Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 31. (1.8.1877)
- Date
- 1877-08-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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— 243 Familien Rheinlands und Westfalens ihre Töchter zuführten. 25 Jahre stand sie diesem Berufe in unermübeter Thätigkeit vor; selbst hochgestellte Persönlichkeiten der nicht-jüdischen Welt wurden die Gönner und Förderer ihres Institutes. In dieser Periode ihres Lebens eignete sie sich jene pädagogische Tüchtigkeit an, die für ihr späteres Wirken so unentbehrlich war. In einem Alter, wo für die meisten Menschen die Zeit des Handelns aufhört, im 53. Lebensjahre, ging sie an die Realisirung ihrer Liebliugsidee: nunmehr ihr Leben der ärmsten Kindheit, den verlassenen Waisen, zu weihen. Die Wege hierzu waren nicht gebahnt; ohne alle pekuniären Mittel stand ihr kein anderes Capital zu Gebote, als ihre energische Willens- und Thatkraft, ihr Vertrauen aufGott und auf die Barmherzigkeit der Menschen. Gleich ihrem großen Vorbilde, dem Stifter des Halleschen Waisenhauses, August Hermann Franke, reiste sie nun von Stadt zu Stadt, mit männlicher Entschlossenheit für ihre Sache wirkend, vor keinen Hindernissen und Mühseligkeiten zurückschreckend, durch ihre seltene Beredsamkeit und ihre Begeisterung die Herzen der Menschen für ihre Waisen erwärmend. Am 4. März 1856 eröffnete sie ihre Anstalt mit zwei Waisenknaben, die sie zuerst in ihre Privatwohnung aufnahm. Vier Jahre später konnte der Bau des Waisenhauses begonnen werden. Als Hauptförderer ihres Werkes zeigten sich bei jeder Gelegenheit nicht nur die angesehensten und edelsten Männer beider Provinzen, sondern auch in gleichem Maße die alten Frankfurter Freunde. Es würde uns zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle die edlen Wohlthäter nennen, die durch großherzige Gaben den Bau des Hauses ermöglichten. Mit Stillschweigen wollen wir ferner die Kämpfe und Anfeindungen, die Verkleinerung und Herabsetzung ihrer Bestrebungen übergehen. Hierin theilt sie das Loos aller großen Menschen. Aber jeder Edle wird sich nun des stattlichen Hauses freuen, das für die Israeliten beider Provinzen als Preis so vieler Anstrengungen dasteht, in dem so viele elternlose Kinder einer gesicherten Zukunft entgegen gegangen sind und, will's Gott, noch entgegen gehen. Niemals aber vergaß die Stifterin des huldvollen Schutzes der hohen und höchsten Behörden der beiden Provinzen, die ihr in trüben und lichten Tagen mit Rath und That treu zur Seite gestanden haben. Ihr hoher Geist steckte sich immer weitere Ziele, und je mehr ihr der Beifall und die Anerkennung der Höchsten und Besten zu Theil wurde, desto mehr strebte sie in edlem Eifer, dieses Beifalls werth zu sein. Doch nicht blos in dem Sorgen für das Gedeihen ihrer Anstalt ging ihr Leben auf. — Alles Geistig-Große und Schöne, sei es auf dem Gebiete der Wissenschaft oder Kunst, fand allzeit in ihr ein warmes Interesse und Verständniß. In ihrem Wohlthun kannte sie keinen Unterschied des Standes und der Confession; mancher Jünger der Kunst verdankt ihr seine Ausbildung und Zukunft. Ihre geistige Frische blieb ihr bis zum letzten Athemzuge treu, nicht minder ihre warme Fürsorge für ihre Pfleglinge. — Segenswünsche für das Wohlergehen der Freunde und Beschützer der Anstalt waren ihre letzten Worte- — Alles in Allem genommen, verdankt sie daS, was sie geworden, ihrer eigenen Kraft. Der Biograph ihres Lebens muß sie mit dem Maßstabe großer Seelen beurtheilen und bedenken, daß neben so großen Vorzügen auch die Schattenseiten nicht fehlen konnten und durften. Die Nachwelt braucht ihr kein Denkmal zu setzen, sie hat es sich selbst gesetzt. So lange der Tod in die Hütten der Menschheit einkehrt und Wittwen und Waisen zurückläßt, so lange wird der Name Fanny Nathan unvergeßlich bleiben, denn: „Wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten!" „Man braucht den Frommen keine Monumente zu errichten, ihre Werke sind ihre Denkmäler." (Wir erinnern uns, vor mehreren Jahren in einem amerikanischen Blatte eine Skizze über das Leben und Wirken der Verstorbenen, über ihre Erziehungsweise u. d. m., aus der Feder eines ehemaligen Zöglings ihres Waisenhauses gelesen zu haben. Es