Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 1. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 IA tteratu »־beri cht. Recensionen. Samuel David Luzzatto. Ein Gedenkbucli zum hundertsten Geburtstage, 22. August 1900. — Berlin, Albert Katz. (114 S.) Dieses Gedenkbucli verdankt sein Entstehen einer Anregung des Schriftstellers Dr. S. Bernfeld in Berlin, der durch Herausgabe mehrerer gut geschriebenen hebräischen Biographien und auch einiger deutsch geschriebenen Monographien sich einen Namen gemacht hat. Seiner Anregung gab der Vorstand des ״Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland“ Folge und betraute sechs Herren und eine Dame mit der Darstellung der hochbedeutsamen mannigfaltigen literarischen Leistungen des auf den verschiedensten Gebieten der jüdischen Wissenschaft hervorragenden italienischen Gelehrten. Ob die von dem genannten Vorstand zu dieser Arbeit Berufenen wirklich die geeignetsten und ״berufenen Gelehrten“ waren — wie es im ״Vorwort“ heisst — darüber dürfte doch dem, der die in dieser Schrift dargebotenen Beiträge aufmerksam durchgelesen hat, mancher leise Zweifel aufsteigen. Wenn man bei der Schlussseite des Gedenkbuchs angelangt ist, hat man das Gefühl, als ob die ganze wissenschaftliche Bedeutung des grossen Gelehrten nicht genügend gewürdigt worden sei. Mehrere dieser meist kurz gehaltenen Aufsätze sind nur als Mittelgut zu bezeichnen, einigt der Mitarbeiter standen offenbar nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe. Auf das lesenswerthe, von Bernfeld entworfene ״Lebensbild Luzzatto’s“ (S. 1 —24) mit erschöpfender Angabe seiner Schriften und zahlreichen Aufsätze in den verschiedensten in- und ausländischen Zeitschriften — S. 24 wäre unter No. 7 hinter ״Jeschurun“ hinzuzufügen gewesen ״von Kobak“, zur Vermeidung des gleichnamigen von Hirsch — folgt S. 25 -48 ein Artikel von Dr. Brann über ״die Familie Luzzatto“, mehr eine Bearbeitung des von S. D. Luzzatto selbst veröfföutlichten Materials zur Geschichte seiner Familie, wie der Herr Verfasser in einer Fussnote S. 27 und zum Schluss (S. 47) offen gesteht. Der Artikel enthält viele interessante und belehrende Einzelheiten. -- Der dritte Beitrag ״Luzzatto als Religionsphilospph“ von Dr. Philipp Bloch ist unstreitig der bedeutsamste in dieser Sammlung. Wir lassen zum Schluss eine * eingehende kritische Besprechung desselben folgen. Dagegen kommt das, was Luzzatto’s stärkste Seite war, seine Bedeutung als Bibelexeget, hebr. Grammatiker, Kenner des Targnm und der neuhebräischen Poesie, sowie als selbständiger hebräischer Dichter in diesem Gedenkbuch am schwächsten zum Ausdruck. Wer die epochemachende Bedeutung Luzzatto’s auf diesen Gebieten sonst nicht kennt, aus dem Gedenkbuch lernt er sie nie und nimmer kennen. Oder soll er vielleicht aus dem zwölfseitigen Artikel von Dr. A. Berliner: ״Luzzatto’s exegetische Thätigkeit“ den Bibelexegeten שד״ל würdigen lernen? Da wird ja Luzzatto’s freier kritischer Blick gradezu apologetisch verkleinert. Der Verfasser sucht förmlich nach Entschuldigungsgründen für Luzzatto’s freimüthige Auffassung eines zum biblischen Kanon gehörenden Buches, dessen Kanonizität schon die Weisen des Talmuds beanstandeten. (Wenn Luzzatto auch später als Lehrer am Collegium Rabbinicum einige Erklärungen zu diesem Buche zurücknimmt, so hält er doch daran fest, dass Salomo nicht der Verfasser desselben gewesen.) Man sollte sich doch endlich auf den wissenschaftlich einzig berechtigten Standpunkt stellen, wonach man ein gut conservativer rechtgläubiger Jude sein kann, wenn man auch bezüglich der Lesung oder Theilung eines Wortes oder Satzes in