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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-01 · N° 1. (1.1.1886) · p. Seite 4

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 1. (1.1.1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 — Bedürfnis empfangenerGutthat liebend zu gedenken, Liebe mit Liebe zu vergelten und ihr unvergängliche Altäre und Gedenksteine zu errichten auf den Tafeln unseres Herzens. Und dieser Herzensdrang zwingt uns heute eines zweiten edlen Glaubensbruders und echten Jüngers Mendelssohns eingedenk zu sein, dessen ewiger Heimgang ebenfalls auf den heutigen Tag fällt: des edlen, unvergeßlichen Eduard Laster. Eben heute (in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar) sind es zwei Jahre, daß er fern von Heimath und Vaterland, auf fremder Erde seinen edlen Geist aushauchte. Auch bei ihm sind die Erfolge, deren er in seinem öffentlichen Wirken theilhaft geworden, nur zu verstehen und richtig zu beurtheilen, wenn man sie auf dem Hinter- und Untergründe seines lauteren Herzens und Characters betrachtet, und, obwohl mitten im Politischen Tageskampf stehend, am äußersten linken F.ügel des freisinnigen Bürgerf thums, viel angefeindet und viel verketzert, war er doch ein rechter und echter Jünger des Meisters aus Dessau und in vieler Beziehung eine ihm sehr verwandte Natur: verwandt ihm in der Liebe zur Menschheit, in der Lust an der Wissenschaft, in Bedürfnißlosigkeit und Selbstlosigkeit, in der Liebe zur Wahrheit, ihm gleich in der Lauterkeit des Characters, in der Güte und Treue des Herzens, in der aus dem Innersten seines Wesens quellenden ungeheuchelten Bescheidenheit, in den: unausgesetzten Streben durch geistige Erleuchtung, durch Herbeiführung menschlicher und menschenwürdiger Institutionen an der Verbesserung des Menschengeschlechts wacker zu seinem Theile mitzuarbeiten. Aber noch einem dritten edlen Todten möchten wir heute einen Kranz dankbaren Gedenkens ans das frische Grab legen, dem jüngst Heimgegangenen Wolf gang Straßm a n n. Ganz wie bei Mendelssohn und Lasker wohnte auch in seiner edlen Brust ein uneigennütziges großes Herz und in diesem Herzen die Menschenliebe und Treue. Mag er auch an Umfang des Geistes Mendelssohn und Lasker nicht gleich gekommen sein, an edler Menschen- und Bürgertugend, an Barmherzigkeit und uneigennütziger Schaffensfreudigkeit steht er beiden Braven völlig ebenbürtig; ebenbürtig auch an der Liebe, die er in den weitesten Schichten überlebender Mitbrüder mit ins allzu frühe Grab nahm. Alle drei aber haben sie das große Glück gehabt, in den schönsten Epochen preußischer Geschichte zu leben und zu wirken und in ihr und großentheils durch sie das zu werden oder zu entfalten, was Kraft und Gabe des Geistes und des Gemüthes vom Himmel ihnen geworden. Und wie auch' Mißgunst, Haß und Vorurtheil an ihrem Thun und ihren Verdiensten zerren und ätzen mag, der Griffel Klio's wird für alle Zeit, wenn er ein Gesammtbild der Zeitepochen zeichnet, in denen sie gelebt, auch ihre Namen nicht ganz vergessen oder verblassen lassen und ihnen die Würdigung angedeihen lassen, die edles Wirken allezeit verdient. VonMendelssohn bis Straßmann, vom ersten Einzug M.'s in das Rosenthaler Thor, bis zum letzten Ausgang St.'s aus Berlin, welch Riesenkluft in der Entwicklung unseres speciellen Volkslebens! Wie Vielen ist sie s. Z. wobl unausfüllbar erschienen! Daß sie aber trotz alldem und all- - dem überbrückt worden, und wo dies noch nicht geschehen, doch nicht mehr unüberbrückbar erscheint, das danken wir in erster Reihe Dir, edler Moses, und Deiner Saat und Jüngerschaar, Geistern wie Eduard Lasker und Wolfgang Straßmann! Und „wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten!" Max Weinberg. Dir Nachfolger Mendelssohns. So mächtig der Einfluß Mendelssohns auf seine Zeitgenossen war, so wenig hat er es vermocht, eine Schule zu bilden. Diejeiligen, die die lebhafteste Begeisterung für ihn ur Schau