Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 2 (9.1.1936)
- Date
- 1936-01-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449238--09920-9448583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Alfred Jeremias 1× ep/1023993
- Carl Watzinger 1× ep/1024040
- Felix Goldmann 1× ep/1012096
- Hermann Strack 1× ep/1013933
- Hugo Gressmann 1× ep/1023738
- Kurt Pinthus 1× ep/1026269
- Lazarus Goldschmidt 1× ep/1023674
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Max Brod 1× ep/1024844
- Max Dienemann 1× ep/1011813
- Max Weber 1× ep/1025742
- Michael Guttmann 1× ep/1041410
- Thomas Mann 1× ep/1025357
OCR text
Nr.2 * 2. Beiblatt 9. Januar 1936 Aus einem ultjüdischen „Knigge“ So, wie es kund ist, daß die Hauptsache beim oder Mutters Platz. Man darf ihre Worte Lernen nicht das Lernen selbst, sondern das Zn-- nicht wenden noch mißdeuten und ihnen Erfüllen-Verstehen aller Gesetze und Pflichten nicht einmal sagen: es erweist sich, daß du ist; so, wie der Mensch, der Geld zu verdienen Unrecht hast, denn das wäre kein Respekt sucht, doch nicht das Geld, sondern den Nützzweck mehr. Und wäre man selbst der größte Mann des Geldes meint; so auch soll jeder Judeden und sitzt zwischen Menschen und der Vater Nutzzweck des Lernens lernen, als da ist: zu oder die Mutter käme und schlüge oder spiee wissen, wie er sich seinen Lebtag zu führen hat. .. einem ins Gesicht oder zerrisse einem das Ge- (Aus der Vorrede zum Sefer Chaje Adam, w'Chochmat - Wand, sv MUß MNN schweigen Und kein bös Adam.) Wort reden, darf nicht einmal ern bös Ge- Unsere heilige Lehre ist lauter Erbarmen sicht zeigen. _. ■ ' und will, daß auch der Jude lauter Erbar- Wer die Güte eures Menschen braucht nren sei. Er habe ein weiches Herz gegen und weiß, seinem Vater zu Lrebe wrrd der jedwedes Geschöpf, wie Gott zu jedem gut Mensch sie ihm antun, doch auch ernem selber ist... Und nicht allein darf der Jude kein zu Liebe, darf doch nicht sagen: Tu es nur einzig Geschöpf verletzen: umgekehrt, er muß zu Liebesondern muß sagen: ^zch brtte drch, sehen, jedes Geschöpf vor Not zu hüten, sotu es meinem Vater zu Lrebe. Wew fernen gar wenn es nur einem Fremden oder gar Vater eine Sünde tun sieht, darf mcht sagen: keinem gehört. So darf man also keiner' Du hast gesündigt, sondern: Mrr schernt„rn lebenden Gans Federn ausreißen, denn das der Thora steht es so und so. Und muß das tut ihr weh und ist sündhaft. Wenn Pferde so sagen, daß es nicht aussehen kann, als einen schweren Wagen ziehen, und man sieht, warnte er den Vater oder drohte rhm. Ruch sie plagen sich gewaltig und es ist ihnen wenn Vater und Mutter tot sind, hat man schwer voranzukommen, und gehörten sie sosie in Ehren zu halten; und wenn man von gar einem Fremden, so hat man ahnen den ihnen spricht oder schreibt, fügt man rrnrner Wagen stoßen zu Helsen, damit der Fremde hinzu: Ihr Andenken zum Segen. Man muß sie nicht schlage. Man darf keinem Vieh oder auch Stiefeltern, ältere Geschwister, Groh- Vogel die Füße so binden, daß es ihm Pein und Schwiegereltern in Ehren halten und machen könnte, und außerdem, daß man nicht minder den Lehrer, bei dem man lernt kein Geflügel auf Eier einer andern Gattung oder einmal gelernt hat, denn es grbt manzum Brüten fetzen darf, wie es geschrieben cherlei Dinge, worin der Lehrer wre Vater steht, darf man's auch nicht, weil