Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 350 — -■ft Leib und Seele in die Skranken treten, jüdische Gelehrte gering schätzen, und Jozeroth, von denen sie oft kein Wort verstehen, ihnen höher stehen als der ganze Midrasch. Hier nur einige Proben von der Behandlung der Lomdim. Zu einem orthodoxen Rabbiner in einer großen Stadt kam ein Raw, der den Ruf als der größten Lamdan nach Rabbi Akiba Eger hatte. Dieser wurde mit folgenden hämischen Worten empfangen: „Nun haben Sie ein Schnorrerthorechen?" Der Mann blieb die Antwort nicht schuldig, die wie folgt lautet: „Der Unterschied zwischen Euch und mir ist folgender: Ich bin 3*1 in der kleinen Stadt .und bin ein großer pfcS Sie sind Rabbiner in der großen Stadt.. aber ein winziger Lamdan —Ein anderer streng fronnner Mann, der über den Verfall des Judenthums weint, daß nicht jeden pp 3"Y’ gesagt wird, äußerte einmal, als man von ihm eine Unterstützung für einen der berühmtesten Lomdim in Deutschland verlangte: „Ich gebe nicht mehr als 5 Sgr., es ist mir ganz gleich, ob der Rabbiner aus Krakau kommt oder ein anderer Schnorrer; wer von mir Geld forvert, ist ein Schnorrer." — Nun frage ich, woher soll die Lust zum Thoraftudium kommen, .wenn man es von den „Chassidim" so geringschätzen sieht? Der Centralpunkt ihres Strebens ist nur, den in die Synagoge eingeschlichenen Schlendrian zu erhalten, während sie die allernothwendigsten Ordnungen, wenn sie noch so schön und dem Din nach richtig sind, für Reformen Hallen und wegen dieser Lappalien mit aller Kraft die Gemeinden zu trennen suchen. Der Mangel an minn TD2 raubt der Thora eine Hauptstütze, nämlich 'miS npapn min- Von jeher war es Sitte, daß Geschäftsleute, die keine Zeit hatten selbst sich mit der Thora zu beschäftigen. Thoralernende unterstützt, für deren Unterhalt gesorgt haben, damit diese ihre Zeit dem Thorastudium widmen können, aber wo findet man heutzutage selbst unter den Taschentuchhelden*) solche, die den Begriff mm 'mi^> pmö kennen? Es herrscht selbst bei den größten dieser Chassidim die moderne Anschauung der meisten Christen: Leute, die keine profane Beschäftigung haben, wenn sie auch Tag und Nacht Thora lernen, als Müßiggänger zu betrachten. Wie es aber Einem, der auf eigene Hülfe angewiesen ist, möglich sein soll, Thorastudium zu betreiben, danach fragt keiner. Hätte sich trotz alldem ein junger Mann gefunden, der sich dem Thorastudium widmet, so legen ihm ein noch größeres Hinderniß Diejenigen in den Weg, die nur sich allein für fromm ausschreien. Dies unübersteigliche Hinderniß ist der Fanatismus, und in Folge dessen die Verfolgungssucht. Jeder junge Mann, der nicht mit ihnen über Andersdenkende schimpft, ein Rabbiner, der nicht nach ihrer Pfeife tanzt, der die Besucher der Synagoge nicht zwingt, und wenn es durch Gendarmen sein soll, Pajet zu sagen, wird ohne Gnade auf die Liste der „Reformer" gesetzt. Wagt ein junger Mann, von dem man doch nicht verlangen kann, daß er ein asketisches Leben führen soll, in einem öffentlichen Garten Kaffee mit Milch zu trinken, oder bei irgend einem Diner Wein zu genießen und dergleichen Ungeheuerlichkeiten, die nur noch von sehr Wenigen beobachtet werden, so hat er ihrer Ansicht nach kein Anrecht mehr, auf ein Rabbinat Anspruch zu machen. Da liest ein junger Mann in einem orthodoxen