Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 31. (1.8.1877)
- Date
- 1877-08-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 245 — resp. geschieht. Nun denn, es geschah bis jetzt wenig in dieser Sache, weil .... mehr zu thun unnöthig erscheint. Die Rede war von mehreren Polen, welche in jene Schlinge geralhen sein sollen. Hr. Dr. Lewysohn ließ einen derselben zu sich kommen und erfuhr, was schon eine alte bekannte Sache ist. Die Narren werden selbst genarrt. Nachdem die hoffnungsvollen Eleven gehörig genährt und mit Kleidern ausstaffirt sind, empfehlen sie sich auf Nimmerwiedersehen. Was obigen Jüngling betrifft, gedenkt jedoch Dr. L. an den Oberstatthalter sich zu wenden, sobald der älterer Bruder die näheren Details mittheilen möchte. Hr. Dr. L. hat seit seiner Rückkunft von einer länger» Reise jenen Bruder noch nicht gesprochen. Nordamerika. New-Nork. Die Seligmann-Hilton Affaire beschäftigt noch J fortwährend die öffentliche Meinung und ihre Organe. Die I geschäftliche und demnach auch die soziale Stellung des Herrn ' Seligmann wird genügend dadurch charakterisirt, daß sein Haus nebst Rothschild, Morgan und MortonMose das Consortium bildet, dem die Regierung der Verein. Staaten die Convertirung ihrer Anleihe von 200 Millionen Dollars übertragen bat, wie wohl manchem Leser bekannt sein wird. Man hört nicht, daß sich irgend eine Stimme zur Vettheidigung oder Rechtfertigung Hilton's erhoben hätte.1) Wohl aber sprechen sich gewichtige Stimmen mit aller Energie gegen das ebenso breifte und unsinnige, wie ganz unmotivirte und unprovozirte Verfahren des „Richters" aus. Der berühmte Prediger Henri Ward Beecher hat die Sache sogar zum Gegenstand eines kirchlichen Vortrages gemacht. Er spricht sich in den wärmsten Ausdrücken zu Gunsten der Juden in der Vergangenheit und der Gegenwart aus. „Was gereicht etwa (sagt er) den Juden in dieser Republik zur Schande? Jst's der Umstand, daß sie industriös sind? da mögen doch die Aankees nicht den Stein auf sie werfen. — Jst's, weil sie habgierig sind? Aber sie haben nicht Millionen aus dem Säckel einer Stadt gestohlen. Füllen sie unsere Gefängnisse und Zuchthäuser? So seht euch die Verbrecherlisten durch und findet da Juden, wenn ihr könnt. 2) — Jst's, weil einzelne unter ihnen unehrlich sind? Wahrlich, ein unehrlicher Mann ist wohl gar ein Phänomen auf den Straßen von New-Aork! Jst's, weil einige von ihnen ihre Schulden nicht bezahlen? Hört doch, ihr Aankees, ein Mann, der seine Schulden nicht bezahlt!" — So preist Beecher weiter die Mäßigkeit und Wohlthätigkeit der Juden im Gegensätze zu seinen Aankee-Zuhörern Auch Bret Harte hat die Geschichte zum Gegenstand eines humoristischen Gedichtes „That Ebrew Jew.“ gemacht. Dieser Titel bezieht sich darauf, daß Richter Hilton geäußert hat, er habe nicht die „Hebräer", die richtigen altgläubigen Israeliten treffen wollen, sondern die „Juden", die Reform- Juden, die Anhänger des „Ethischen Cultus-Vereins" des Dr. Felix Adler, zu deffen Vorstehern eben Seligmann gehört. Man sagt, Hilton sei unlängst im Union-Baque-Cluii durchgefallen, und Seligmann ist Vicepräsident dieses Clubs. Wieder Andere geben als Grund des Scandals einen „Damenkrieg" zwischen Frau Steward und Frau Seligmann an, ') Nur dari eine oder das andere Blatt sucht die allgemeine Entrüstung dadurch abzuschwächen, daß es die Angelegenheit als eine P r ivat-Rancune HUon's gegen Seligmann bezeichnet, welche die öffentliche Meinung nicht aufzuregen brauche. *) Wir wissen nicht, ob es mit dem Hilton-Seligmann-Falle,, resp. mit der Beecher'schen Rede zusammenhängt, oder ob es ein zufälliges Zusammentreffen ist, wenn „Reidsville Times" folgenden Passus enthält: „Der erste Jude, von dem wir je hörten, daß er in einem Zuchthause fitze, ist in dem zu Raleigh. Er ist wegen Mordes bestraft. Er heißt Weill und wurde aus Union Conety eingeliefert. Er war „Marschal" der Stadt Monroe, wollte als solcher einen Mann arrettiren und tödtete diesen, als er Widerstand leistete; darauf wurde er zu zehn Jahren verurtheilt. Er wird als geschickter junger Mann als