Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- Seite 713 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 713 Zweifel an der Loyalität des Juden auf die Dauer bestehen bleibt. Aber auch die Stellung der Juden gegenüber den nichtjüdischen Forderungen ist nicht einheitlich und eindeutig, auch sie vermag nicht logisch das bestehende Problem zu lösen. Den liberaljüdischen Theorien, die das Judentum bloß als Glaubensgemeinschaft anerkennen wollen und jeden jüdischen nationalen Zusammenhang leugnen, wird die Zufriedenstellung der Nichtjuden in der gewünschten Weise auch nicht gelingen, solange die Juden als Juden leben. Denn zumal in der Zeit der Zurückdrängung der Religion ist eben die jüdische Zusammengehörigkeit national bestimmt. Ihre Lösung wird vielleicht dem Staat, keinesfalls aber dem Judentum gerecht. Die Nationaljuden hinwiederum sehen zwar auch, soweit sie nicht wie etwa Klatzkin auf Grund logischer auf die Spitze getriebenen Überlegungen behaupten, daß das Problem in jeder Beziehung unlösbar sei, ja daß es für das Judentum gefährlich sei eine Lösung auch nur anzustreben, daß eine zureichende logische Lösung kaum zu finden sein wird. Sie haben jedoch wie Buber und Landauer durch die Erkenntnis der wahren Tatbestände in ihrem Leben psychologisch eine Lösung zu finden verstanden, die sowohl dem Judentum wie dem Staate gerecht wird. Der gedankenreiche Vortrag Dr. Feuchtwangers, dessen Inhalt naturgemäß hier nur skizziert werden konnte, fand bei der zahlreichen Zuhörerschaft vielen Beifall, die Debatte förderte allerdings auch entgegengesetzte Meinung zutage. So wurde im besonderen darauf hingewiesen, daß es gefährlich sei, sich mit der von Buber und Landauer vorgelegten praktischen Lösung zu begnügen, die ja praktisch auch nur den Juden genüge, keineswegs aber von den Nichtjuden anerkannt werde. — Das Problem Staat und Judentum müsse auch logisch und ideell, nicht nur faktisch lösbar sein, und zwar sogar dann, wenn eine so radikal jüdische Einstellung wie die Klatzkins vorliege; der Schlüssel dazu liege in einer modernen soziologischen Staatsauffassung, die ihrem Wesen nach von den einzelnen Staatsbürgern keine hundertprozentige Hingabe verlange und die Beziehungen zwischen Bürger und Staat auf eine gänzlich andere Basis stelle als die das 19. Jahrhundert beherrschende Hegelsche Staatsideologie; in einer Auffassung, die heute in der Wissenschaft sich bereits durchgesetzt habe und die, wenn es überhaupt eine Entwicklung gäbe, sicher auch einmal in der Wirklichkeit allgemeine Anerkennung finden müsse. I. E. Palästina-Debatte im englischen Oberhaus Passfield rückt weiter vom Inhalt des Weißbuches ab — Lord Reading antwortet den Zionistengegnern Islington und Danesfort London, 4. Dezember. (JTA.) Nachdem vor etwa drei Wochen das Palästinaproblem in einer speziellen Sitzung des Unterhauses eingehend behandelt wurde, wobei die prominenten Führer aller Parteien das Wort ergriffen haben, befaßte sich nun auch das Oberhaus am Donnerstag, dem 4. Dezember, in einer eingehenden Aussprache mit der Palästinafrage. Im Mittelpunkt dieser Debatte stand eine Rede des Kolonienministers Lord Passfield, der im Oberhaus im Namen der Regierung sprach. Deutlicher als bisher rückte Passfield von dem Inhalt des vielbekämpften Weißbuches vom September d. J. ab. Passfield erklärte, die Regierung beabsichtige nicht, den Ankauf von Boden in Palästina als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes, sowie die ausschließliche Verwendung jüdischer Arbeiter auf solchem Boden zu verbieten. Überhaupt brachte Lord Passfield in dieser Rede den jüdischen Postulaten größeres Verständnis als bisher entgegen, und wies zur Rechtfertigung solcher Postulate darauf hin, daß ja auch andere Gemeinschaften in Palästina berechtigt seien, Land zu erwerben, und daß auch in anderen Ländern bestimmte Arbeiterkategorien gegenüber anderen bevorzugt werden, ohne daß die Regierungen dieser Länder gegen solche Verhältnisse Stellung nehmen. Lord Islington, der bekannte Araberfreund und Antizionist, hatte vorher an die Regierung die Anfrage gerichtet, was sie angesichts der durch die Expropriation der Araber in Palästina geschaffenen schwierigen Situation zu tun gedenke. Lord Danesfort schloß sich den Ausführungen Lord Islingtons an und fügte hinzu, daß auch die PJCA (Palestine Jewish Colonisation Association) eine ähnliche Einschränkung der Verwendung arabischer Arbeit wie die Jewish Agency verfügt habe. Durch solche Maßnahmen werde die Lage der arabischen Arbeiterschaft schwer bedroht und die Gefahr des Ausbruches von Unruhen heraufbeschworen. Den Ausführungen Lord Islingtons trat Lord Reading entgegen, der erklärte, die Juden seien auf der Grundlage der Balfour-Deklaration nach Palästina gekommen. Die Mittel zu den Bodenkäufen seien durch freiwillige Spenden aufgebracht worden. Eine Enteignung der Araber habe nicht stattgefunden. Lord Reading wies auf den lächerlichen Zustand hin, daß Araber, die ihren Boden aus freien Stücken verkauft haben, einen Anspruch auf Zuweisung neuen Bodens an Stelle des verkauften besitzen. Er schloß seine Rede mit einem Appell zur Sicherung des so notwendigen Friedens zwischen den beiden Nationalitäten in Palästina, die eine einzige Gemeinschaft bilden sollen. Das Ergebnis der Nachwahl in Whitechapel Der Arbeiterkandidat mit einer Mehrheit von 1100 Stimmen gewählt London, 4. Dezember. (JTA.) Bei der Nachwahl in Whitechapel blieb der Kandidat der Labour-Party James Hall mit einer Mehrheit von 1100 Stimmen gegenüber dem liberalen Gegenkandidaten, dem Zionisten Jänner, siegreich. Hall erhielt 8544, Jänner 7446 Stimmen. Dem Ausgang der Wahl in Whitechapel, dem zur Hälfte von Juden bewohnten Londoner Bezirk, sah man in Großbritannien und auch im Ausland mit großer Spannung entgegen, da man von diesem Wahlausgang eine Reaktion der Wählerschaft auf die Palästinapolitik der Arbeiterregierung erwartete. Die Führer aller Parteien griffen in die Wahlbewegung ein. Doch war die feste Position der Arbeiterpartei in diesem Bezirk trotz der Verdrossenheit der Wählerschaft wegen des Palästinaweißbuches Lord Passfields nicht ganz zu erschüttern. Kauft und verbreitet den Schekel!