einem der biblischen Bücher anderer Ansicht ist als die Massoreten, Vocalisatoren und Accentsetzer. Nun soll wenigstens der Pentateuch gerettet werden, wenn auch nicht vor abweichender Vocalisation, so doch vor Konsonantenänderung. ״Den Text des Pentateuch will er frei von allen Conjecturen wissen“ — heisst es S. 77; aber auch diese Unterscheidung hält nicht ganz Stich. Wer Luzzatto’s Commentar zur Sidra ויהי kennt — zuerst veröffentlicht in Kobak’s ״Jeschurun“ Jahrg. III, hebr. Theil p. 22—49) —- der weiss, dass Luzzatto keinen Anstand nimmt, an der Pentateuchstelle 49,20 das מ׳ von מאשר שמנה 11חמו zu streichen, resp. als ם׳ zum Schlusswort des vorhergehenden Verses hinüberzuziehen und gegen die Massora zu lesen: והוא ינוד עקבם: אשר ש׳ ל׳. Ebenso zerreisst er ganz unbarmherzig und unmassoretisch den Vers 26; doch die ausführliche Darlegung dieses Punktes würde uns hier zu weit führen. Auch seine rationelle Erklärung der ״kleinen Buchstaben“ im Pentateuch durch die Abschreiber durfte nicht unerwähnt bleiben. Es genügt doch nicht zu sagen, Luzzatto hat dieses und jenes Buch der Bibel übersetzt und erklärt, ohne den Geist des Commentars durch Anfülirung einiger originellen Erklärungen als Proben dem Leser zum Verständniss zu bringen. Zweifelsohne wäre Prof. Dr. W. Bacher der geeignete Mann gewesen, Luzzatto als Exegeten und Linguisten gerecht zu werden. Da aber Dr. Berliner dazu für ״berufen“ erklärt war, um — wie der Verbandsvorstand im Vorwort sagt —- Männer verschiedener Richtung zu vereinigen, so blieb Bacher nichts übrig als ״Einiges zur Charakteristik Luzzatto’s aus seinem Epistolar“ auf wenigen Seiten (100-109) aphoristisch zu bieten*). Offen gestanden, Geigers i. J. 1866 (nicht 1865, wie Berliner S. 73 schreibt) in seiner ״Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben“ (S. 1—22) wenige Monate nach Luzzatto’s Tod veröffentlichter Artikel über Luzzatto würdigt den vielseitigen Gelehrten treffender und umfassender, als dies in dem ״Gedenkbuch“ der Fall ist; darum hätte dieser Artikel im Gedenkbuch auch nicht fehlen dürfen, schon deshalb nicht, weil Berliner gegen einen Theil desselben polemisirt. ln Kayserlings Beitrag, ״Luzzatto als Litterarhistoriker“ (S. 85—99) weht etwas von diesem Geiger’schen Geiste; im Uebrigen aber enthüllt er manches Urtheil Luzzatto’s über verstorbene Persönlichkeiten, das die Hand der Liebe und Verehrung lieber hätte verhüllt sein lassen sollen. Was soll man nun gar zu dem Schlussbeitrag: ״Uebertragnngen von Gedichten Luzzatto’s von Henriette Hirschberg“ sagen? Gleich die erste Zeile des übersetzten Epitaphs auf Michael Sachs s. A. ist unverständlich, es muss offenbar ״der Thora köstliche Saat“ heissen (st. köstlichen). Wie unrythmisch sind die Zeilen:, I)es Abend- und!Morgenlands Weisheit als Krone umglänzte ihn klar, Das Erbe .seiner Väter ihm theuer vor allem war. Wie die schönste Poesie durch unpoetische Uebertragung verunziert werden kann, sieht man aus dem zweiten Gedicht ״das Gebet“, von dem wir eine Strophe hier als Probe wiedergeben: Doch, dass ich immer weine, ist nicht meines Herrn (tebot, Er will, dass das Herz seines Volkes-sei stark in jeder Notli! Uns Annen gieb neues Hoffen, Du, aller Wesen Herr, Vor Dir meine Schmach ist offen, mein Gram, mein Leiden schwer. Befiehl der bösen Zunge, die wider mich sicli erhebt, Dass;111 ihr lästernd Toben als leerer Schall verseil webt. Die andern Strophen ver sch weben in gleicher Weise auf Stelzen dahin. Es folgen sodann — G. s. D.! — nur *) Ueber den Briefwechsel zwischen Kappaport und Luzzatto hat unser ״Litteraturblatt“ (1882) fünf beachtenswerthe Artikel gebracht.