Buchhalter in der Strafanstalt verwendet." (Daß dieser Mann wirklich der einzige jüdische Sträfling in den Der. Staat sein sollte, ist kaum zu glauben, es geht aber aus dieser Aeußerung genügend hervor, wie sehr gering die Zahl jüdischer Verbrecher daselbst ist.) und ein Nerv-Yorker Blatt sagt: „Wir haben es hier mit keiner Rayen- und keiner Sectenfrage, sondern wahrscheinlich mit einer Frauen st a a t s - Rechtsfrage zu thun. Das Streben, Andere durch Staat und Putz zu überstrahlen, ist ein entschieden weibliches, nicht auf Rayen oder Seelen beschränktes, aber bei manchen Claffen in höherem, um nicht zu sagen beleidigenderem, Grade ausgebildetes. Kann man es einer Lady verdenken, daß sie sich höchst unglücklich darüber fühlt, wenn sie mit ihrem kleidsamen, aber den Zeitverhältniffen anpaffend, billigen Sommerstaate, an einem Badeorte von anderen Damen überstrahlt wird, deren Ahnen weder auf der „Mayflower" eingewandert, noch im Groceriegeschäft mit alter Schillingrechnerei groß geworden sind, noch eine besondere Schuhwichse erfunden, noch mit Patentgemischen den Aerzten die Berufsmühe erspart, noch mit den Geldern der Wittwen und Waisen Schwindelunternehmen gegründet, sondern die weiter nichts, als z. B. Kleiderhandel betrieben haben?" — Unbedingt steht so viel fest, daß nicht Joseph Seligmann der Blamirte ist. Die „National-Ztg." fügt ihrem Referat die Bemerkung hinzu: „Man ist bei uns gewohnt, die Vereinigten Staaten als das Land der absoluten Religionsfreiheit und Duldsamkeit zu verehren; namentlich können die dahin ausgewanderten deutschen Juden in ihrem Lobe über das Fehlen jeglichen Religionshaffes, über die unbedingte Gleichstellung aller Confessiouen nicht müde werden. Der vorstehend berichtete Fall beweist, daß die thatsächlichen Verhältniffe durchaus nicht so rosensarben sind, als man uns glauben machen will." — Hierzu bemerken wir unsererseits: Gehässigkeit gegen Juden ist in Amerika allerdings zu finden, auch aus Frankreich bringt fast jede Nummer der dort (halbmonatlich) erscheinenden jüdischen Blätter Proben von feindseligen Aeußerungen einzelner Zeitungen oder Personen gegen Juden; aber die gesetzliche und politische Stellung der Israeliten ist in beiden Ländern vollkommen gesichert, die Feindseligkeit kann ihnen faktisch nichts anhaben. Die Gesinnung laßt sich durch Gesetz und Verfaffung nicht vorschreiben. Daß seit 10 Jahren kein Jude mehr aus Deutschland nach Amerika auswanoert, um gesetzlichen Beschränkungen aus dem Wege zu gehen, ist Gottlob vollkommen richtig. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Ein offenbarer Druckfehler hat zwei hiesige Blätter sehr in Harnisch gebracht und sie veranlaßt, sich nicht allein auf die unveräußerlichen Menschenrechte, sondern auch auf den vornehmsten Paragraphen der preußischen Verfaffung zu berufen. In einer vom küuiglichen Polizei präsidium Unterzeichneten Bekanntmachung um einen „Verkauf auSrangirter Bekleidungsstücke der Schutzmaunschaft", die an den Meistbietenden abgegeben werden sollen, findet sich nämlich ein Passus, der folgendermaßen lautet: „Die gemäß den Bedingungen einzureichenden christlichen Preisofferten sind bis zum 26. Juli cr. abzugeben." Es ist aber augenscheinlich, daß hier ein Druckfehler eine heitere Rolle gespielt hat, und die Offerten nicht den „christlichen", sondern nur den „schriftlichen" Charakter tragen sollen. Mithin wäre das königliche Polizei-Präsidium von der schweren Anklage, die Verfaffung, die alle Preußen vor dem Gesetze für gleich erklärt und die Beeinträchtigung ihrer Jnlereffen wegen konfessioneller Unterschiede verbietet, außer Acht gesetzt zu haben, frei zu sprechen. Eine Verfassungsverletzung wegen alter getragener Kleidungsstücke wäre auch zu komisch. — Unter den zahlreichen hiesigen Vereinen und Gesellschaften figurirt auch eine Gesellschaft „zur Beförderung des Christenthums unter den Juden". Dem soeben veröffentlichten Jahresbericht derselben entnehmen wir folgende sehr bemerkenswerthe Angaben. Die aus Kollekten erzielte Einnahme belief sich auf 17,454 Mart 71 Pf., die Ausgabe auf 20,467