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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-11-06 · N° 45. (6.11.1878) · p. Seite 354

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 45. (6.11.1878)
Date
1878-11-06
Page
Seite 354 (sequence 4)
Language
German
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— 354 — ^v Würzburger Rabbiner einen gewaltigen Fürsprecher und eine mächtige Stütze gefunden, und was das Wichtigste ist, die „kleinen Füchslein", die sich schon an ein lustiges Wühlen im Weinberge gemacht hatten, wurden still und verkrochen sich, denn sie konnten doch nicht wagen, den Rabbi Seligmann Bär Bamberger einen „Ketzer, Leugner und Abtrünnigen" zu nennen, oder ihm Kenntuiß des Talmud und der Poskim abzusprechen. Ob die Füchschen „nach dem Tode des Löwen" sich nun hervorwagen werden, steht dahin. Es gilt hier weniger an den eben erwähnten Streit zu erinnern, als eine allgemeine Betrachtung daran zu knüpfen. Weit über zwei Jahre sind nun verflossen, seit das preußische Gesetz über den Austritt aus der Synagogengemeinde in Kraft getreten ist; Zeit genug, um als Probefrist zu gelten. Es hat sich längst herausgestellt, daß die Befürchtungen der Einen ebenso unbegründet gewesen sind, wie die Hoffnungen der Andern. Wie zwei Jahre früher das Gesetz über den Austritt aus der Kirche, welches ja ebenfalls solchen Juden, die ohne Taufe aus dem Judenthum heraustreten wollten, die Pforte weit genug geöffnet hatte, ganz wirkungslos geblieben war, indem unter je zehntausend Juden noch nicht einmal Einer davon Gebrauch gemacht hatte, so war nun auch dieses zweite Gesetz, um das so lange gekämpft, das so sehulichst erwartet, ja so innig erfleht, wie von Andern gefürchtet worden war, gekommen und fast spurlos dahingegangen. Wie wenn ein Stein ins Waffer geworfen wird, die Fluth zischt auf, wogt und kräuselt sich, die Ringe stoßen einander — nach kurzer Frist ist alles still, der Stein hat sich in den Schlamm eingebohrt, das Wasser ist klar, ruhig, spiegelglatt wie vorher. Aber man darf wohl behaupten, daß nur die Juden in Deutschland diese Probe bestehen konnten, daß nur unter ihnen das Gefühl der Gemeinde-Einheit und -Zusammengehörigkeit mächtig genug ist, um den Trennungsgelüsten Widerstand zu leisten. Das Gleiche gilt vielleicht auch noch von den Juden in England. In den andern Ländern der vollen westeuropäischen Cultur ist die Organisation der Judenheil staatlich fest gegliedert, die Verhältnisse also ganz anders geartet. Dagegen zeigen uns die Juden in den halbbarbarischen und in den halbcivilisirten Ländern den vollen Gegensatz, die Sucht, sich möglichst zu zersplittern und aus Starrsinn, Herrschsucht und Dünkel in Gruppen zu sondern. Es sind sehr abschreckeudeBeispiele, die uns in Ereigniffen der neuesten Zeit nach dieser Richtung hin geboten werden. Es ist daher lehrreich und für die Freunde der Eintracht recht erhebend, diesen Gegenstand näher ins Auge zu faffen. (Schluß folgt.) München. Die Kunde von dem plötzlichen Hinscheiden des Rabbiner Bamberger in Würzburg hat auch hier, wo der Verewigte zahlreiche Schüler und Verehrer hat, schmerzliche Trauer verbreitet. Herr Rabbiner vr. P e r l e s hat denselben Ausdruck verliehen, indem er am Schmini Azeres anknüpfend an das hier übliche Matnas Jad dem Dahingeschiedenen von der Kanzel herab einen warmen Nachruf widmete, was um so mehr hervorgehoben zu werden verdient, als es ja noch in Aller Andenken lebt, in welch unwürdiger Weise der sel. Direktor Frankel unmittelbar nach seinem Tode von gegnerischer Seite beschimpft worden ist. Herr Dr. Perles hob hervor, daß die Gesammtheit Israels in dem Dahingeschiedenen einen großen Lehrer und ehrfurchtgebietenden Charakter verloren habe. In kurzen, markigen Zügen zeichnete sodann der Redner das Wirken Bambergers als Lehrer seiner Jeschrba, als Leiter seines Lehrerseminars, als unermüdlichen Wohlthäter der Leidenden und Bedrängten in Israel von Nah und Fern. Man kann wohl — führte der Redner aus — in manchen Punkten anderer Ansicht sein als der Heimgegangene, aber um so weniger dürfe man seinen vortrefflichen Leistungen und unbestreitbar edlen Eigenschaften die gebührende Würdigung versagen. Es ist wahr, der Würzburger