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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 296

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 296 (sequence 312)
Language
German
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IRI
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stand Reb Jissroel gleich nach dem Nachtessen auf und setzte sich mit einer frischgestopften und angezündeten Pfeife zu seinen Büchern. Seine Frau, die in der Kammer nebenan ihr Bett hatte, war es schon so gewohnt, von dem Singsang ihres gelehrten Mannes in den Schlaf gelullt zu werden, dass sie sicher schlaflose Nächte verbracht hätte, wenn es Reb Jissroel eingefallen wäre, in der verruchten Weise der westeuropäischen Rabbiner zu lernen, ohne zu singen. Reb Jissroel ward aber von Jahr zu Jahr gelehrter, und Schass und Posskim*) (dazu noch hundert andere schwerfassliche Bücher) lagen wohlgeordnet in seinem wunderbaren Hirn. Sein Ruf war weit veroreitet, und viele ungarische und mährische Gemeinden, in denen die Farbe eines Weschet**) noch nicht zu einer gleichgültigen Sache geworden, wandten sich mit demütigen Anfragen an Reb Jissroel Isserlheimer, den sie die Leuchte des Exils, die Lampe der Welt oder ein ewiges Gebirge nannten. In der Stadt selber, in der diese Geschichte spielt, war Reb Jissroel Isserlheimer (natürlich in seinen Kreisen) eine anerkannte Grösse. Dass die Reformer weniger von ihm hielten, wird einstens im Gan Eden***) ihre ohnehin geringen Aussichten nicht gerade verbessern. Auf diese Weise lebte Reb Jissroel Isserlheimer viele Jahre, bis er alt und grau geworden war und seine Bekannten schon an den Tag dachten, an dem man Reb Jissroels Leiche nach Pressburg überführen würde. Auf diese AYeise haben schon viele Juden gelebt, so sind sie gestorben und so begraben worden. Reb Jissroel aber war einer von den wenigen Glücklichen, die einmal in ihrem Leben Gelegenheit bekommen, h auszuzeichnen und für alle Zeit berühmt zu werden. Und wie das gekommen ist, oll nun erzählt werden. Eines Abends näherten sich zwei Männer der Grenze der Stadt gerade von jener Seite, wo Reb Jissroel sein Haus hatte. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass Reb Jissroel weit draussen an der Grenze der Stadt wohnte, und zwar mit Rücksicht auf die Felle, die zu hunderten in seinen Magazinen aufgestapelt waren und deren Geruch unlieblich in die Nasen seiner Nachbarn stieg. Reb Jissroel Isserlheimer pflegte deshalb oft mit feiner Ironie zu seinem Weibe zu sagen: Siehst du, Chawe, wir leben doppelt im Gohrs! — Jene beiden Männer aber, die müde und staubbedeckt auf der Landstrasse hinschlichen, verrieten schon durch ihr Aeusseres, dass sie Fremde waren. Der ältere von beiden war ein hagerer Mann mit einem strengen Gesicht, * Der Talmud und die Decisoren. **) Weschet Speiseröhre (einer Gans etc.). von deren Beschaffenheit das Religionsgeselz die Genusstauglichkeit ahhängig macht. ***) Paradies. 296

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