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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 297

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 297 (sequence 313)
Language
German
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IRI
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aus dem zwei grosse schwarze Augen befehlshaberiscli in die Welt schauten. Der Mann ging straff und aufrecht wie ein Offizier, uud man erkannte gleich, dass er, aus sehr gutem Hause, gewohnt war, zu kommandieren. Er hatte etwas sehr Vornehmes an sich, ein altgediegenes Wesen, wie man es bei den Juden unserer vom Hasse verbitterten Zeiten gar nicht mehr zu sehen bekommt. Der andere, offenbar der Diener, war nicht so prächtig gekleidet wie sein Herr, der eine violette Schubeze trug, ein Purpur-Stramel auf dem Haupte und eine Goldschnur um die Mitte seines Leibes. Als die beiden zu der Strasse kamen, die sich von der Stadtgrenze unübersehbar einwärts zieht, bemerkten sie gleich Reb Jissroel Isserlheimers Haus, und ihn selber sahen sie sich zum Fenster hinauslehnen, ein dickes Buch dreiviertel geöffnet im leichtgekrümmten linken Arm, und in seinen nach rechts verzogenen Mundwinkeln war die Pfeife eingeklemmt, die mächtig lang zum Fenster hinaushing. Der Mann unten auf der Strasse hielt kurze Zwiesprache mit seinem Diener, dann machte er ein leichtverständliches Zeichen zu Reb Jissroel hinauf, und Reb Jissroel verstand, dass dieser da ein Orach*) sei, und ging eilends hinab, nachdem er die Pfeife ins Buch gelegt hatte, um die aufgeschlagene Stelle nicht zu verlieren. Dann führte er den Fremden in sein bestes Zimmer hinauf, hiess ihn sich setzen und fragte ihn mit der Neugier, die alle Menschen haben und manchmal auch Talmudisten, um Namen, Stand, Herkunft und Reiseziel. Der Fremde Hess alle diese Fragen ruhig über sich ergehen, und dann — dann ereignete sich etwas, was sich bis dahin niemals in der Welt ereignet hat, und es erscholl eine Antwort, die noch keinem Juden auf seine Fragen zuteil geworden, und Reb Jissroel Isserlheimers Haus erlebte eine Ehre, wie noch kein jüdisches Haus bis auf jenen Tag. Denn der Fremde öffnete seinen Mund und sagte laut und deutlich: „Ich bin der Messias, Sohn Davids!" Reb Jissroel erschrak tödlich. Vor vielen Jahren war er von seinen Eltern nach Pressburg geschickt worden. Er war damals ein kleiner Junge, schüchtern und zag, und wie er an einem der ersten Tage seines Aufenthaltes unbekannt und verlassen durch die Strassen lief, sprach ihn ein alter Mann an und benahm sich so liebreich gegen ihn, dass der kleine Jissroel seine Scheu überwand und sich nach dem Namen seines Beschützers erkundigte. „Ich bin der Chasam Sofer"**), war damals die Antwort, und auch damals erschrak Jissroel gewaltig. Was aber war der Chasam Sofer gegen den Messias, Sohn Davids? Der Chasam Sofer selber wäre erschrocken in der *) Zugereister. **) Der Verfasser des gleichnamigen ^Werkes: B. Moses Sofer, Babbiner in Pressburg (gest. 1839). 297

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