trugen, waren oft schlau genug, ihre Ansichten in 5 aller Schnelligkeit Mendelssohn unterzuschieben und wenn sie dann Mendelssohn verherrlichten, so meinten sie im Grunde nur ihre eigene werthe Persönlichkeit. Zwischen Fried länder und Mendelssohn war ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde, obgleich doch Friedländer in begeisterter Verehrung Mendelssohn's das Möglichste leistete und nach dem Tode dieses Weisen, gewissermaßen als der Erbe seines Geistes betrachtet wurde. Nein, nicht Fnedländer hat den Geist Mendelssohn's erneut, sondern wir müssen sagen, fast neunzig Jahre hindurch nach M.'s Tode erhob sich keiner in Deutschland, der in die Spuren dieses tief religiösen Denkers trat. Erst Leopold Zunz hat den echt Mendelssohn'schen Geist wieder erweckt. Mendelssohn hat gerade für seine Glaubens genossen mehr noch durch seine Persönlichkeit, als durch seine Schriften gewirkt, oder vielmehr sein Charakter war der Herold seiner Werke. In seiner Persönlichkeit verkörperte er die historische Kontinuität im Judenlhum, die er kaum be griff, die Friedländer und sein Anhang verleugneten. Er hatte mit der Genialität, die sich bei ihm noch mehr auf sittlichem Gebiete, als auf geistigem offenbarte, richtig herausempfunden, wie dem Judenthum zu helfen sei, daß diejenigen, die in übertriebener Hast vorwärts stürmten, bald vereinsanU sein müßten. Zunz hat ein reiches und gesegnetes Leben daran gewandt, das Verständniß für Israels Vergangenheit zu wecken; er ist der Fortsetzer Mendelssohns und es ist bezeichnend, daß der „Verein für die Kultur und Wissenschaft des Judenthums", dessen Seele Zunz gewesen ist. eine Ausgabe der Werke Mendelssohns in die erste Reihe seiner Arbeiten gestellt hat. Jndeß so viele Versuche Zunz auch machte, aus der Studirstube heraustreten und auf das religiöse Leben seiner Glaubensgenossen einen praktischen Einfluß zu gewinnen, wir wissen diese Versuche nicht geglückt; das kann natürlich unserer Verehrung für Zunz keinen Eintrag thun, und wollen wir Mendelssohn bei der Gedächtnißfeier an einem Lebenden ehren, so beugen wir uns in Ehrfurcht vor dem grauer: Haupte Leopold Zunz's, denn er ist ein Nachfolger Mendelssohn's, er ist Geist vor seinem Geiste. Aber Mendelssohn hat noch einen andern Nachfolger gehabt, dem es gelungen ist, auf das ganze deutsche Judenthum befruchtend zu wirken; das ist der Mann, den die Berliner Gemeinde ein halbes Jahrhundert nach dem Tode Mendelssohns zu ihrem Oberrabbiner gewählt hat, das ist Zacharias Frankel s. A. Die Geiger, die Holdheim betrachteten Mendelssohn als einen überwundenen Standpunkt, als einen Mann, der mehr eine alte Zeit geschlossen, als eine neue begonnen hat. Die Orthodoxie, wenn sie auch vielleicht heute im Momente allg emeiner Begeisterung gute Miene zum bösen Spiel macht und halb mitjubelt, kann sich mit dem Manne nicht besreu n den, der es klar ausgesprochen hat: „Ich werde es nicht läugnen, daß ich bei meiner Religion menschlicheZusätze und Mißbräuche wahrgenommen habe, die leider ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln". Das ist nicht die Sprache derer, die auf jeden Paragraphen des Schulchan aruch schwören. Wenn die Orthodoxen sich heute gegen ein Denkmal Mendelssohn's sträuben, so ist daran nicht nur das Spinngewebe ihrer talmudischen Bedenken schuld, auch der Grund, daß Mendelssohn persönlich ein Monument würde abgelehnt haben, ist sehr schwach. Göthe hat sich kräftig genug geäußert: „Wer Eure Verehrung nicht kennte, nur Euch, nicht ihnen setzt Ihr Monumente" — das hat die Deutschen aber nicht gehindert, Göthen Denkmäler zu setzen: sondern die Orthodoxen erkennen, daß jede Huldigung, die man dem Andenken Mendelssohn's zollt, ein Verdammungsurtheil ihrer Bestrebungen ist. Mendelssohn's echte Erben sind: die Schül er Frankels, die Breslauer schule, die ganz so wie Mendelssohn von rechts und links angefeindet wird.

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