Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 14. (3.4.1878)
- Date
- 1878-04-03
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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"TlHi- WWv^. i",..-V'-.*i' ii — 112 — beschreibt, kann Einem eine Unrichtigkeit leicht in die Feder kommen, so vorsichtig man auch sei. Ihre Beobachtungen, erhielt ich zur Antwort, stimmen im Ganzen mit meinen eigenen Erfahrungen zusammen. Nur glaube ich, daß Sie Unrecht haben, mit Apodikticität zu behaupten, die Nace, die im Elend des Ghetto geboren sei, habe für alle Zeit die Fähigkeit zu einem menschenwürdigen Dasein verloren. Glauben Sie das ja nicht! ... Halten Sie dafür, mein Herr, daß ich einige Ansprüche auf ein menschenwürdiges Dasein erhebe? ... Nun denn, mein Großvater handelte im römischen Ghetto und ich — schlafe im italienischen Senat! Und als ich eine banale Höflichkeit sagte, fügte er hinzu Oh, mein Herr, wir schlafen Alle im Senat! Sagen Sie mir, wie ist es denn bei Ihnen im Senat? Wir haben keinen Senat, sondern ein sogenanntes Herren- oder Oberhaus; wenn ich Ihnen jedoch die Wahrheit sagen soll, Exzellenz, schlafen die Leute bei uns im Oberhause nicht schlechter, als bei Ihnen im Senat! Und uni wieoer auf das Ghetto zu kommen, muß ich Ihnen vor Allem erklären, oaß es die höchste Ungerechtigkeit wäre, auf die religiöse Toleranz des italienischen Volkes einen Schluß zu ziehen nach dem, was Sie in Rom gesehen haben. Ich kann nach ernster Prüfung sagen, daß es meines Wissens kein Volk in Europa gibt, das so frei von religiösem Vorurtheile wäre, wie das italienische Volk. Ich spreche nicht von so bevorzugten Geistern, mein Herr, wie Maffimo d' Azeglio, besten Schrift zu Gunsten der Juden ich Ihnen gegeben habe; sondern ich spreche von der Maste des italienischen Volkes, besten lichtvolle Aufgeklärtheit Ihre Bewunderung erregen würde, wenn sie Zeit hätten, es eingehend kennen zu lernen. Sie mögen Recht haben, daß die römischen Juden den Franzosen Vieles verdanken, wir in den andern Theilen Italiens, wir verdanken Niemandem Etwas, als unseren eigenen Landsleuten und die begehren keinen Dank von uns. Wenn Sie aber lernen wollen, welches köstliche Gut die Freiheit ist und wie wunderbar sie die Menschen gestaltet, dann gehen Sie nach Livorno. Es ist Jahrhunderte. hindurch so gehalten worden, daß jeder römische Jude, der genug reich war, um durch Bestechung von den päpstlichen Behörden einen Paß zu erhalten, nach Livorno ging. Wie die Flüchtigen aus Aquileja die Stadt Venedig gründeten, so haben die verfolgten römischen Inden im Vereine mit den verfolgten Protestanten und andern Unterdrückten, die Stadt Livorno groß gemacht ■— eine solidere Größe, mein Herr, als diejenige Venedigs! Ich will Ihnen an einige meiner Anverwandten in meiner Vaterstadt Empfelungen schreiben. Anstatt nach Neapel zu gehen, wo Sie eine todte Schönheit sehen können, schonen Sie die wenigen Stunden nicht und gehen Sie nach Livorno, wo Sie ein kleines Amerika sehen werden, welches die Arbeit und die Freiheit geschaffen haben! Ich schonte die wenigen Stunden nicht und ging nach Livorno. Auch in der herrlichen Hafenstadt, welche Ferdinand I. zum Asyl aller Ausgestoßenen gemacht hat, finden sich ganze Gasten wie in Noin, welche fast nur von Juden bewohnt werden. Der Reichlhum und der nimmer raftcube Gedanke sind hier zu Hause und sie schufen ein Ghetto mit goldenen Thoren. Während man in Rom von guten Christen auf Schritt und Tritt betrogen wird, erhält man hier die besten Waaren zu Preisen, welche die Bewunderung des Fremden bilden. Die Leute sind zu beschäftigt, als daß sie Zeit hätten, sich auf die zeitraubende Unehrlichkeit zu verlegen. Während Rom noch immer von der Beraubung der Fremden lebt und in allen modernen Dingen so armselig ist, daß selbst der römischeste Handelsartikel, die Rosenkränze, aus Paris importirt werden nrüssen, haben die Elenden und Vertriebenen in Livorno einen Handelsverkehr eingerichtet, der nach dem entferntesten Meere die Handelsfiagge Italiens in Ehren trägt. