Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 45. (6.11.1878)
- Date
- 1878-11-06
- Page
- Seite 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 352 — der doch die erste und unentbehrlichste Bedingung der Erhaltung des Wesentlichen war, etwas Nebensächliches und etwaige Abweichung unter den verschiedenen Gelehrten auch etwas Unschädliches —" (6. 68 ff.) selbst dieser Satz, der, obwohl in der geschichtlichen Darstellung gegeben, die Ansicht des Herrn vr. Adler und die der Mittelpartei am treffendsten ausspricht, kann von jedem Reformer adoptirt werden, nur, daß jeder ein Anderes als weitere Auslegung, Anordnung und Umzäunung, und ein Anderes als das Wesentliche betrachten wird. 8) Geradezu gefährlich und auf abschüssige Bahn leitend ist daneben der Ausspruch: „Jede Reform auf religiösem Gebiete muß nachweislich conservativ fein"4) (S. 81). Wohl stellt vorher der Herr Verfaffer die Bedingung, daß „in jedem einzelnen Falle die concrete Zulässigkeit und Zweckmäßigkeit vorhanden" sein müsse, aber wie sind die Beiden zu bestimmen? Und erhaltend dünkt sich jede Reform, da immer noch Etwas übrig bleibt, was selbst der Ultra erhalten wiffen will. Es ist wahr: „die religiöse Gesinnung ist die Religiosität. und ist sie wahrhaft vorhanden, so sucht sie sich eine Form, die der Innigkeit entspricht, und je kräftiger, destoweniger reflektirend" (S. 82). Aber frei darnach handeln kann nur der Stifter einer neuen Religion. Wer sich der Fesseln entschlägt, die eine Jahrtausende währende Entwickelung dem Epigonen anlegt, der verfährt destructiv und nicht conservativ. Hierbei brauchten wir mit Absicht das Wort Entwickelung, und nicht „Bestehen." Denn eben die lichtvolle Darlegung, wie xivi-.-ai x«l pk ... xd xmxa, wie in der Geschichte des Judenthums Alles in beständiger, ruhiger Fortentwickelung und Weiterbildung geblieben ist, wie felbji in der scheinbaren Stabilität ein beständiges Umwandeln hervortritt, zeigt Herrn vr. Adler in der Fülle seiner Kraft, und uns in vollster, anerkennender Uebereinstimmung mit ihm. Wir hätten nur gewünscht, daß das Haupterkennungszeichen der conservativen Reform nicht so nebenher, sondern mit voller Betonung hervorgehoben worden wäre. Uns erscheint conservativ nur die Fortbildung, welche nicht allein den Bedürfniffen der Gegenwart gebracht werden will, sondern stetr den Zusammenhang mit der Vergangenheit sich wahrt, die in allen ihren Bestrebungen sorgsam achtet auf die historische Entwickelung. Nicht allein das Wozu und Weshalb, sondern auch das Woher ist uns bestimmend für Erhallen und Verworfen, für Aendern und Umgestalten. Wohl verfährt der Herr Landrabbiner ganz nach diesen Forderungen, aber er rückt sie nicht in die erste Reihe und giebt banüt den Angriffen von Rechts und dem scheinbaren Uebereinstimmen nach Links eine allzu breite Basis. Ausdrücklich hätte gesagt werden müffen (und der verehrte Herr College hätte es treffender und schlagender, als wir, thun können): Nicht, wie den Stabilen, ist uns Alles, was ist, vernünftig. Aber uns entscheidet auch nicht allein: Erfüllet dies und jenes nach seinem Zweck in unserer Zeit?! Bevor wir zu ändern wagen, muß erst die Vorfrage entschieden sein, ob biblisch oder rabbinisch, ob dem Talmud oder der Kabbala oder der Volkssitte entstammt, was unserer Zeit nicht angemeflen scheint. Und selbst, wo der Ursprung und Aenderung uns Verwerfen gestattet, „hört mit dem Wegsall des Grundes" uns nicht sofort „auch die Satzung oder Umzäunung auf, als religiöse Vorschrift zu bestehen." Denn im geschichtlichen Werden erfüllen sich oft auch leer gewordene Formen mit neuem Geiste, 3) Im Sinne des Hrn. A. ließe sich hierauf sagen: Wenn diese Besorgniß von der Aeußerung uns abhalten müßte, dann hätte sie doch auch unsere Weisen von allen den im Talmud enthaltenen Belegen für Zulässigkeit einer Reform abhalten müssen. Wir müssen eben das Vertrauen Haben, daß die Wahrheit zuletzt Siegerin ist und unseren Gegnern, vie zuweit gehen würden, die Gewissenhaftigkeit zutrauen, der Wahrheit die Ehre zu geben. *) Wie dieser Satz, durch den unverkennbar der Willkühr entgegengetreten und die