Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 14. (3.4.1878)
- Date
- 1878-04-03
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9582985--3537-9582990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 111 (Der geehrte Herr College weiß wahrscheinlich nicht, daß die leitenden Persönlichkeiten in den größer» Gemeinden Preußens zumeist von einer solchen Subvention nichts wissen wollen. Sie glauben, daß sie dem Staate dann auch das Recht zugestehen müßten, die Rabbiner einzusetzen oder doch bei deren Wahl eine maßgebende zu Stimmen führen. Das wird aber perhorrescirt. Red.) N. A. Beuthen O. Sch. (Or.-Corr.) Durch den Besuch des Gymnasiums am Sonnabend wurden die jüd. Schüler natürlich größtentheils vom Besuche der Synagoge abgehalten. Auf Wunsch des Herrn L. Gut mann, Vorstehers des Vereins Ez Chajiui, welchem schon seines, die Prima besuchenden Sohnes wegen daran lag, daß die jungen Leute nicht so ganz dem öffentlichen Gottesdienst entfremdet würden, wurde im Bellokale des gen. Vereins von 11—12 Uhr, zu welcher Zeit der größte Theil der jüdischen Gymnasiasten frei vom Unterrichte ist, für dieselben ein Mussaphgottesdienst nebst Thoravorlesung eingerichtet, an welchem sich sehr viele Gymnasiasten betheiligen. Das Vorbeter- und Vorleseauit verrichtet H. M. Aschkenase. Es steht ztt hoffen, daß die Zahl der Theilnehmer an diesem Gottesdienste sich noch bedeutend vergrößern wird. — Am 20. ds. fand die Prüfung im Hebräischen an der jüdischen städtischen Elementarschule, deren Revisor der Rabbiner Herr Dr. Rosenthal ist, statt. Als Sachverstündiger waren Herr Moses Gutmann, Vorstand vom Vereine Talmud-Thora, nebst andern Herren, die ein Interesse an der Sache hatten, (Vorsteher, Repräsent ante» u. A.) zugegen; Der Rabbiner sprach sich befriedigend über das Resultat der Prüfung aus. Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. Mürz. (Or -Corr.) Wegen der Artikel der Wochenschrrfl, welcher vernünftiger Weise alle möglichen Vorsichtsmaßregeln bei Befchneidungen eiupftehlt und das Aussaugen des Blutes mit dcm Munde vermieden wissen mill, wird in manchen Kreisen Berlins ein Koribantenlärm geschlagen. Vielleicht werden sich die überfronnnen Narren beruhigen, wenn ich daran erinnere, daß der sel. Preßburger Rabbiner N Moses Sofer ganz derselben Ansicht, wie die „Wochenschrift" sie aussprach, war. Im Jahre 1835 starben nämlich hier in Wien einige Kinder nach der Beschneidung und zwar unter Symptomen siphilitischer Ansteckung. Der sel. Rabbiner Horwitz sah sich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, seinen Lehrer R Moses Sofer zu fragen, ob es nicht angemessen wäre, das Bultaussaugen mit dem Munde aufzugeben. Hierauf erlheilte dieser beiliegende Antwort. Dieselbe ist abgeoruckc in M. E. Sterns Kochbe Jizchak 1. Heft, dann reproducirt im 28. Heft (Wien 1862) S. 111 und in den Respomeu „Jad El'asar" des sel. Rabbiners Horwitz. Ich denke die Herren in Berlin werden R. Moscs Sofor noch als Autorität auf talmudischem Gebiete gelten lassen. (Wir geben aus dem Gutachten nur einen kurzen Auszug. R. M. S. sagt: Nur die Kabbalisten legen auf das Aussaugen mit dem Munde einen besonderen Werth; mir aber haben mit Kabbala nichts zu lhun. VICE und pa finb von gleichem Stamme, letzteres ist aber durchaus kein Aussaugen, wie aus Richter 6, 38 und Spr. Sal. 30, 33 hervorgeht. Es ist demnach nicht nöthig, das Blut auszu s a ugen. Abgesehen davon gehört aber njpxö jedenfalls nicht zu dem Gebote der Beschneidung; wer und niT“lS vollzogen hat, hat seine Schuldigkeit gethan. Wenn daher das Aussaugen mit dem Munde sogar ausdrücklich in der Mischna vorgeschrieben wäre, so dürfte es unterbleiben, wenn uns die heutigen Aerzte bessere Methoden der Wundbehandlung lehren.) Gr. Kanizsa, im März. (Or.