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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-11-06 · N° 45. (6.11.1878) · p. Seite 355

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 45. (6.11.1878)
Date
1878-11-06
Page
Seite 355 (sequence 5)
Language
German
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— 355 — gierung nachgab uttb auch den betr. israelitischen Lehrern die Stellung von Klassenlehrern übertrug.^— Seit einem halben' Jahre beiteht am Sitz des Landrabbinats, in Lengs seid, eine Schnlanstalt, die wohl einzig in ihrer Art genannt werden dürfte, nämlich eine christlich-jüdische Simultan-Präparandie. Dnrch das Großherzogl. 'Staatsministerium in Weimar, resp. durch den Landtag werden nämlich alljährlich solchen jungen Leuten, die sich zu Lehrern ausbilden wollen, namhafte Geldunterstützungen verwllligt. Auf Betreiben ebenfalls der genannten beiden Herren wurde nun in Lengsfeld mit Hilfe dieser Geldmittel und mit Genehmigung der Regierung eine Präparandenanstalt gegründet, welche zur Zeit zwei christliche und einen jüdischen Schüler zählt. Da haben die Schüler gemeins cha ftlich ihren Unterricht in deutscher, französischer, englischer, lateinischer und griechischer Sprache (die fremden Sprachen sacultativ), in Rechnen, Geometrie, Algebra, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Klavier- und Violinspiel, und zwar von christlichen und jüdischen Lehrern, worunter auch der Herr Landrabbiner (Deutsch, Rechnen, Algebra, Lateinisch, Griechisch), ferner g et r e n n t: Die christl. Schüler christlichen Religionsunterricht, die tär. Schüler hebr. Grammatik, Bibelübersetzen, Rafchi, Schulchan Aruch, Mischnah, Gemarah und jüdische Geschichte. Alle diese Gegenstände stehen aus einem gemeinschaftlichen, von der Regierung genehmigten Stundenplan friedlich nebeneinander, der Sonnabend ist für die isr. Schüler gerade so gut frei, wie der Sonntag für die christlichen und werden an diesen Tagen nur Religionsgegenstände unterrichtet, ebenso ist es an den beiderseitigen Festtagen, welche nicht in die Ferien fallen. Nach dieser Schilderung glauben wir wohl nicht zu viel behauptet za haben, wenn wir die Anstalt einzig in ihrer Art nannten. Hoffentlich wird sie sich halten uno wird sich ihre Schülerzahl vermehren. Bei dieser Gelegenheit sei noch ein schöner Zug des Herrn Bezirksschulinspektors Stier erwähnt: Der Sohn eines isr. Lehrers seines Bezirks beiucht die Vorschule zum jüd. Lehrerseminar in Hannover; dem Vater fällt es nicht ein, hierzu eine Unterstützung der weimarischen Regierung nachzusuchen; der Bezirksschulinspektor erfährt es, veranlaßt den Vater, um Staatsnnterstützung emzukommen, befürwortet das Gesuch und so erhält der Schüler des hannoverschen Seminars von der weimarischen Regierung eine jährliche Unterstützung von 120 Mark! So sind die Schulverhältnisse im vierten Verwaltungsbezirke unseres Landes augenblicklich recht gut berathen, sowohl im Allgemeinen, als auch für die Inden. Daß in anderen Verhältnissen nicht alles eben so erfrenlich ist, werden wir „s. G. w." in einem nächsten Artikel zeigen. *) —s Aus dem Großherzogthum Weimar, 31. October. (Or.-Corr.) Die Haupt-Synagogengemeinde unseres Großherzogthums, die Stadt Lengs seid, ist am eriten Tage Rosch-chodesch Marcheschwan ein Raub der Flammen geworden. Nachts gegen 12 Uhr erscholl der Feuerrnf. In einer gefüllten Scheune brach — vermuthlich durch Frevlers Hand angelegt — Feuer aus. Der Wind erhob sich stnrmarug und trieb das brennende Getreide durch die Straßen, so daß in kurzer Zeit ganze Straßen in Flammen standen; ca. 36 Stunden wüthete das entfesselte Element und legte die Hälfte des armen Stäbchens in Äsche. Auch ungefähr die Hälfte der israelitischen Gemeindemitglieder hat Hab und Gut verloren: 2 2 i s r a e l i l i s ch e F.amilien gehören zu den Abgebrannten, unter ihnen der L a n d r a b b i n e r und der israelitische Gemeindevorsteher. Die Synagoge mit dem daneben stehenden Schulhaus wurden nur wie durch ein Wunder gerettet. Diese beiden Gebäude befin- *) Der geehrte Corresp. ahnte nicht, als er diesen so Erfreuliches enthaltenden Artikel schloß, daß sein nächster hier folgender Art. die betrübende Kunde von der Feuersbrunst, welche die