Befugniß abgesprochen werden soll, gefährlich u. s. w. sein soll, ist nicht recht einzusehen. Damit ist ja der Reform ihre Grenze gezogen. Sie darf sich nicht blos als conservativ ausgeben, sie muß Nachweisen, daß sie es ist. Kann sie das, gut! kann sie es nicht, so wird sie oder der Nachweis als nicht zureichend abgcwiesen. treten oft an die Stelle der ursprünglichen Gründe und Ursachen neue. Ein Beispiel an einem unwichtigeren Gebote, rTYirD DlpöS * *6« mp pK Darnach müßte in unfern Synagogen der Kiddusch wegfallen. Da aber leider in so vielen Häusern kein Kiddusch mehr Sabbalhe und Feste eröffnet, so ist gerade in der Synagoge derselbe beizubehalten, damit der Brauch nicht vergeffen werde in Israel. Nachdem wir noch ausdrücklich unfern Dank für die vielen geistvollen Hinweise auf Entstehen und Sonderung der Minhagim ausgesprochen, wenden wir uns zu dem Punkte, der uns zumeist als Widersacher der Anschauung des Herrn Dr. Adler aufzutreten angestachelt hat. Wer ist zur Vornahme von Reformen eigentlich berechtigt? (Schluß folgt.) Rabbiner Seligmann Bamberger s. A. Ueber den am zweiten Tage Hüttenfesttages (13. Oktober) so plötzlich im Tempel dahingeschiedenen Distrikts-Rabbiner Bamberger zu Würzburg, bringt die „Würzburger Zeit." einen ausführlichen Nekrolog, dem wir, da es nicht nur seinen zahlreichen Verehrern, sondern auch dem größern jüd. Publikum nicht unwillkommen sein, von dem Lebenslauf dieses edlen und gelehrten Mannes etwas Näheres zu erfahren. Nachfolgendes entnehmen: „Seligmann Bär Bamberger, geb. zu Wiesenbronn bei Kitzingen am 5. Cheschwan 5568 — d. i. Ende Oktober 1807 — war der einzige Sohn mäßig begüterter Eltern. Der Vater, ein verständiger frommer Landmann, die sich früh entwickelte Fähigkeit des Sohnes erkennend, ließ diesen durch besondere Lehrer in der heiligen Schrift und im Talmud unterrichten. In feinem 14. Jahre bezog er die damals noch von Hunderten besuchte Talmudschule zu Fürth, wo er sich ebene falls durch fromme Führung, Lernbegierde und Fortschrittauszeichnete. Nach fünfjährigem Aufenthalte dort, während dessen der Vater starb, kehrte er in die Heimath zurück, wo er fast ausschließlich seine theologischen Studien und Forschungen fortsetzte, obgleich seine Eltern ihn nicht eigentlich zum Rabdiner bestimmt hatten. Er gab schon damals Jünglingen unentgeltlich Unterricht in Talmud und sonstigen rabbinischen Wissenschaften. Als er jedoch im Jahre 1830 heirathete, mußte er wegen der damaligen schweren Beschränkungen gegen die Juden ein kleines Geschäft etabliren, das selbstverständlich bei seiner Abneigung gegen alle weltlichen Bestrebungen ihm nur das allernothwendigste Jntereffe abgewinnen konnte. Von dem kleinen unbekannten Orte aus verkehrte er mit vielen hervorragenden Trägern des strenggläubigen Judenthums, und erwarb sich bald trotz seiner Jugend den Ruf eines bedeutenden Talmudisten und Casuisten, so daß er in vielen schwierigen Fragen und Controversen um seine Aeußerungen angegangen und diese oft als entscheidend anerkannt wurden. Gegen die damals beginnenden Reforiit-Bestrebungen innerhalb des Judenthums trat er als Kämpfer in die vordersten Reihen mit ein. Als im Jahre 1840 nach dem Tode des Oberrabbiners Bing die sämmtlichen israel. Gemeinden Unterfrankens in sieben Rabbinats - Distrikte getheilt wurden, konnte es nicht fehlen, daß dem frömmsten, edelsten und in der jüdischen Theologie hervorragendsten Bewerber Bamberger auch der bedeutendste Distrikt Würzburg durch große Stimmenmehrheit zuftel. Nach seiner Bestätigung durch die kgl. Regierung und — nach Protest der gegnerischen Minorität — auch durch allerhöchste Stelle, übernahm er das Rabdinat, und nun begann seine Wirksamkeit als Vertreter und Haupt des streng orthodoxen Judenthums, die er bis zu seinem Lebensende mit unverrückler Consequenz durchführte. Seine Thätigkeit konnte daher nicht auf seinen Bezirk beschränkt bleiben, sondern bald wurde er von allen Seiten, selbst von weitester Entfernung her in Anspruch genommen, weil eben sein Ruf sich über das auf der ganzen Erde verbreitete Judenthum erstreckte. Dabei hatte er seine Amtspflichten gegen