war kunstlos und offenbar von einem Nicht-Literaten geschrieben, aber durch die frische Schilderung des Selbsterlebten interessant. Hoffentlich findet Fanny Nathan einen berufenen Biographen. Die Willens-, Glaubens- und Thatkraft, durch die sie, an sich selbst ein „hilfloses Weib", das in seiner Art gewiß bedeutend zu nennende Institut aus Nichts geschaffen, schon die Energie, mit der sie es verstanden, eine große Anzahl von Knaben, die in der Regel ziemlich verwahrlost, als rechte „Rangen", in ihre Hand kamen, zu regieren und zu erziehen, machen ihre Thätigkeit zu einer dankbaren Aufgabe für eine biographische und pädagogische Skizze. Red.*) Aus der Prov. Posen. Zur Verwirklichung der von der Nabbiner-Conferenz angeregten Idee, der Gründung einer israel. Lehrer-Bildungsanstalt (Seminar und Präparandien), ist ein weiterer vorbereitender Schritt geschehen. Man verbreitet einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen und ein „Statut für den Verein zur Ausbildung von Rel.-Lehrern in der Prov. Posen". Die Wichtigkeit der Sache wird es rechtfertigen, wenn der Aufruf vollständig und aus den Statuten die wichtigsten Paragraphen hier mitgetheilt werden. „Den Weg der Geschlechter zeichnen vor und bestimmen die Lehrer der Jugend. Mit Recht ist daher das Hauptbestreben unserer Zeit auf eine allseitig befriedigende, harmonische Ausbildung der Lehrer gerichtet. Soweit es andere Confessionen betrifft, geschieht dies nicht allein hinsichtlich des nöthigen Wissens und des pädagogischen Geschickes, sondern auch in Bezug auf die Ausbildung einer idealen Richtung in Geist und Gemüth und die darauf beruhende sittliche Tüchtigkeit, welche erlangt wird durch die Kenntniß der Religion urtb Verständniß ihrer Quellen und Urkunden. Israel allein, das die Bedeutung der Schule früher als andere Völker erkannte — Israel, das den Schulzwang aller Kinder über sechs Jahre, die Grundlage unseres großartigen Schulwesens im Preußischen Vaterlande, schon vor zweitausend Jahren kannte — Israel, das schon in früher talmudischer Zeit die praktische Bedeutung der Elementarlehrer über die der Weltweisen und Volksführer stellte und in den Jugendbildnern „die Veredler der Menge, die wie die Sterne immerdar glänzen," erblickte — Israel erhält in unserer Zeit nicht selten Lehrer, die des wichtigsten Moments, der religiösen Ausbildung, entbehren, Lehrer, die ohne Kenntniß des Judenthums, seiner Schriften und seiner Geschichte, der Jugend kein treues Bild ihres Glaubens zu entwerfen vermögen, Lehrer, welche die religiöse Weltanschauung und Lebensauffassung des Judenthums „zur Veredlung der Menge" nicht nicht lehren können, weil sie dieselbe zu lernen nicht ausreichend Gelegenheit hatten. — Daß das Herz so Vieler erkaltet ist dem Judenthum, hat zum großen Theile die Schule mitverschuldet. Die im April a. c. zu einer Conferenz in Posen versammelten Rabbiner unserer Provinz haben sowohl über die Ursachen dieses Uebelstandes, als auch über die Mittel und Wege, demselben abzuhelfen, berathen und schließlich sich dahin geeinigt, einen Verein zu gründen, der sich die Aufgabe stelle, die Heranbildung allseitig tüchtiger Religionslehrer in unserer Provinz zu befördern und dieses Ziel zu erreichen suche: 1. durch Unterstützung strebsamer, sich für das Lehramt vorbereitender Jünglinge mit Stipendien, 2. durch Einrichtung eines von dem betreffenden Ortsrabbinen geleiteten Lehrcursus für Hebräisch, Religion und jüdische Geschichte am Orte einer Präparanden-Anstalt, wie eines königlichen Seminars in unserer Provinz, 3. durch Bestellung einer Fachkommission, welche den Lehrplan entwirft, dessen Ausführung überwacht und auf Grund einer Schlußprüfung den Religionslehrern Befähigungszeugnisse ertheilt. Verhältnißmäßig geringe Summen werden g enügen, diesen Weg systematischer Vorbildung zu beschreiten. — Dieselben müssen aber, da mehrjährige Verpflichtungen ein gegangen werden sollen, für eine Reihe von Jahren als regelmäßige Beiträgeerbetenwerden. Im Vertrauen, daß alle Glaubensgenossen in unserer Provinz das hier dargelegte Bedürfniß mit uns empftn - *) Die vom Oberrabbiner vr. H orowitz aus Crefeld gehaltene vortreffliche Grabrede ist auf Wunsch des Curatoriums dem Druck übergeben worden.