Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 1. (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 — I I v Schon äußerlich in ihren wissenschaftlichen Bestrebungen drängt sich eine Parallele zwischen Mendelssohn und Frankel auf; hier wie dort Bibelstudien, bei beiden Arbeiten über den Judeneid, über Ehesachen u. a. Aber vor Allem ist es der Geist friedlicher Reform, der Geist der Versöhnung des Alten mit dem Neuen, durch den Zacharias Frankel zum echten Jünger Mendelssohn's wird; die Berliner Gemeinde hatte die rechte Erkenntniß. als sie Frankel zur Pflege der Saaten berief, die Mendelssohn ausgestreut hatte. Die Gunst Gottes hatte unserm Frankel eine größere Aufgabe gestellt; seine Jünger, so sie seinem Geiste treu bleiben, sind die Nachfolger Mendelssohn's in dieser Zeit. Das Mendelssohn-Denkmal und das Iudenlhum. Ein Aufruf zur Errichtung eines Mendelsohn-Denkmals, unterzeichnet von den Koryphäen der modernen deutschen Culturwett in Politik, Wissenschaft, gesellschaftlicher Stellung auch von Lehrern der Religion, ist anläßlich des 100 jährigen Todestages Moses Mendelssohns in der letzten Zeit durch alle im modernen Geiste redigirten Blätter gegangen. Ob die Verehrung Mendelssohns, die einen großartigen Ausdruck schon durch diesen Aufruf erlangt, auch eine Ovation fürs I u d e n t h u m ist? Den Unterzeichnern hat natürlich ein solcher Seitenblick aufs Judenthum zunächst fern gelegen. Aber hier, in einem Blatt für die Interessen des Judenthums, darf wohl, ohne der Idee des Aufrufs eine confessionelle Deutung zu geben, dessen Bedeutung fürs Judenthum in besonderer Erwägung gezogen werden. Das Denkmal gilt dem Philosophen Mendelssohn, und noch mehr dem rüstigen Mitarbeiter an dem Riesenwerke der deutschen Aufklärung, dem Freunde Lessings. Aber da dieser Philosoph, dieser Freund Lessings doch auch zugleich Jude war, so berührt das Mendelssohn-Denkmal doch auch den Jnteressenkreis des Judenthums. Nun, bei Mendelssohn ist diese Berührung eine sehr innige. Für das Judenthum ist ja die geschichtliche Bedeutung Mendelsohns wahrhaft epochemachend. Nicht nur war Mendelssohn Jude, und wollte er „so nichts weiter als nur Jude sein"; nicht nur wurzelte seine ganze Philosophie und Weltanschauung mit allen Fasern im Boden des Judenthums; nicht nur besaß er eine durchaus gründliche Kennniß in allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft, selbst das tatmudische mit allen seinen Verzweigungen nicht ausgenommen: sein Herz war auch erfüllt von der innigsten Liebe zum Judenthume, sein ganzes Leben, sein ganzes Wirken war dem Judenthume gewidmet; er glaubte an die Zukunft, an die Ewigkeit des Judenthüms, er war es auch, der, indem er den Juden ihre Thora in sein geliebtes Deutsch mit hebräischem Commentar übertrug, dem Judenthum den Tempel der deutschen Sprache und damit auch des deutschen Denkens und Fühlens entriegelte, und lange ehe der Staat die rechtliche Emanzipation der Juden aussprach, hatte Mendlssohn'sche Thora-Übersetzung die l literarische und zum Theil auch gesellschaftliche Emanzipation des Judenthums bewirkt. — Wie soll also das Judenthum der Idee eines Mendelssohn-Denkmals gegenüber stehen? Wie anders als mit dem Gefühle der innigsten Dankbarkeit gegen Gott; als mit dem Segensspcuche: DTI9 iWÖ „gepriesen sei der die Zeiten ändert" auf den Lippen, und freilich auch mit dem regsten Bewußtsein, daß es besondere Pflicht derJudenheit sei, an den Beiträgen mit vollen Händen Antheil zu nehmen, damit das Denkmal durch die Fülle der Mittel zu einem recht würdigen Ausdruck für die Verehrung der Nachwelt weide. Wohl wissen wir, daß nach dem Wortlaut des „Schulchan Aruch", gestützt auf die einschlägigen Stellen des Talmud, die