-Corr.) Der Prozeß gegen unfern Freund, Hin. Rabbiner Albert Stern in Neupest in Ehescheidungsangelegenheit (S. Nr. 8 dies. Bl.) ist noch immer nicht endgiltig ausgelragen, und mir würden bedauern, wenn er zu Ungunsten desselben ausfallen sollte, weil damit dem Juden hum und gerade deni empfindlichsten Theil der Religion eine tiefe Wunde geschlagen würde. Bei der noch äußerst lückenhaften Gleichstellung aller Staatsangehörigen in unserem Vaterlande — wir berühren beispielsweise die Zahlungspflicht der Wechsel am Sabbath und allen Feiertagen, gegenüber den Ferien an Sonn- und Feiertagen der Katholiken — soll gerade jene Gleichstellung nicht alterirt werden, wonach die Ehescheidung der Israeliten, gleich der der anderen Coniessionen, von dem Forum des bürgerlichen Gerichtes rechtsgiltig vollzogen werde. Betrachten wir die Folgen, so war kein non possurnug je berechtigter als dieses. Wer die laxen Zustände kennt, dem ist es klar, daß mancher bürgerlich Geschiedene unter dem Deckmantel des Staatsgesetzes keine scheidungsbriefliche Trennung (Get) nachsuchen wird. Das wäre kein Unglück, wenn die geschiedene Gattin sich entschlösse, nie wieder in ein Ehebündniß einzugehen. Der heirathslustigen Frau aber bleibt nichts übrig als, da sich kein Rabbiner findet, der eine blos staatsgesetzlich geschiedene Frau wieder trauen kann und darf, entweder einen confessionslosen Mann im Auslande aufzusucheu, wobei deren Kinder und Enkel aber religionsgesetzlich Bastarde (Mamserim) bleiben; oder denkt sie an die traurige Stellung ihrer zukünftigen Familie, so wird sie gegen ihre Ueberzeugung zur Taufe gedrängt, und unsere Staatsbeamten werden zu unfreiwilligen Missionären herabgewürdigt, was sicher weder in ihrem noch im Sinne des Gesetzes liegt. Lö wy. Schweiz. X. Zürich, 20. März. (Or.-Corr.) Jüngst aus Anlaß einer Trauung in Basel anwesend, machte ich nach dem in der Nähe, wenn auch jenseits der deutschen Grenze belegeneu H e g e n h e i m (Elsaß) einen Ausflug, um das Asyl zu sehen, das dort für altersgebrechliche Israeliten errichtet ist, und das so schnell eine, wie ich mich überzeugt habe, wohlverdiente Beruh ntheit erlangt hat. Die Baseler israelitische Gemeinde, kaum mehr als zwei Jahrzehnte alt, setzt sich in ihrem bei weitem überwiegenden Theile aus Ober-Elsässern zusammen, die natürlich noch viel Liebe und Anhänglichkeit für ihr Stammland bewahrt haben. So erklärt es sich, daß die Baseler, trotzdem sie bereits .ein herrliches Gotteshaus, eine eigene Schule und ein nicht unbedeutendes Vermögen besitzen, ihre Todten nach Hegenheim führen. Es ist kein leeres Wort: „Ich mill bei meinen Vätern liegen!" Die in jüngster Zeit angeregte Frage wegen Anlage eines eigenen Gottesackers schreitet nur aus dieser Ursache nicht so recht ihrer Verwirklichung entgegen. Man könne diese Pietät Niemand übel nehmen. Daß die Baseler Israeliten nicht von pecuniären Rücksichten zurückgehalten werden, sieht man an dem Asyl, dem Lieblingskinde der Baseler jüd. Ge»neinde, und insbesondere des um dieselbe so hochverdienten Vorstehers D r e i f u ß - N e u m a n n. Das Asyl, für Männer und Frauen in der bequeinsten Weise eingerichtet, von einem schönen Garten umgeben, bildet eine gemüthliche Zufluchtsstätte für Greise und Greisinnen, (auch als zahlende Pensionäre), die kein Heim besitzen, oder daheim die rechte Pflege nicht haben. Wer sein Schärflein zu dem durchaus noch nicht für alle Zeiten sicher gestellten Werke beiträgt, thut ein gutes Werk. Italien. Rom Der „Pest. Lloyd" von vor. Woche enthält zwei Briefe über „die Juden in Rom" aus der Feder des Or. Nemeuyi. Wir geben hier den Schluß des zweiten Briefes; den Abdruck einiger anderer Stücke des interessanten Berichtes Uns für spätere Nr. vorbehaltend. „Bevor ich den Brief absandte, machte ich bei einer jüdischen Persönlichkeit von Rom einen Besuch, die nicht gerade im Ghetto wohnt, sondern auf dem Piazza d'Espagna eine Reihe glänzender Salons occupirt. Ich hatte diesem Herrn einige Bücher zurückzustellen, die er mir geliehen hatte, um darans die Geschichte der Juden in Rom zu studiren. Wie um mich selbst zu controliren, erzählte ich, wie ich das Ghetto gefunden und wie ich es beschrieb. Wenn man im Laufe von vier Wochen 1000 neue Dinge sieht und 1100 neue Dinge