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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-11-06 · N° 45. (6.11.1878) · p. Seite 353

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 45. (6.11.1878)
Date
1878-11-06
Page
Seite 353 (sequence 3)
Language
German
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353 — nahezu 30 größere ober kleinere Gemeinden seines Distriktes zu erfüllen, namentlich den Religions-Unterricht rc. zu überwachen, so daß er es oft beklagte, seinen theologischen Studien und Forschungen nicht mehr Zeit widmen zu können. Auch in den profanen Wissenschaften, denen er früher weniger Aufmerksamkeit zugewendet hatte, bildete er sich allmählig aus, und erlangte namentlich in Geschichte und Naturkunde bedeutende Kenntniß. Alle diese aufreibende Thätigkeit, die noch durch Herausgabe verschiedener theologischer Schriften*) vermehrt wurde, konnte ihn nicht abhalten, einige heilsame Institutionen in's Leben zu rufen und zu leiten und für Nothleidende von Nah und Fern zu sorgen. Er gründete gleich Anfangs eineTalmud-Schule, in welcher er Rabbinats- und Lehramts Candidaten, sowie anderen Jünglingen, die an höheren religiösen Wissen Wohlgefallen fanden, Unterricht ertheilte. Sein Lieblings-Project, Errichtung einer Bildungsanstalt für jüdische Lehrer, konnte er erst im Jahre 1864 ausführen, nachdem er längere Zeit vorher die ersten nothdürftigen Mittel dazu gesammelt, auch einen vorzüglich befähigten Hauptlehrer gefunden hatte. Dieser Anstalt widmete er seitdem seine besondere Fürsorge zu. Wer mit ihm in Berührung kam, mußte gern oder ungern — denn seine Ueberredungsgabe hierin war wunderbar — momentane ober jährliche Beiträge geben. Er unternahm sogar alljährlich Reisen zu diesem Zwecke und brachte es so weit, daß die Anstalt nunmehr ein Haus mit vollständigem Lehr- und Wirthschafts-Jnventar und einen ziemlich bedeutenden Fond besitzt, der freilich zur Verpflegung der 20 bis 24 ständigen Zöglingen, Besoldung rc. noch nicht ausreicht. Gleich thätig war er in Sammlung von Beiträgen für die armen Israeliten im heiligen Lande, sowie für Koscher-Verköstigung der hier garnisonirenden jüdischen Soldaten. Zu diesen Zwecken wurde Niemand geschont, namentlich bei Festlichkeiten. Alle diese Opfer, die er unverdroflen und unermüdet einforderle, konnten jedoch sein Wirken für andere Arme und Nothleidende, für Wittwen und Waisen, arme Bräute und sonstige edle Zwecke nicht beeinträchtigen. Niemand wendete sich vergeblich an ihn, und da er bei seiner bekannten seltenen Uneigennützigkeit selbst mittellos war und blieb, so mußten seine Freunde und Verehrer stets offene Kaffe für seine Schutzbefohlenen haben. Ein Umstand erleichterte ihm zuweilen diese fromme Thätigkeit. Diese wurde nämlich allmälich so bekannt, daß ihm oft anonym von wohlthätigen Händen ansehnliche Summen zu bestimmten Zwecken oder beliebiger Verwendung zufloffen. Diese Momente gehörten zu den glücklichsten seines Lebens. Alles Fromme und Edle, das er vollbrachte, wird aber noch in Schatten gestellt durch seine beispiellose Herzensgüte, Friedfertigkeit und Sanftmuth und noch mehr durch seine fast übertriebene Gewiffenhaftigkeit in Ausübung seiner Pflichten, der göttlichen Gebote wie der staatlichen Gesetze. In letzterer Beziehung war er so skrupolös, daß er, — um nur ein Beispiel anzuführen, — eine Briefmarke vernichtete, so oft er einen Brief durch Gelegenheit besorgte. In religiöser Beziehung ließ er aus dem Grunde keinerlei Aenderung im Ritual und Gottesdienst zu, weil er besorgte, dieselbe könnte Veranlassung zu weitergehenden Reformen geben. So wahrhaft fromm er nun aber war, so weit entfernt war er von Haß oder Verfolgungssucht gegen Anderst) esnkende; er kam vielmehr Jedem, der mit ihm zu verkehren *) i) dw 'd über rmiTöi min nsD 2) 2plT 'D über die besonderen Pflichten jüdischer Ehefrauen, 3) p-p p|-|^i Commentar zu den von seinem Sohne, Rabbiner in Fischbach, edirten Glossen des p",H 2 Thle., 4) n'Ylft ein praktisches Lehrbuch für Schächter, 5) ^73*7 Commentar zu dem die ChaUzahvorschriften behandelnden Capit. 