es dem und Mutter anzusehen ist. Es rst erne große Tier später Schmerzen macht. Fremdartiges Mizwa, vor dem Gelehrten aufzustehen, auch ausgebrütet zu haben. (Einer Störchin, der wenn er noch jung ist. Ebenso vor ernem man die eignen Eier aus dem Nest genomalten Mann, der ein rechtschaffener Jude men und dafür Enteneier hineingelegt hatte, ist, und wäre er selbst ungebildet. Auch ernen fetzten nach dem Ausbrüten der „Mißalten Nichtjuden hat man so rn Ehren zu gebürten" alle Störche der Gegend so mit halten. Wer mit seinem Lehrer geht, lasse ihren Schnäbeln zu, daß sie. starb.) ihn rechts gehen und gehe selbst lrnks und Der Jude darf seine Hand nicht gegen nicht gleich dicht neben, sondern ern wenrg den andern erheben, nicht nur ihn nicht hinter ihm, und so halte man es auch mrt schlagen, sondern wenn er* nur die Hand einem Weisen, der nicht unser Lehrer rst. gegen ihn aufgehoben hat, heißt er bereits Wer Trauernde besucht, darf das Geein Bösewicht... Man darf niemand auch spräch nicht beginnen, ehe der Trauernde nur zum Scherz erschrecken. Man darf keine begann, und sobald der Trauernde mrt dem Glasstückchen oder Scherben hinwerfen, wo Kops ein Zeichen gibt, der Besuch solle gehen, Menschen gehen, noch winters Wasser auf darf man nicht länger bei ihm sitzen. Kein die Straße schütten, weil es frieren und Trauernder und kein Kranker braucht vor Menschen ausgleiten könnten. Man darf nieeinem Menschen, und wäre es der Rabbr, mand auch nur durch ein Wort zu Schaden aufzustehen. Der Anstand gebietet sonst, bringen. denjenigen, der aufstehen will, sitzen blerben Außer dem, daß der Verstand uns heißt, zu heißen, doch einem Trauernden und Vater und Mutter in Ehren zu halten, ist es einem Kranken darf man das nicht sagen, uns auch in der heiligen Thora geboten. denn es bedeutete dann ja: Bleib sitzen in Und Gott hat Vater und Mutter in der Ehre deiner Trauer oder Krankheit! und Ehrfurcht sich gleichgestellt.. . In Ehren Wohltaten erweisen soll man mit sreuhalten, heißt: ihnen große Ehre antun. Man digem Gesicht und gutem Herzen und mit muß sie bedienen, ihnen das Schönste und dem Armen nur gute, weiche Rede führen. Beste zu essen und zu trinken geben und das So, wie es nicht gut ist, ständig böse zu mit fröhlichem Gesicht, denn sobald man es sein, womit man sein eigen Leben nur vermit traurigem Gesichte tut, und wären es kürzt und sich jedermann zum Feind macht, die feinsten Speisen, heißt das schon nicht so ist es wiederum schlecht, zu gut zu sein, mehr ehrlich, in Ehren gehalten. Und Ehrweil einem dann jeder auf dem Kopf herumsurcht heißt: allen Respekt vor ihnen haben. tanzt und die eignen Kinder und Leute nicht Man darf nicht stehen noch sitzen aus Vaters folgen; das Beste ist, immer gelassen zu sein. Bibliographie idi/cher Werke 6. Fortsetzung Nochmals: IV. Bibel, talmudisches Schrifttum und Literaturgeschichte Brod versucht, auf den Grund des Liedes zu gehen. Sein Nachwort zu der Uebersetzung ist in ähnlicher Form in seinem Buche „Heiden- 22. Alfred Jeremias: Das Alte Testament im Lichte des alten Orients. 5. Auflage. Leipzig 1930 Die biblischen Motive und Erzählungen werden mit anderen altorientalischen Erzählungen verglichen. Für Einzelfragen ist reiches Material geboten. 23. Hugo Gressmann: Altorientalische Texte und Bilder zum Alten Testament. 