Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 1. (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585336--6037-9585339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
( — 3 — Well er mit peinlicher Treue jeden frommen Brauch übte und dadurch das Vertrauen der Strengsten uno Frömmsten hatte, konnte er eme Bewegung erwecken, die weithin die jüdischen Kreise erregt und neue Gestaltungen hervorgerusen hat. Er hat die Einführung der deutschen Predigc und des deutschen Liedes in das jüdische Gotteshaus angeregt, er hat an den unwürdigen und den Juden entwürdigenden Formen des alten Judeneides mit Macht gerüttelt, er hat die häßlichen Auswüchse des altjüdischen Beerdigungswesens erfolgreich bekämpft, er hat durch seine Uebersetzungen das Judenthum zu seinen reinen Quellen wieder zurückgeführt, er hat vor Allem Bresche gelegt in die Mauer, welche seine Genossen vom deutschen Vaterlande trennte; nur weil er den Gott der Väter ehrte und kündete, war ihm diese Macht gegeben. Beide aber, der Mofeh, der die Thora gegeben, und jener andere Mose, der sie unserem Verständniß wieder nahe gebracht hat, haben sich zu dem Erlösungswerke, das sie ausgeführt haben, nicht gedrängt, sondern sie sind zu ihm gedrängt worden. Mosel) wird der bescheidenste aller Menschen in der Schrift genannt, und Moses Mendelssohn war wohl der bescheidenste Manu seines Zeitalters. Moseh weidete bis zu seinem achtzigsten Lebensjahre die Heerde Jetro's und Moses Mendelssohn hatte den schlichtesten Lebensberus erwählt und hat ihn nie verlassen. Aber Moseh, der Mann mit der schweren Zunge, der der Aufgabe, vor Pharao hinzutreten, sich so gern entzogen hätte, hat nachher mit kühnem Muthe vor dem tyrannischen Könige für sein Volk geredet und die Zunge verlor ihre Schwere, als sie für das Recht sich aussprach. So hat Mendelssohn, den Krankheit fast nie verließ, der nur mühsam die Worte hervorbrachte, sich stets zurückgehalten; aber selbst einem mächtigen und ruhmreichen Könige gegenüber hat er, da es sein mußte, wie bekannt ebenso klug als muthig seine Ueberzengung vertheidigt und der demüthige Mann hat sich nie vor Menschen gedemülhigt und nie eine Dcmüthigung gelassen hingenommen. Und selbst in dem trübsten Punkte dieser beiden Menschenschicksale finden wir eine gewisse Aehnlichkeit. Nicht nur, daß beide das Land ihrer Sehnsucht nur von fern sehen durften, Moseh Kanaan und Mendelssohn das bürgerlich und religiös befreite Israel, so sahen auch beide in ihren leiblichen Nachkommen nicht die Erben ihres Geistes. Man kann überhaupt von Moseh sagen, daß ihn von seinen Zeitgenossen nur wenige verstanden haben, daß lange Zeit die Thora das Erbe Weniger gewesen ist. Das Schicksal Moses Mendelssohns war nach dieser Richtung besonders hart und schwer. Seine Nächsten haben die Fahne verlassen, die ihm theurer als das Leben gewesen ist; aber wenn auch heute seine Nachkommen und die Sprößlinge derer, welche ihm am lebhaftesten zugejauchzt haben, abseits stehen und sein Werk verlängnen, so fehlt es ihm nicht an Männern, die sich freudig nach ihm nennen; Samuel, obgleich durch Jahrhunderte von Mosel) getrennt, war dennoch sein Schüler, sein Sprosse. So fehlt es Mendelssohn auch heut nicht an Sprossen, an Jüngern; seine Philosopheme mögen vergehen; aber seine Persönlichkeit, jene innige Vermählung von Religion und Aufklärung, von Deutschthum und Judenthum, von Treue gegen die-Vergangenheit und Achtung vor der Gegenwart ist für alle Zeiten lehrreich. Wenn dereinst Gott das Israel dieser Zeiten aus Enge und Jrcthum völlig wird erlöst haben, dann wird es Gott aus den Höhen aufgeklärter Rellgiosität dienen, auf denen ein Mendelssohn zu seinem Gott gebetet hat. Amen. Zum 4. Januar, 1786 1886. Hundert Jahre seit dem Tode Moses Mendelssohns! Hundert Jahre seit dem Tode ves Mannes, der, obwohl kein Genie ersten Ranges, mehr als irgend ein deutscher Jude zuvor und seitdem bessernd eingewirkt auf eine menschlichere Stellung seiner Glaubensbrüder, bessernd eingewirkt auf die Veredelung seines Volkes, aber auch zu einem bescheideneren