Rabbiner gehörte der streng orthodoxen Richtung an, aber man möge doch endlich einmal aufvören, die Menschen nach den im Umlaufe befindlichen Schlagwörtern zu klassificiren und darnach seine Achtung zu bemeffen. Ein Charakter wie der Bambergers, müsse Jeden verehrungswürdig erscheinen, seine Leistungen, die unserem gesammten Volke galten, müssen von Jedem dankbar anerkannt werden. Mit der Hoffnung, daß das Andenken dieses Gerechten unserem Volke zum Segen gereichen werde, schloß der Redner den würdigen Nachruf, der in den Herzen aller Zuhörer den lebhaftesten Widerhall gefunden hat (und wohl auch im Herzen aller Leser dies. Bl. findet. Red.) Alzey, 30. Oct. (Orr.-Corr.) Es ist noch nicht lange her, daß man in Deutschland Juden für würdig hält, Apotheken zu besitzen unv zu verwalten. Daß die in dieser Beziehung gegen die Juden herrschenden confessionellen Vorurtheile unbegründet waren, beweist das katholische und confessionell stark unterwühlte Würzburg, wo ein Juoe eine Apotheke seit Jahren besitzt und verwaltet, und wo ein Jude Provisor ist. Wie sehr man durch solche Beschränkungen und Ausschließungen nicht blos die Einzelnen, sondern die Allgemeinheit schädigt, bewies in jüngster Zeit wieder der junge Provisor jener Apotheke, welcker unter 30 Bewerbern den ersten Preis der in Würzburg bestehenden Hagen-Buchholz'schen Stiftung für Pharmacie und Chemie erhielt, die goldene Medaille nebst 50 M. Kostenentschädigung Die amtliche Zuschrift, worin die Verwaltung diese Zuerkennung aussprichl, drückt sich über die preisgekrönte Arbeit sehr belobend aus und bezeichnet sie als eine wohlgelungene, mit dem Bemerken, daß der erste Preis seit dem 50jährigen Bestehen der Stiftung bisher noch Niemanden zugesprochen worden fei, und daß man beschloffen habe, die vorliegende Arbeit, durch den Druck zu veröffentlichen. Der Verfaffer bat darauf, von der Veröffentlichung durch den Druck Abstand zu nehmen, weil er Neider und überscharfe Kritiker fürchte, zumal die Arbeit wohl Unvollkommenheiten an sich trage, da sie nicht im Laboratorium, sondern am Receptirtische verfaßt worden sei, wo ihm weniger genaue Instrumente zur Hand gewesen seien und auch die nöthige Ruhe gefehlt habe. Die Verwaltung erklärte aber, von dem Drucke nicht Abstand nehmen zu wollen, da die Arbeit trotzdem der Vorzüge zu viele in sich trage, der Verfasser daher weder böswillige Neider, noch überscharfe Kritiker zu fürchten habe. Die Arbeit handelt über das arsenicsaure Chinin und weist die Existenz desselben durch eingehende quantitative Analysen nach Der Verfasser ist Oskar Adler, aus Kirchheim-Bolauden (Bairische Pfalz) gebürtig. Das Motto, welches der Verfaffer für seine Arbeit gewählt hat, ist auch bezeichnend; es lautet: „Der Grund, daß im Leben — Die Kraft — Nicht erschlafft, — Ist forschendes Streben." —8. Aus dem Großherzogthum Weimar, im Oktober (Or.-Corr.) In einem früheren Jahrgange dieser Zeitschrift schilderten wir einmal die Neuorganisation des israelitischen Religionsunterrichts in unserem Ländchen, hervorgerufen durch das neue Schulgesetz vom Jahre 1874. Wir hoben damals die Verdienste des Großherzoglichen Landrabbiners, Herrn 0r. Kroner und des Großherzoglichen Bezirksschulinspektors des vierten Verwaltungsbezirks, Herrn Stier, um diese Neuorganisation hervor. Wir wollen nicht verfehlen, heute das wiederum zu berichten, was während dieser Zeit auf schulischem Gebiete ebenfalls durch die Bemühungen der genannten beiden Herren erreicht worden ist. Zunächst wurden in noch zwei Gemeinden des Landes, Gehaus und A s ch e n h a u s e n, Simultan schulen zwischen Christen und Juden gegründet, in ersterem Orte eine dreiklasstge mit 2 christlichen und einem jüdischen Lehrer, in Aschenhausen eine zweiklassige mit einem christlichen und einem jüdischen Lehrer. Im Allgemeinen haben dieselben eben solche Einrichtungen, wie die Lengsfelder Schule (Vgl. Nr. 43, Jahrg. 1876 d. Ztg.) Die Großherzogliche Staatsregierung zu Weimar wollte an diesen beiden Simultanschulen dem israelitischen Lehrer nur den Charakter und die Stellung eines Fachlehrers beimessen. Allem oben genannte beide Herren ruhten nicht eher, als bis bte yte%;

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