168 im Eben Haeser, 6) riÖSD X'Tlp/ über die npD ^X im Talmud. 2 Thle. hatte, mit der gewinnendsten aufrichtigsten Freundlichkeit entgegen, und wenn er auch in Predigten gegen Uebertretetung religiöser Satzungen mit scharfen Worten eiferte, so waren seine Mahungen gegen einzelne Personen stets nur in liebreiche Worte gekleidet. Er konnte sich auch herzlich freuen, wenn ein Ungläubiger doch noch dieses oder jenes Ritualgesetz beobachtete. Sein frommer Sinn, seine strenge Redlichkeit und vorzüglich seine Uneigennützigkeit, verbunden mit anspruchsloser Bescheidenheit, erwarben ihm die allgemeine Hochschätznng, nicht minder erfreute er sich der Anerkennung und Achtung aller Behörden. Daß auch das Familienleben eines solchen Mannes ein echt patriarchalisches sein mußte, ist selbstverständlich. Ganz besonders wurde sein Lebensglück erhöht durch seine treffliche Gattin, Tochter des ehemaligen Rabbiners in Fulda, in welcher er eine Lebensgefährtin gefunden hatte, die durch Frömmigkeit, Klugheit, stets heiteren Humor und umsichtige Hausführung sich ebenfalls allgemeine Verehrung erworben hat. Neun Kinder aus dieser Ehe, sechs Söhne und drei Töchter, sind bereits längst verheirathet und eine Schaar liebreicher talentvoller Enkel, besonders die hier lebenden, versüßten das Alter des bisher so glücklichen Ehepaares, dessen so plötzliche Trennung die allgemeinste innigste Theilnahme erregte, welche sich ganz besonders bei dem großartigen Leichenkondukte, an welchem sich an 20 Rabbiner betheiliglen, kund gab. Sein zweiter Sohn, der Rabbinatscanoidat Nathan B a mberger, ist provisorisch mit der Nachfolge im Nabbinate betraut. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 30. Oct. (Or.-Corr.) Der Hintritt des Würzburger Rabbiners y'j bringt unwillkürlich den Kampf in Erinnerung, in den er mit dem Rabbiner Hirsch verwickelt wurde. Es ist wohl glaublich, daß diese Streitigkeiten den Lebensabend des Mannes, der sich sonst von öffentlicher Polemik stets fern gehalten hatte, getrübt haben; wie es aber gewiß ist, daß er sich nicht muthwillig in den ihn zunächst nicht berührenden Kampf gemischt und nur in reinster Absicht sein Votum für den Frieden, abgegeben hat, so steht es auch fest, daß er sich durch sein Auftreten ein sehr großes Verdienst erworben hat. Es war vor zwei Jahren, gerads um die Zeit der Herbstfeiertage, als Rabb. Hirsch mit jenem ihm eigenen Feuereifer, den wir hier durch kein Beiwort näher charakterisiren wollen, die Mitglieder seiner Religionsgesellschaft zum Austritt aus der Gemeinde aufforderte. Einige, wenige, folgten gern, andere konnten der Aufforderung nicht widerstehen, die große Mehrzahl war unentschlossen und in peinlicher Verlegenheit. Der vollständige Bruch mit ihren Gemeindegenoffen widerstrebte ihnen, vielen schien es geradezu unmöglich , sich von der alten Stammgemeinde loszureißen, mochte Hirsch ihnen auch demonstriren, daß jene Stammgemeinde längst abgefallen und todt, und daß sie, die Mitglieder der Religionsgesellschaft, die eigentliche Gemeinde seien — es konnte ein solches Sophisma, wenn auch noch so oft und zelotisch vorgetragen, die Gemüther nicht gewinnen. Aber die Gegner des Austritts in der Religionsgesellschaft standen doch ziemlich rathlos und verlassen da; sie hatten Hirsch und seinen ihm zugeschwocenen Anhängern keinen ebenbürtigen Führer gegenüber zu ftellen. So verging der Win« ter unter Verhandlungen und Verzögerungen, bis gegen das Frühjahr hin der sel. Würzburger Rabbiner den Bann der auf den Gemüthein lastete, löste und brach, und im eigentlichsten Sinne des Wortes „sich vor den Riß stellte." Und so ist dieser Riß nicht größer geworden, und das ist gleichbedeutend mit der Heilung desselben. Die Beispiele des Austritts sind in Frankfurt und überall vereinzelt geblieben, die Freunde des Friedens und der Eintracht hatten in dem

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