Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 31. (1.8.1877)
- Date
- 1877-08-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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den, wenden wir uns hiermit an dieselben mit dem Ersuchen, uns durch Beitritt zu dem Vereine in diesen Bestrebungen zu unterstützen. Alle, die Ihr wünschet, daß die Thora nicht vergessen werde in Israel, traget Euer Scherflein bei, damit unsere Lehrer durch Kenntniß und Verständniß der Thora werden können, was sie sein sollen: „Veredler der Menge, wie die Sterne des Himmels voranleuchtend" künftigen Generationen. ' itfUHl ION, Die von der Provinzial - Rabbinervers. gewählte Kommission: Dr. Baeck, Dr. Philipp Bloch, Dr. Feilchenfeld, Dr. Horovitz, Dr. Koref, Dr. D. Joel, Dr. A. Lewin. (Auszug aus dem Statut in nächster Nr.) Aus Memel erhalten wir einen Hülferuf von dem daselbst zusammengetretenen Hülfscomite für die Abgebrannten der Stadt Wilkomir (HH. Dr. Nülf, Rabb. Wohlgemuth, Elias Behr, und Rubin Schleß) Ein Schreiben des Rabb. I. Zizchak Elchanan in der Gouvernementsstadt Kowno sagt (in deutscher Uebers.): „Die große nahegelegene Stadt Wilkomir ist gänzlich abgebrannt. — Mehr als tausend Häuser mit allem Hab und Gut, mit allen Läden und Lägern, mit zwölf Synagogen und Lehrhäusern, mit großen Massen kostbarer Bücher sind allesammt innerhalb eines Zeitraums von vier Stunden reft- und rettungslos ein Raub der Flammen geworden. Etwa sechstausend Glaubensgenossen der fast ganz von Juden bewohnten Stadt lagern und kauern nackt und hülflos, hungernd und frierend unter freiem Himmel. Soweit unsere Erfahrung reicht, ist ein solch' furchtbares Brandunglück weder gehört noch gesehen worden, wie das Unglück dieser am Mittwoch, d. 12. d. Mts. abgebrannten Stadl. Die Zahl der verunglückten Menschenleben ist noch nicht festgestellt. Selbst die Reichen dieser Stadt sind nackt und blos, wie am Tage der Geburt, und schwach und hülflos, wie am Tage des Todes, denn eine Versicherung gegen Feuerschaden ist in Rußland ja kaum möglich. Brot und Kleider, welche hier und in benachbarten Städten gesammelt wurden, sind nicht einmal für einen Tag zureichend. Ich habe keine Kraft im Körper, keinen Muth im Herzen, — kein Wort auf den Lippen, das schwere Mißgeschick darzustellen, welches diese sechstausend Menschen niederdrückt." — In einer Nachschrift wird die Zahl der abgebrannten Familien auf zweitausend angegeben. Es versteht sich von selbst, daß wir zur Entgegennahme von Unterstützungsbeiträgen gern bereit sind. Wir rechten auch mit dem Comite zu Memel durchaus nicht darüber, daß es sich gerade der Abgebrannten in Wilkomir annehmen will, wie im vorigen und vorvorigen Jahre der zu Kupischok bzw. Widze. Wir aber hallen es doch für unsere Pflicht, hier anzuzeigen, daß — wie denn verheerende Feuersbrünste in jedem Sommer in den russischen Judenstädten, bei der Bauart derselben als unausbleiblich bezeichnet werden können — auch andere Orte in Rußland, in den letzten Wochen heimgesucht sind. In einer Nummer (27) der Hazephira sind zwei solche Berichte und Hülferufe enthalten: aus Minsk (11. Tamus ein großer Theil der Stadt abgebrannt) und Neschwis (23. Tamus 1000 Häuser.) Schweden. 6. Stockholm, im Juli. Or.-Corr. Die Gothenburger Handelszeitung schreibt: Wie bekannt, hat der Verstorbene Großhändler M. C. Delbanco*) vor vielen Jahren in Mölndal ein Capital von 10,000 Kronen bestimmt, um von den 600 Kr. jährlichen Rente alljährlich eine Arbeitswohnung für einen Arbeiter und seine Familie herzustellen. Hierdurch wurde es möglich, daß eine große Menge Arbeiter eigene und zierliche Häuser erhielten, diese sind größtentheils von kleinen, schönen Pflanzenanlagen umgeben. In den letzter« Jahren haben die Arbeiter selbst den bevorzugten College» bestimmen dürfen. Diese Stiftung nennt die Zeitung: „Segenbringende Donation." — Ich hatte neulich Gelegenheit *) Israelit aus Gothenburg. (s. d. Bl. Nr 24.) die hier erscheinende Zeitung „Fäderneslandet" in minderem freundlichen Lichte erscheinen zu lasten; eine entgegengesetzte Veranlaffung wird dieses Mal geboten. Hier in Schweden grastirt mit fast epidemischer Ansteckung die Leserei, eine krankhafte religiöse Anschauung, die den krassesten Pietismus noch übertrifft und Aehnlichkeit mit dem cynischen Chastidismus hat. Diese innerhalb der schwedischen Kirche auftauchende Erscheinung ist ein steter Gegenstand der Klage in der schwedischen Preste. Daß die Leserei das unverschämteste Miffionsunwesen treibt, ist selbstverständlich. Neulich verlockte sie einen jüdischen. 