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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 298

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 298 (sequence 314)
Language
German
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IRI
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Situation, in der sich Reb Jissroel jetzt befand. Und wie gross musste erst der Schrecken des Reb Jissroel Isserlheimer sein, der doch schon vor dem Chasam Sofer erschrocken war? Er erstarrte förmlich. Seine Pfeife glitt zwischen den zitternden Lippen zu Boden, und sein graues Haupt schien entwurzelt zu sein — so sehr wackelte es. Ja, das ganze Zimmer (wahrhaftig, ich lüge nicht und übertreibe nur wenig) begann die Aufregung des armen Reb Jissroel zu teilen, und alle seine Gegenstände bebten von ihrer Stelle auf, als wollten sie sich losreissen und dem Messias zu Füssen legen. Die Talmudbände selber (das ist nicht übertrieben, das war ganz deutlich zu sehen) neigten sich von ihrem Regale gegen den hohen Gast, und vor dem Hause erhob sich, obwohl es milde Jahreszeit war, ein gewaltiger Sturm, der die verklingenden Töne eines triumphierenden Liedes von einem unsichtbaren Orte in die Stube wehte. Inmitten dieses Aufruhrs der belebten und unbelebten Natur sass der Gast ruhig, unheimlich ruhig und gelassen, seine Hände stützten sich, wie man es bei den Statuen von Herrschern und Dichtern oft sieht, gewichtig auf die Armlehnen des Sessels, und sein königliches Auge blickte unverwandt und durchdringend auf das aufgeregt-zerwühlte Antlitz seines Wirtes. Endlich fasste sich Reb Jissroel Isserlheimer, er stand auf und küsste ehrerbietig und wortlos den Kleidsaum des Messias. Als er aber sein Haupt wieder erhob, da strahlte sein Gesicht vor unbändigem Stolze. Denn ihm kam der Gedanke, dass er, Reb Jissroel Isserlheimer, jetzt und an diesem Orte eigentlich der Vertreter von ganz Israel sei, durch Gottes Gnade vorherbestimmt, den Erlöser und Helfer Israels zu empfangen in seinem Hause, von dem aus der Messias seinen Triumphzug antreten werde. Und von diesem Stolze beseelt, der sein ganzes Gefühl ins tausendfache steigerte, stand Reb Jissroel vor dem Gaste und sagte: „Der Friede sei mit Dir, Messias! Ich danke Dir, dass Du bei mir abgestiegen bist. Mein Haus ist Dein eigen, so lange Du es dieser Ehre würdigen willst, und alle Dienste, die Du beanspruchst, und wären sie noch so schwer, sollen geleistet werden. 0 Messias, das Golus ist hart und bitter, und wir haben jahrhundertelang auf Dich gewartet. Gelobt sei der Herr, der Dich gesendet, gelobt Er und sein heiliger Name, dass Er mich Deinen Anblick hat erleben lassen!" Und plötzlich fiel es Reb Jissroel Isserlheimer ein, dass der feierliche Moment eine Brochoh*) erfordere, und er wusste nicht, welche! Am ehesten, meinte er, passe „Schehechejonu". Aber er traute sich nicht, in diesem Falle für sich selber possek din zu sein**). Der Messias aber stand auf, trat zum Fenster, sah zum Himmel empor, drehte *) Segensspruch. **) Die gesetzliche Entscheidung zu treffen. 298

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