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Das jüdische Echo · 1930-12-12 · 50 (12.12.1930) · p. Seite 712

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
50 (12.12.1930)
Date
1930-12-12
Page
Seite 712 (sequence 4)
Language
German
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712 Das Jüdische Echo Nr. 50 werden. Man hat ebenso unbedenklich dreitausend zurückgezogen als es sich darum handelte, den Arabern ein kleines Nervenberuhigungsmittelchen zu verabreichen. Und wir wissen, daß noch lange nichts damit getan ist, daß die britische Regierung nun, nachdem sie den Empörungsschrei der jüdischen Welt gehört und er sie ein wenig aus dem Konzept gebracht hat — die Jewish Agency zu einer Besprechung eingeladen hat, um mit ihr alle umstrittenen Punkte des neuen Weißbuches zu erörtern. Wir wollen all dies in seiner Bedeutung nicht überschätzen. Wir haben eine zu lange Erfahrung hinter uns, um noch vorzeitig triumphieren zu können. Aber wir dürfen diese Tatsachen auch nicht unterschätzen. Sie bestätigen nur das, was wir immer und immer wieder den weiten Massen unseres Volkes in schweren Stunden sagen: daß wir niemals den Glauben an uns und die sittliche Kraft, die unserem Kampf um Recht und Friede immer wieder neue Schwingen verleiht, verlieren dürfen. Daß in unseren Reihen kein Platz sein kann für Mutlosigkeit und Defaitismus. Wir Juden haben in unserer Geschichte alle brutalen Angriffe auf unser physisches Sein mit erneuten geistigen Leistungen und erhöhter Opferbereitschaft beantwortet. Wir haben vielleicht zu schwache Zähne zum Beißen mitbekommen, dafür aber haben wir Flügel. Und mit denen vermögen wir uns immer wieder emporzuschwingen in Höhen, wohin brutale Gewalt uns niemals zu folgen vermag. Und darum wissen wir: Möge die Börse bleiben. Mögen sie dort weiße oder blauweiße oder rote oder wie immer gefärbte Papiere zu den höchsten Konjunkturkursen verschachern. Mögen sie dort der Meinung sein, daß Völker Aktenbündel sind, mit welchen man sich nach Bedarf eindeckt und die man bei Nichtbedarf zu Spekulationskursen wieder abstößt. Was hat das mit unserem jüdischen Werden zu tun? Wir nehmen den Pflug und ziehen neue Furchen in palästinensische Erde. Und senken neue Lebenssaaten hinein und bauen unser neues Leben abseits von Konjunktur und Spekulation. Und gerade in diesen Wochen, da die Völkerbörse daran geht einen Stabilisierungskurs ihres weißen Spekulationspapieres vorzubereiten, wird die ganze Judenheit damit antworten — daß sie neuen Boden in Erez Israel für das jüdische Volk erlöst. Kein Jude wird sich dieser im gegenwärtigen Zeitpunkte doppelt heiligen Pflicht entziehen. Jeder einzelne wird und muß nach seinen Kräften an diesem Erlösungswerke teilnehmen. Das wird im Verein mit einer Stärkung und dem Ausbau der Zionistischen Organisation, die jetzt vor dem Kongreß durch eine Beteiligung an der Schekelaktion erfolgen muß, die wirkungsvollste und überzeugendste Kundgebung für die Unerschütterlichkeit mtseres jüdischen Willens und den Glauben an unsere eigene Schöpferkraft sein, denn dieser Kongreß muß überzeugend beweisen, daß die Mehrheit des jüdischen Volkes hinter dem Baseler Programm steht und seine Verwirklichung erstrebt, heute zäher und stärker als je. Staat und Judentum Gelegentlich eines von der Zionistischen Ortsgruppe München gemeinsam mit der jüdischen Frauenarbeitsgemeinschaft und dem Jüngzionistischen Arbeitskreis veranstalteten Ausspracheabends behandelte Herr Dr. Siegbert Feuchtwanger in nahezu