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin, 30. März. Ueber den im Leitartikel der vorig. Nr. mitgetheilten Antrag der Agrarcommission (in der Petitionsangelegenheit des Rittergutsbesitzers vr. Wiesenthal) wurde heute in der Schlußsitzung des Abgeordnetenhauses verhandelt. Derselbe wurde nach kurzer Debatte angenommen und die Petition zur Abhülfe an die Staatsregierung überwiesen. Berlin. Die seit dem 39. Januar 1792 hier bestehende „Gesellschaft der Freunde" hielt am 23. ihre 86.-General- Versammlung, in welcher, nach dem einleitenden Vortrage des Vorstehers (Geh. Kommerzienraths L i e b e r m a n n) der Schriftführer (Rechtsanwalt Lev in) den Jahresbericht erstattete, welcher auf's Neue das Gedeihen dieses in aller Stille wohlthätig wirkenden Vereins bekundete, der auch für die Wittwen und Waisen seiner Mitglieder in großherziger Weise sorgt und im Begriffe ist, die Jahrgehälter der Wittwen noch zu erhöhen. Den Bericht über die Wittwen- und Waisenkaffe erstattete der Kassirer (Kommerzienrath Franz Mendelssohn). Dem Stadtrath Magnus, welcher ein Vierteljahrhundert lang ununterbrochen dem Vorstände angehört, wurde immerwährende Ehrenmitgliedschaft zuerkannt, demnächst dem Geh. Kommerzienrath Heinrich Wolfs, welcher im Dezember v. I. der Gesellschaft 50 Jahre angehört hat, der Glückwunsch derselben Namens des Vorstehers dargebracht. Der Versammlung folgte ein heiteres, durch künstlerische Gesangsvorträge verschöntes Mahl, während welches Prof. vr. Lazarus eine schwungvolle Rede über den Werth und die Bedeutung der Freundschaft hielt. Unter Denjenigen, welche die Mitgliedschaft der Gesellschaft nachgesucht, befand sich auch der Oberbürgermeister H obrecht, der neue Finanzminister. Wolfenbüttel. Der soeben erschienene „Jahresbericht der Samsonschnle" über das abgelaufene Schuljahr enthält eine vortreffliche wissenschaftliche Abhandlung vom Director vr. Rosenstock: „Die Völkerwanderung und ihre Folgen für die Juden Europa's, insbesondere Deutschlands," über welche an anderer Stelle berichtet werden wird. Den „Schulnachrichten" entnehmen wir, daß die Anstalt zu einer fünfklassigen Schule mit sechsjährigem Cursus erweitert worden; zur Erlangung der Reife für das Freiwilligenexamen ist der zweijährige Besuch der ersten Klasse erforderlich. Die Lehrmittel sind bedeutend verniehr und für den physikalischen Unterricht die nöthigen Apparate angeschafft worden. Die Schülerzahl hat die Höhe von 50 erreicht, über welche hinauszugehen, die Direction im Jnlereste einer umsichtigen Leitung und sorgfältigen Erziehung gar nicht bestrebt ist. Das Lehrerpersonal ist stets bemüht, den Zöglingen das Elternhaus möglichst zu ersetzen; es bildet mit ihnen eine große Familie, vereint in gemüthlichem Beisammensein mährend der Erholungsstunden zu belehrender Unterhaltung, sinnigem Spiel und zur Feier der Festtage. Heilbronn, 29. März. Eine wahre Judenhetze spielte sich am 20 d. M. hier ab. Zwischen den jüdischen und christlichen Metzgern bestand bereits geraume Zeit arge Feindschaft, hauptsächlich verursacht durch die billigen Fleisch- und Wurstpreise der jüdischen Metzger. Es gelang der Polizei erst nach vieler Mühe, die Ruhe wieder herzuftellen. Das Publikum war vorzugsweise auf Seite der Israeliten, welchen es die billigen Fleischpreise verdankt. London. Wir haben den letzten Bericht einer der Juden- Bekehrungsgesellschaften vor uns. Das Einkommen desselben hat im letzte Jahre betragen 36,011 Pf. (19 Schill. 4 P.) (also rund 720200 Mk.) und was ist das Resultat dieses ungeheurer! Aufwandes? weniger als nichts. (Jew. World.) London, 26. März. (Unterhaus. (Schatzkanzler Northcote erklärte auf eine Anfrage Simon's, die Regierung werde ihren Einfluß aufbieten, um allen Confestronen in Rumänien und Serbien gleiche Berechtigung zu verschaffen. i 1