Gemeinde so schwer hermsuchte, bringen werde. Mögen die Schwestergemeinden von ^Lah und Fern es an schleuniger Hilfeleistung nicht fehlen lassen! Siebe den „yulferuf" im Jnseratentheil. Red.) den sich nämlich der Scheune, in welcher das Feuer ausge kommen, gerade gegenüber, und verdanken dieselben ihre Rettung nur der günstigen Windrichtung, sowie den sehr großen Anstrengungen der Feuerwehr. Ausgeräumt war die Synagoge schon vollständig, ihr Dachstuhl ist beschädigt; jedoch wird es hoffentlich möglich sein, den Gottesdienst bald wieder in derselben zu eröffnen. Wir brauchen wohl nicht erst zu erwähnen, daß die Roth bei den Abgebrannten — bei Juden sowohl als bei Christen — sehr groß ist. Bei der großen Schnelligkeit, mit der das Feuer um sich griff, haben sehr Viele nur wenig oder gar nichts retten können. Und nun der Winter vor der Thür und obdachlos!- Kann es ein größeres Unglück geben? Wir hoffen zuversichtlich, daß solchem Elend gegenüber unsere Glaubensgenossen in der Nähe und Ferne ihre hilfreiche Hand nicht verschließen werden. (Milde Gaben wolle man an das Hilfscomits adreffiren; sind dieselben jedoch ausschließlich für die isr. Abgebrannten bestimmt, so adreffire man an den Großh. Landrabbiner Herrn Dr. Kroner, oder an den isr. Cuttusvor stand in Stadttengsfeld.) Ferner aber wollen wir hoffen, daß das Unglück die israelit. Gemeinde als solche nicht schädigen möge. Dieselbe ist eine alte, früher sehr zahlreiche Gemeinde. Jetzt ist sie bis auf einige 40 Familien zusammengeschmolzen. Ein Amtsgericht und eine Secundärbahn waren dazu bestimmt, dem Städtchen sowohl, als auch der israelitischen Gemeinde aufzuhetfen. Möge das Unglück die Gemeindemitglieder nicht zerstreuen, sondern im Gegentheil an einander ketten, damit unsere schönen Schul- und Gemeindeeinrichtungen keinen Stoß erleiden. Den Abgebrannten aber möge Gott bald wieder neue Häuser und neues Vermögen geben und sie über den Verlust des allen trösten und beruhigen! —8. Aachen, 27. October. (Or.-Corr.) Unsere Gem einde hat einen schweren Verlust zu beklagen. Herr Elia s Meye r, der seil drei Jahrzehnten der Gemeindevertretung angehört und langjähriger Präsident d->s Vorstandes gewesen, sieht sich aus Familienrücksichten veranlaßt nach Berlin zu übersiedeln. Hr. E. Meyer hat sich nicht allein um unser blühendes Gemeinoewesen durch seine umsichtige und hingebungsvolle Leitung hervorragende, auch höheren Orts gewürdigte Verdienste erworben, er ist auch in Gemeinschaft mit seiner edelgesinnten Gattin ein unermüdlicher, großherziger Wohlthäter der Armen gewesen. Um dem Scheidenden lebhaft gefühlten Dank für seine vieljährige segensreiche öffentliche Thätigkeit anszuorücken, begaben sich am 23. d. M. der Rabbiner, die sämmllichen Mitglieder der Gemeindevertretung nebst anderen besonders delegirten Herren in dessen Wohnung. Hier ergriff zuerst der Rabbiner vr. Ja ul ns das Wort und gab den wehmüthigen Gefühlen der Gemeinde beim Scheiden ihres allgemein verehrten Leiters warmen und beredten Ausdruck. Sodann überreichte im Namen der Geineindeangehörigen der derzeitige Vorsitzende des Vorstandes, Hr. L. Lippmann, dem Scheidenden eine kunstreich gearbeitete, in einer kostbaren, reichlich verzierten SÜbermappe ruhende Adresse. Hr. E. Meyer dankte hierauf der Versammlung mit tlefbewegten Worten für die seltene Auszeichnung, die ihm geworden und erösfnete derselben gleichzeitig, daß er durch eine „EheleuteEliasMeyer'sche Stiftung" zu Gunsten bedürftiger jüd. Bräute des Stadl¬ und Landkreises Aachen im Betrag von 9000 M. ein dauerndes Andenken sich zu erhalten hoffe. Dtesec opferfreudige Entschluß mußte um so größere Anerkennung finden, als Hr. M. bereits einige Tage vorher ansehnliche Snmnten sowohl den verschiedenen wohlthätigen Vereinen unserer Gemeinde als auch auswärtigen wohlthätigen Anstalten zugewandl hatte. Möge es dem verehrten Mann in seinem neuen Heim vergönnt sein, noch viele Jalre auf seine unvergeßliche, fegenerfüllte Wirksamkeit in unserer Gemeinde zurückzublicken! Oesterreich. Wien, 28. Oktober. (Or.-Corr.) Heute wurde hier die von dem Vorstande der Gemeinde ins Leben gerufene hebr. Sprach- und Bibel schule im städtischen Tempelhause

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