zweistündigen hochinteressanten Ausführungen das heute mehr als je aktuelle Thema ,Staat und Judentum“. Allerdings behandelte er es nicht nur vom Gesichtspunkt der politischen Aktualität, sondern gab eine eingehende, vom Willen zu wissenschaftlicher Objektivität getragene historische Grundlegung, die zeigte, daß das Problem selbst nicht nur eines unserer Tage ist, sondern im ganzen Verlauf der jüdischen Geschichte immer wieder aufgetreten ist und immer neue Lösungsversuche hervorgerufen hat. Die eine Seite dieses Problems, nämlich die Problematik der Beziehung des Judentums zu seinem eigenen Staate, dem Untergegangenen der Vergangenheit und dem Möglichen der Zukunft, bezog Herr Dr. Feuchtwanger in den Kreis seiner Betrachtungen nur mit einigen Bemerkungen ein — seiner Auffassung nach ist die Geschichte des jüdischen Staates in Palästina nur eine Episode im Dasein des Judentums und selbst sie zeigt klar, die „ewige Spannung“ zwischen Staat und Judentum. Die besten Geister des Judentums, die Propheten, hätten gegen den jüdischen Staat angekämpft, woraus man freilich auch nicht, wie die liberale jüdische Ideologie in falscher und leichtfertiger Auslegung der Tatsachen den Schluß ziehen dürfe, sie hätten eine Auflösung der Juden unter den Völkern erstrebt und in dieser gar die Mission des Judentums gesehen. Auch sie wollten immer die Erhaltung des jüdischen Volkstums. Das Problem der Stellung der Juden in und zu nichtjüdischen Staaten wurde in seinem vollen Umfange bereits nach der Zerstörung des zweiten Tempels sichtbar. Herr Dr. Feuchtwanger zeigte, wie das jüdische Volk durch eine unerhörte und einzig dastehende Leistung sich auch nach dem Untergang seines Volkes erhalten hat, in dem es sich die Thora, als ein „portatives Vaterland“ schuf. Die Frage sei nun gewesen wie sich dieses jüdische Gesetz, die Thora, zum Staatgesetz verhalte, wie der Wille zum Judesein mit der Loyalität gegenüber dem Staat vereinbart werden könne. Eine im allgemeinen und in der Praxis zureichende Lösung habe sich in dem talmudischen Satz gefunden „Staatsgesetze sind auch Religionsgesetze,“ der jedoch je nach den Zeitumständen und elastisch ausgelegt wurde und als ein „Notstandsrecht“ bezweckte, möglichst das ganze jüdische Gesetz zu erhalten, außerdem auch unbedingte Grenzen von dessen Gültigkeit feststellte: Götzendienst, Mord- und Blutschande blieben unter allen Umständen verboten und kein Jude durfte sich Anweisungen des Staates fügen, die derartiges von ihm verlangt hätten. Eine spätere Zeit habe allerdings den Satz in einer Weise zurechtgebogen, die von seinem ursprünglichen Sinne nicht mehr viel übrig ließ, so etwa wenn das große Synhedrion auf Wunsch Napoleons I. erklärte, daß alle Bestimmungen der jüdischen Gesetze, die die Beziehungen zu den Mitmenschen regeln, abänderlich seien, oder wenn die deutschjüdische Reform, (Geiger, Holdheim) noch viel weiter ging und es dem Staate überlassen sehen wollte, die Grenzen der Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzes zu ziehen und damit einer Auflösung des Judentums die Wege ebnete. Auch die moderne Zeit hat, so meint Dr. Feuchtwanger, für das alte Problem keineswegs eine endgültige Lösung gefunden. Noch immer bezweifelt man von nichtjüdischer Seite die Loyalität der Juden und verlangt von ihnen hundertprozentige totale Angleichung. Das ist aber unmöglich so länge die Juden sich als Juden erhalten wollen und man muß deshalb damit rechnen, daß dieser

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