Errichtung eines Denknials für einen Verstorbenen, und wohl überhaupt eines Denkmals, nicht ganz zulässig sei. Die Redakteure der orthodoxen Blätter in Deutschland haben auch in der That schon ihr Veto gegen die Errichtung des Mendelssohn-Denkmals im Namen der Orthodoxen eingelegt. Natürlich wird die Orthodoxie auch keine Beiträge zu diesem Denkmal geben, so gewiß, als sie es ja für eine Sünde erster Größe erklärt hat, in einer Gemeinde, die eine- Orgel-Synagoge unterhält, als Mitglied Beitrag zu leisten, selbst wenn die Gemeinde für Gottesdienst nach orthodoxer Anforderung nebenbei sorge trägt. Nun stelle man /ich die Situation klar vors Auge: die Kotyphäen der deutschen Nation vereinigen sich, um un Namen des deutschen Volkes einem jSohtte des Judenthum es ein Denkmal zu errichten, und diejenige Partei im Judenthume. welche sich als das allein seligmachende; als das wahrhaft einzige Judenthum gerirt, legt im Namen des Judenthumes Protest ein gegen die Form der Anerkennung des deutschen Volkes für einen der größten Söhne des Judenthums! Nun wird aber das Deukmal doch errichtet werden, und die deutsche Nation wird fortfahren, die Errichtung eines Denkmals als eine würdige Form für die Anerkennung der Nachwelt zu betrachten, wie dies in der gelammten Culturmenschheit als die edelste Form angesehen wird, insofern sie ja auch pädagogische Bedeutung hat. Legt ja der Künstler den Geist in die Materie und tritt die längst dahingegangene Persönlichkeit für das lebende und kommende Geschlecht, zur Nacheiferung anregend, in das Bereich der Anschauung. Das Mendelssohn-Denkmal wird sonach sich zugleich als ein Denkmal dafür erheben, wofür Mendelssohn sein Leben eingesttzt: daß es zwischen Judenthum und Culturmenschheit keinen Zwiespalt giebt. Berichte mb Corresponbenzen. Deutschland. Berlin. Die von der hiesigen jüdischen Gemeinde in Aussicht genommene Mendelssohn-Feier wird in folgender Weise abgehalten werden. Es wird am 4. Januar in der neuen Synagoge (Oranienburgerstraße) ein Gottesdienst stattfinden, zu welchem Einladungen . an die Notablen Berlins ergehen. Die Feier, von dem Vorstände der jüdischen Gemeinde arrangirt, wird durch Choralgesang und Orgel eingeleiter. Hierzu werden Kompositionen Don Mendelssohn- Bartholdy. dem Enkel des Philosophen, gewählt werden, Die Festreden werden von den Rabbinern Or. Frankl und Dr. Maybaum .gehalten werden. In der alten. Synagoge (Heidere^tergasse), in der Mendelssohn häufig erschienen, wird Rabbiner Or. Ungerleid^r die Festrede halten. Die „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" gedachte ursprünglich den Tag Mendelssohns selbstständig zu begehen, zu welchem Zwecke Prof. Lazarus, der Vorsitzende, die Festrede übernehinen wollten Da derselbe indessen an der Feier in Dessau theilnunmt, so wird die Hochschute die Feier am 11. Januar, auf den nach dem jüdischen Kalender Mendelssohn's Todestag fällt (5. Schewat), im Saal der „Gesellschaft der Freunde". begehen, und hat Herr'Prof. Lazarus auch hier den Vortrag übernommen: Aus Ostpreußen. (Or.-Cocr.) Moses Mendelssohn's .Wirken tm Osten ist für die Kulturgeschichte des Judenthums von höchster Bedeutung. Berlin bildere zu seiner Zeit noch mehr als heute den Mittelpunkt zwischen der jüd. Bevölkerung des europäischen Westens und Ostens. Glogau, Breslau, Königsberg i. Pr. standen in. zweiter Reihe. Es lst bekannt, daß die zahlreiche jüdische Bevölkerung Polens größtentheils deutschen Ursprungs ist und noch heute nicht daran denkt, ganz im Slaventhum aufzugehen. Eine ununterbrochene Einwanderung befähigter Jünger fand zu M.'s Zeit aus den slavischen Ländern statt, so daß man nicht mit Unrecht die Germamsirung eines guten Theils der slavischen