2. Auflage. Bde, 1—2. Berlin 1926 f. Das Buch bietet sehr interessantes Anschauungsmaterial. 24. A. Bertholet: Kulturgeschichte Israels. Göttingen 1919 25. Carl Watzinger: Denkmäler Palästinas. I. Teil: Von den Anfängen bis zum Ende der israelitischen Königszeit. Leipzig, Hinrichs, 1933 26. Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 3: Das antike Judentum. Tübingen 1921 Dieser aus dem Nachlass des hervorragenden Soziologen herausgegebene Band rückt viele Tatsachen in neue Zusammenhänge, ohne dabei ■— rein soziologisch — andere Momente auszuschalten. 27. Martin Buber: Königtum Gottes (1. Band von: Das Kommende. Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte des Messianischen Glaubens). 2. Auflage in Vorbereitung. Berlin, Schocken 28 bis' 34.: s. unter II, 10 bis 16 35. Gustaf Hölscher: Die Propheten. Untersuchungen zur Religionsgeschichte Israels. Leipzig, Hinrichs, 1914 36. Joh. Gottfried Herder: Vom Geist der Ebräischen Poesie Eine — wenn-auch stellenweise etwas lange — sehr schöne Unterhaltung über die Psalmen mit vielen Uebersetzungen. 37. ds.: Lieder der Liebe 38. Max Brod: DasLied der Lieder. Neu übertragen aus dem Hebräischen. München, Hyperion-Verlag, 1923 G. Talmud und Midrasch Man kann den Talmud nicht lesen, wie man sonst ein Buch liest. Seine Welt und seine Probleme sind ohne Einleitung nicht verständlich. Darum nennen wir hier an erster Stelle ein Werk, das einzelne Abschnitte des Talmuds wörtlich und ausserdem erklärt wiedergibt und so dem Laien den Zugang erleichtert: 39. Jacob Fromer: Der babylonische Talmud (in Auswahl), übertragen und erläutert. Berlin, Brandus, 1924 40. Der babylonische Talmud mit Einschluss der vollständigen Mischnah. Vollständige Uebertragung in zwölf Bänden von Lazarus Goldschmidt. Berlin, Jüdischer Verlag, 1930 ff. 41. SalomonFunk: Talmudproben. Ber* lin und Leipzig, Göschen, 1921 42. ds.: Die Entstehung des Talmuds. Berlin und Leipzig, Göschen, 1919 43. Hermann L. Strack: Einleitung in Talmud und Midrasch. München, Beck, 1930 Ein wichtiges wissenschaftliches Werk. 44. Jacob Fromer: Der Talmud. Geschichte, Wesen und Zukunft. Berlin, Cassierer, 1920 45. S. Bernfeld: Der Talmud, sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte. Berlin, Calvary, 1900 46. Felix Goldmann: Der Talmud. Sein Werden, sein Wesen, sein Wert! Leipzig, Kaufmann, 1932 Ein zur Einführung sehr guter und gründlicher Ueberblick. 47. Alexander Guttmann: Enthüllte Talmudzitate. Eine Auswahl aus Gutachten von Prof. Dr. Michael Guttmann und aus anderen Werken. Berlin, Philo-Verlag, 1930 48. Midraschim der Klage und des Zuspruchs. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Max Dienemann (Schocken-Bücherei, Nr. 3£' ~erlin, Schocken, 1935 Heinrich Heine und seine Frau Mathilde Gemälde von Ermt Benedikt Kietz Am 17. Februar jährt sich zum 80. Mal Heinrich Heines Todestag. Wir beginnen in der nächsten Woche mit der Veröffentlichung einer feuilietoriisüsdien Darstellung .HeinrichHeinesiet z t e.N ä c li t e“ aus der Feder Ton Walther V iktor. Interview mit Ludwig Hardt Zu seinem 50. Geburtstag Von Kurt Pinthus Ludwig Hardt wohnt in einem abgelegenen Haus, inmitten eines großen Gartens, der sich zum Kleinen Wannsee hinabsenkt. Vom User blicken wir hinüber zum Grabe Heinrich v. Kleists, dessen gehämmerte Sätze, biegsam-stählerne Wortgefüge Hardt so oft