18jährigen Jüngling aus Polen, nnd dessen älterer Bruder bemüht sich vergeblich, seinen gegenwärtigen Aufenthalt zu erforschen. Gedachte Zeitung schreibt hierüber: „Es wurde uns eine aufregende Geschichte mitgetheilt. Betreffs eines jüdischen Jünglings, der von seinen Verwandten fortgelockt und in das Fanggarn der Leserei eingeschnürt wurde. Wir würden diese Angelegenheit nicht zur Oeffentlichkeit gebracht haben, wenn wir nicht Bekräftigung ihrer Wahrheit aus zuverlässiger Quelle erhielten. Die Sache ist von großem und allgemeinem Gewicht, da sie von der wachsenden Kühnheit zeugt, mit welcher unsere selbstgeschaffenen Heiligen, auf das friedliche Gebiet des privaten Lebens einzudringen suchen, dort Proselyten zu machen, um — wie es heißt — die Seelen zum Himmel zu ziehen. Die Sache erinnert an den katholischen Bekehrungseifer und hat eine gewiste Aehnlichkeit mit den rücksichtslosen Manövern, womit die jesuitische Prropaganda betrieben wird: sich paffende und gehorsame Werkzeuge zu verschaffen, melche dann systematisch drestirt werden, um für die zweideutigen Ziele des religiösen Obscurantismus zu streiten. Wir haben demnach bis jetzt geglaubt, daß protestantische Priester sich schämen würden, solchen Beispielen zu folgen, leider liegt doch ein betrübender Beweis für das Gegentheil vor. Das Verhältniß ist im Kurzen Folgendes: Zwei Brüder, jüdischer Abkunft, kamen aus Polen vor einigen Jahren hierher. Beide sind wohlbekannt, der ältere beschäftigt sich, nach Sitte seiner Glaubensverwandten, mit dem Verkauf verschiedener Kramwaaren. Der jüngere, 18 Jahre alt — von welchem hier die Rede ist — betrieb dasselbe Geschäft, oder war dabei behülflich. Er wird als fromm, oder vielleicht als etwas einfältig geschildert. Es ist Dieser, welcher nun seit einiger Zeit verschwunden ist, ohne daß es dem Bruder geglückt, ihn aufzuspüren. Da es inzwischen bekannt wurde, daß Hr. Pastor Lindström das ausersehene Opfer unter den Schatten seiner Fittiche genommen, wandte sich der Bruder an den gedachten Diener des Herrn und forderte nähere Aufklärung. Er hatte, außer seiner Theilnahme für das Geschick des Verschwundenen, no h einen weitern Grund, da er demselben einen Brief ihrer Mutter aus Polen übergeben sollte. Allein er rief vergeblich die Barmherzigkeit und das menschliche Gefühl des protestantischen Priesters an. Der Herr Pastor stellt sich taub für alle Fragen; das Eine, welches bis jetzt ihm entschlüpfte, ist die ausweichende Phrase: Es sei ihm nicht erlaubt (!) zu sagen, wo der Verschwundene sich befinde. So steht die Sache. Soll es Herrn Vastor L. noch länger gestattet sein in dieses mystische Schweigen sich zu hüllen? Besitzt man in Schweden das Recht, einfällige Jünglinge fremden Glaubensbekenntnisses auf die Seite zu bringen, um auf Krummwegen das Christenthum in sie hineinzunarren, um hinterher hervorzutreten und mit geglückter Bekehrung zu prahlen? Und ist es nicht die Schuldigkeit der Polizeibehörde hier einzutreten, den ohnmächtigen, des Landesgesetzes unkundigen Fremden zu helfen, ihre sortgeraubten Verwandten aufzufinden? Wir fragen nur." —^So weit genannte Zeitung, die außerdem auf einer anderen Seite noch einen entsprechenden Holzschnitt bringt, der bis auf die beiden jüdischen Persönlichkeiten sehr gelungen ist. Sie werden wohl, Herr Red., misten wollen, ob und was von Seiten der jüdischen betreffenden Stellen in dieser Angelegenheit geschah.