Blatte, *) Die am 'ty kein Taschentuch tragen. wie ganz conservative Rabbiner DW1S genannt werden, weil sie irrelevante Reformen concedirt haben, wie sogar ein Tiktin in Breslau unbarmherzig in das Fegefeuer geworfen wird, weil er einige „Minhagim" geändert hat — welcher ehrliche Mann will sich nun in die Gefahr begeben, immer und ewig in Furcht vor derJnquisition zu leben? —Hingegen mag ein junger Mann ihrer Partei sich noch so viel Unstatthaftes erlauben, dabei aber über das Breslauer Seminar und dessen Lehrer tüchtig schelten, dann hat er schon die Fähigkeit, in einer streng orthodoxen Gemeinde Rabbiner zu werden. Wie es mit der Gelehrsamkeit beschaffen ist, danach fragt man nicht, der neugebackene Rabbiner hilft sich schon, indem er sich einen Bachur ins Haus vmmmt, der mit ihm nachholen soll, was ihm an rabbniischem Wissen gebricht. — Daß die sich „fromme Parlhei" Nennenden auch Manches thun, was von den Poskim ohne Weiteres als ein niO^X erklärt worden, wissen sie entweder nicht, oder sie setzen sich darüber hinweg. Im Schulchan Aruch Eben Hatzsec C. 21 steht ausdrücklich: „Man darf keine Frau grüßen lassen, selbst nicht durch ihren Mann." Nun möchte ich wissen, wer von jenen Eiferern dies Verbot nicht Übertritt? Ist vielleicht ein Unterschied zwischen den Frauen des sechzehnten Jahrhunderts und den jetzigen feingebildeten? — Und welch ein Gewicht legen sogar die größten dieser Chassidim darauf, ganz modern*) gekleidet zu sein? Manche überaus „Fromme" scheuen sich nicht den Dandy hervorzukehren. Aber wenn eine Frau l"n, um sich vor Kopfschmerzen zu bewahren, keinen Pariser Scheitel trägt, da wirb sie sammt ihrem Manne, der ihr das gestattet, und ihr für dieses Verbrechen keinen 12) giebt, zu den Minim we-epikorsim gezählt. — Wer hätte noch vor fünfzig Jahren gewagt, die Uebersetzung des Pentateuchs mit deutschen Lettern zu drucken, und jetzt geschieht solches von einem nN.I der die nSlXJ gebracht. (Siehe „Offener Brief" an Sr. Ehrwürden Herrn Distrikts-Rabbiner Bamberger, S. 9) Ich könnte diesen modernen Orthodoxen noch Hunderte von Dinim Nachweisen, die von ihnen unbeachtet bleiben, aber ich bin nicht autorisirt, pölö 1p3ö zu sein, auch ist dieses Blatt nicht zum Sündenregister eingerichtet; Anderer Sünden aufzudecken hat nur ein anderes Blatt das Privilegium. Nach meiner Anschauung sind Breslauer moderne Orthodoxen, trotz aller Vergehen, die man ihnen vorgeworsen hat, und auch Männer anderer Schattirungen (Richtungen, wie man es heutzutage nennt), denen man noch mehr Nachweisen kann, — so lange sie nicht die Grundprinzipien des Judenthums aufgeben, allsammt brave Jehudim, und ich beurtheile sie nicht nach ihren Ungerechtigkeiten, sondern hebe das Gute eines Jeden hervor, da ein Jeder gute Thaten, einer mehr der andere minder, aufzuweisen hat**) Diese Ursachen also: der fehlende Sinn für rninn "1123 bei diesen großen Chassidim, der Mangel an min vlöli? 'pTlö, hauptsächlich aber der Fanatismus und in Folge dessen die Verdammungssucht haben den wesentlichsten Einfluß auf die *) Rambarn Hilch. Akum Abschnitt 11 spricht unzweideutig aus: .. xrr .. winboa *6i p^in rx 112712^122 171‘T’l (Wegen dieses Ausdruckes kann die Erklärung des ft "2 nicht richtig sein.) **) Sagt doch der große Gelehrte Resch Lakisch (Synhedrin 37. a) N3v ppn l^sx jim3 mitö p6o-