vorträgt. Und während mir einfällt, daß Thomas Mann einen Aussatz über Hardt mit den Worten einer der berühmtesten Kleist-Anekdoten schließt: „So einen Kerl habe ich Zeit meines Lebens nicht gesehen", frage ich den kleinen Mann mit dem kahlen, hohen, weit nach hinten ausladenden, von zwei Haarbüscheln umflügelten Schädel, unter dessen vielfach guergefurchter Stirn die Nase scharf über die schmalen, nach innen gedrückten Lippen vorspringt: „So viel Großartiges ist seit fünfundzwanzig Jahren über Ihre Vortragskunst geschrieben worden, — haben sich die Vereine und die Veranstalter nicht um Sie gerissen; reißen sich nicht jetzt die jüdischen Organisationen um Sie?" „Leider ist dem nicht so. Die meisten meiner Vortragsabende habe ich von jeher selbst veranstaltet . . . seit mehr als 25 Jahren, viele tausend Abende . . . ich habe allein 500 Heine-Abende gegeben. Und ailch jetzt . . . eigentlich wundere ich mich, daß man mich nicht so oft hören will, wie ich es erwarten müßte, nach dem Beifall des Publikums und der Kritik, über die ich nie zir klagen hatte. Ich möchte, wie Lessing von Klopstock sagte, ,weniger erhoben sein', — und dafür häufiger engagiert. Diese Zurückhaltung setzt mich mm so mehr in Erstaunen, als ich von Anfang an immer jüdische Dichter in meinen Programmen darbot: Börne ttnd Heine, Altenberg, Lasker-Schüler, Beer-Hosmann, Kafka, Perez, Scholem Alechem, und vor allem die Bibel. Können Sie mir vielleicht diese Zurückhaltung erklären?" fragte der Befragte den Ausfrager. Vielleicht ist die Ursache: die Konzessionslosigkeit Ihrer Programme und Ihrer Vortragskunst. Sie werden immer wieder als der ,geistigste Sprechet gerühmt, und Ihre Freunde wissen, daß Sie jedes Stück, jede Zeile, jedes Wort Ihrer Programme so fanatisch durcharbeiten, wie Sie es dann fanatisch nutz allen Mitteln des Kopses und des Kehlkopfes^ vortragen. Ihre innere Bewegtheit und Erregtheit, die sich beim Vortrag in äußere Bewegtheit und Erregtheit wandelt, versetzt notwendigerweise die Hörer in innere Erregung und Bewegung. Und gerade das scheuen manche, die am Abend Besänftigung von der Aufgeregtheit des Tages suchen und von der Kunst das Idyll fordern, das ihnen die Wirklichkeit nicht geben kann. Die ansdeckende, schöpferische Art Ihres Vortrages, ..in dem Sie nichts nur Texte aufsagen, sondern Menschen, Tiere, Weltanschauungen erstehen lassen, beschäftigt die Hörer auch noch über den Vortrag hinaus. Viele aber wollen im Vortragssaal von »Beschäftigung* abgelenkt werden, die ihnen im Leben so.viel zu schaffen macht. Vielleicht auch, bitte nehmen Sie mir diese persönliche Bemerkung nicht übel, ärgern sich manche Leute über gewisse Absonderlichkeiten Ihres Wesens, etwa über Ihre Zwischenbemerkungen an das Publikum, über das Publikum .. ." „Aber die Hörer verlangen von mir Ungewöhnliches, — warum will man da nicht auch Ungewöhnliches von dem Rezitator in Kauf nehmen, der dies Ungewöhnliche zu leisten versucht. Bedenken Sie, welche Konzentration jedesmal wieder nötig ist, um eine Dichtung nicht nur bis zum Aeußersten auszuschöpsen, sondern das Erschlossene mit der Stimme, nur mit der Stimme und einigen Gesten überzeugend Gestalt werden zu lassen. Ich bemühe mich, bei der Durchführung meiner Programme jedesmal ein Maximum zn bieten, jedem verständlich zu sein, mit dem Wort und mit dem oft nicht