Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- Seite 711 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 50 12. Dezember 17. Jahrgang Völkerbörse . . . Von Dr. Oskar Neumann In London gehen die Verhandlungen zwischen dem Ausschuß der britischen Regierung und den Vertretern der Jewish Agency weiter. Soweit man darüber Nachrichten erlangt, besagen diese, daß diese Verhandlungen mit größtem Ernst geführt werden und daß über das Ergebnis nichts Bestimmtes vorausgesagt werden kann. Der Ausgang der Wahlen in Whitechapel und die verschiedenen Erklärungen im Wahlkampfe bedeuteten zweifellos eine sehr gute Gelegenheit, die englische Öffentlichkeit auch über die Probleme des Zionismus zu informieren. Das ist für die Sache des Palästinaaufbaus ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Das Problem der Palästinapolitik im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt natürlich die jüdische Öffentlichkeit im unverminderten Maße. Der nachstehende Aufsatz von Dr. Oskar Neumann in Bratislava behandelt diese Frage etwas bissig, wird aber doch den Problemen voll und ganz gerecht und daher unseren Lesern willkommen sein. (D. Red.) Nach der starken „Baisse“, welche das britische Spekulationspapiei „Balfour-Deklaration“ auf der Londoner Völkerbörse nach vielen lebhaften Kursschwankungen in den letzten Wochen zu erleiden hatte, scheint es, als ob die Kurse wieder ein wenig anziehen und die Stimmung sich wieder etwas freundlicher gestalten wolle. Die Kontermine sah sich genötigt Deckungen an Popularität vorzunehmen — und da von dieser Ware nur sehr enig greifbare Vorräte vorhanden waren, — erfuhr die Notierung eine Kursbesserung. Es scheint also, als ob der Kurs dieses Papieres wieder im Steigen begriffen wäre. Aber das Ohr, zu sehr gewohnt von diesem Börsenraume her das „Ich gebe — ich nehme“ in so rascher Auflanderfolge zu hören, setzt allen derartigen Gerüchten eine gewisse hartnäckig^ Skepsis entgegen — die durch Erfahrung bedingt erscheint. Denn: „Ich gebe 3000 (Zertifikate) — ich nehme 2000 (Zertifikate). Ich gebe (ein neues Weißbuch) — ich nehme (die Balfour-Deklaration), ich gebe Jewish population of Palestine“) — ich nehme („the jewish people“), ich gebe 1500 (neue Zertifikate) — ich nehme...“ Was wird es jetzt wieder nehmen? Die Stimmen der jüdischen Wähler von Whitechapel? Oder die Gelegenheit der Jewish Agency zu versichern, daß ja gar nicht die Absicht besteht, auch nur um ein Jota den Wortlaut des Papieres zu ändern — damit der plötzlich so ungemein schwankend gewordene Vertrauenskurs in der gesamten jüdischen Welt wieder stabilisiert werde? Nun wohl — bisher war das Börsenspiel dieser Völkerbörse ein solches, daß sie sagte: Ich gebe — ich nehme. Aber während es sonst auf den Weltbörsen üblich ist, daß zwei Partner da sind, von welchen der eine gibt — und der andere nimmt — so nahm hier derselbe Partner mit der Linken, was er mit der Rechten gegeben hatte — also ein Geschäft in sich. Und der wirkliche Partner, der dazu da war, nicht nur zu sagen ich nehme, sondern auch wirklich zu nehmen — der schien diesen Herren Weltbörsianern so winzig, daß man über ihn glatt hinübersehen konnte — denn was bedeuten 16 Millionen, wenn für den gleichen Kaufpreis der zumindest eingebildete Wert eines Aktienpaketes von 400 Millionen zu haben ist? Und nun geschah etwas ganz Unerhörtes, im festgefügten Räderbetriebe dieser Völkerbörse noch nicht Dagewesenes: Als der staatlich besoldete Obermakler für Kolonialpapiere in die Schranke trat und verkündete: Ich gebe (ein neues Weißbuch) und als seine Linke schon die Hand darnach ausstreckte, dieses neue Wertpapier zum höchsten Tageskurs zu übernehmen — da schrie der Zweig vonPartner: „Ich nehme nicht!“ Ganz einfach „Ich nehme nicht!“ Und da geschah das Unerhörte, daß während seine eigene Linke noch immer nach dem neuen Wertpapier langte, die eigene Rechte, die es hielt, sich allmählich zurückzog — es begann eine Verwirrung in Schranken und Kulisse und der so fest gefügte Börsenbetrieb geriet ein bischen durcheinander. Und dann, als der Lärm immer lauter wurde, erschien ein anderer Sensal und verkündete zur Beruhigung: Ich gebe 1500 (neue Zertifikate), und als auch dies nicht wesentlich zur Beruhigung von Schranke und Kulisse beitrug, erschien wieder der erste Makler und erklärte, daß das Weißpapier ja gar kein Weißpapier, sondern vielmehr ein Blauweißpapier;ei usw. Ein ergötzliches Spiel!? Sicherlich nicht für den, der dabei vor allem der Betroffene ist. Aber, wie in jedem Spiele, liegt auch in diesem ein tieferer Sinn. Und die Moral, die aus diesem Börsenspiel von Großbritannien abstrahiert werden kann, ist die: Unterschätze deine Partner nicht! Gewiß, wenn man die Augen auf 400 Mill. Inder richtet, dann mag es sein, daß 16 Millionen Juden wie etwas erscheinen, das man ruhig vernachlässigen kann. Aber daß diese 16 Millionen heute in der Welt eine Macht darstellen, die viel stärker als alle physische Macht ist — weil sie eben auf Recht und nicht auf brutalem Machtwillen basiert, und daher sittlich fundiert jst — das haben die letzten Ereignisse sicherlich bewiesen. Der Schrei der Empörung, der wie aus einem Munde von 16 Millionen Lippen kam, ist über alles Räderrasseln und Motorengesurre hinweg in das sachlich-kühle Getriebe dieser großen Völkerbörse eingedrungen und hat dort ein wenig Verwirrung angerichtet. Wir wollen deswegen noch lange nicht triumphieren — denn wir wissen, daß es ein noch langer und schwerer Weg sein wird, unser heiligstes Recht zu erkämpfen, eben weil es unser Schicksal ist, überall in der Welt Minorität zu sein. Wir wissen, daß noch lange nichts damit getan ist, wenn uns, vielleicht als momentanes Nervenberuhigungsmittel, 1500 neue Zertifikate angeboten