mittelloser Fremder dem Lande verursacht, falls das Amendement Dilke im vollen Umfange angenommen wird. Zu einem solchen Akte nationaler Selbstaufopferung im Interesse verfolgter Angehöriger eines fremden Staats würde niemand England raten. Man denke an die schwere Bürde, welche auf einigen Gebieten des Landes durch den Unterhalt zahlreicher fremder Arme bereits jetzt lastet. Bei der Wahl solcher Lasten

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