Theil mitgewirkt an der Verbesserung und Veredelung der deutschen Nation und der Menschheit?z überhaupt. Hundert Jahre! ^Vielleicht eben die richtige Perspective, um die «summe des Thuns und Streb.ns eines j bedeutenden Mannes zu ziehen, um diejenige Aus- und Rückschau zu halten, welche jedem „Juden bei dem Namen \ dieses seines edlen Stammesgenossen sich anfzwingt: die Vergleichung zwischen dem Einst und dem Jetzt in der Stellung des Judenthums inmitten der Völker und Bekenntnisse, die es umgeben. Den Lesern dieses Blattes gegenüber ‘1* darf eine detailirtere Schilderung der grenzelllos traurigen n äußeren Lage und Stellung der Juden zur Zeit Mendels- 'l sohns wohl für überflüssig gelten, und wenn auch durch die * Riesenanstrengung unserer Feinde von Jetzt Manches, und 1 vielleicht leider weit mehr als sich in Zahlen Nachweisen läßt, ' wieder verloren gegangen, Manches nur als Schein besitz sich erwiesen, Anderes schwankend geworden und in Frage gestellt, oder sich ganz losgelöst, so ist der Theil. der uns geblieben, und großentheils durch Mendelssohn uns geworden und seitdem uns nimmer wieder entrissen werden kann, immer noch so groß, um tröstenden Balsam in die Wunden zu träufeln, die all unsere Hasser ringsumher uns geschlagen, immer noch so groß, daß wir unfern Schmerz und unsere Trauer zur Verzweiflung zu steigern keinen Anlaß haben. Und daß dem so ist, und daß auch Herbststürme intensivster Art nicht Alles entwurzeln und vernichten konnten, das danken wir Dir, edler Moses, mehr als irgend wem, daran hast Du den Löwenantheil im eigentlichsten Sinne dieses Bildes. Alle Prozesse und Staatsactionen, die im Völker- und Staatenleben Deutschlands vor sich gegangen, alle gewaltigen Kriege, Erfindungen, Alles, was Kunst und Wissenschaft seit hundert Jahren gezeitigt, hat als Einzelnes keinen so einschneidenden, keinen so unaustilgbaren Einfluß auf die Verbesserung der Lage der Juden und des Judenthums geübt, als dieser bescheidene Schreibersohn aus Dessau, Nehmt aus diesem ganzen Bau welchen Stün ihr immerhin wollt, die Lücke wird minder groß sein, als bei der Herausnahme dieses Eck- und Grundpfeilers in dem Neubau unseres Volkslebens von Mendelssohn bis heute. Ohne ihn wäre trotz des edlen großen Ephraim Lessing, trotz Encyclopädisteu und Aufklärung, trotz Napoleons, Cremieux, Riessers, Montefiores rc. trotz Pulver und Druckerschwärze die Emancipation der Juden, die innere, wie die äußere, bis heute nicht zur Thatsache geworden. Seine Thora-Uebersetzung schlug gewaltsame Luft- und Lichtschachte in die inneren Ghettomauern. Sein Leben und Wandel war Vorbild und Beispiel für.die Wahrheit oder doch die Möglichkeit des „Nathan", an seinen Ki ndern zeigte er die Entwickelungs- und Bildungsfähigkeit seines Volkes; seine Arbeiten und Schriften, sein Gelehrten- Briefwechsel und die Freundschaft und Achtung, die er in der ganzen christlichen Gelehrtenwelt genoß, schlugen Bres che in die tausendjährigen Bollwerke versteinerter Vorurtheile, seine Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Liebenswürdigkeit, seine anheimelnden persönlichen und gesellschaftlichen Tugenden, seine Lebensanschauung, seine Lebenstveise, seine Lehrmethode, allein voran aber die seltenste Lauterkeit seines Charakters und die Bravheit seines Herzens, alle diese in ihrem Zusammenfluß haben aus die Verbesserung der Lage seiner Glaubensbrüder einen Einfluß geübt, wie er vor- und seitdem keinem Einzelnen unter den deutschen Juden je zu Theil geworden. Daher die seltene, unter den Juden der Neuzeit beispiellose Popularität seines Nan'ens unter seinen Glaubensgenossen und die Theilnahme und Sympathie in der christlichen Gelehrtenwelt, daher jetzt das vereinte Streben Beider, seines hundertjährigen Todestages ehrend. zu gedenken, das die dankbare Verpflichtung für uns, auch an dieser Stelle heute ihm hier unseren Dankeszoll zu Füßen zu legen. Denn zu den Tugenden, die selbst der eingefleischteste Judenhaß uns nicht streitig machen kann, gehört ja neben dem guten Herze»--^'"s die Mildthätigkeit gebiert, auch das