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Das jüdische Echo · 1916-04-14 · 15 (14.4.1916) · p. Seite 134

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 134 (sequence 6)
Language
German
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134 Das Jüdische Echo Nr. 15 diese die völlige politische und bürgerliche Gleichberechtigung. Um der Judenheit gegenüber eine Dankesschuld'- abzutragen und sich zugleich selbst einen wertvollen Bundesgenossen bei der wirtschaftlichen Erschließung des Orients zu schaffen, sollte die deutsche Regierung an der Hinleitung des Stromes östlicher Auswanderer, der beim Friedensschluß einen Abfluß suchen wird, nach den Ländern der asiatischen Türkei rpitararbeiten. Theilhabers Schrift enthält — neben schon bekannten Gedanken —, wichtige neue Daten und Zahlen und wird sicherlich dazu beitragen, falsche Anschauungen zu berichtigen. H. Priester. Was sind Ostjuden? von Dr. Nathan Birnbaum; R. Löwit Verlag, Wien. In Wien hat sich ein Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen gebildet, an dessen Spitze Nathan Birnbaum, Rabbiner Dr. Max Grunwald und Adolf Stand stehen. Das Komitee wird Flugschriften zur Information über die Judenfrage herausgeben. In der ersten Flugschrift — der Birnbaum’schen — werden die sozialen, die Bildungs- und Religionsverhältnisse, der moralische Stand, die Sprache, Literatur und Kunst der Ostjuden in großen Zügen dargestellt, und gezeigt, daß sie in ihren Lebensformen so deutliche Merkmale einer kulturellen Eigenart aufweisen, daß man sie als eine von der Westjudenheit unterschiedene Kulturgemeinschaft anzusehen hat. E. A. N. Feuilleton Verrückte Leute. Von J. L. P e r e z. Deutsch von Alexander E 1 i a s b e r g. Daß jede Gemeinde ihren Verrückten haben muß und daß wenn ein solcher gerade fehlt, der erste beste gesunde Mensch verrückt wird, ist allbekannt. Daß aber auch eine solche Gemeinde wie die unsrige, eine Gemeinde, die weder einen Rabbiner noch ein Bethaus hat, in der man nur mit Mühe eine Thorarolle für einen Privatgottesdienst auftreiben kann; eine Gemeinde, die eigentlich nur ein Ausläufer einer anderen Gemeinde ist, die uns die Steuern und überhaupt alles Gute wegnimmt; mit einem Wort — eine Gemeinde, die nur aus einer halben Gasse am sandigen Ufer besteht, ■— daß auch eine solche Gemeinde ihren eigenen Verrückten haben muß, erscheint mir sehr wunderlich. Eine wunderliche Sache lohnt sich aber zu erzählen. Die Geschichte von unserm Schächter, der einmal zwischen Nachmittags- und Abendgebet in die Schule kam, mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und mit lauter Stimme erklärte, daß er uns bisher lauter nicht-koscheres Fleisch geliefert hätte, habe ich euch, wenn ich nicht irre, bereits erzählt. Ihr könnt euch wohl noch daran erinnern: er schlug mit der Hand auf den Tisch, gab seine Erklärung ab und wurde verrückt. Von nun an ging er Tag und Nacht schweigend und mit finsterem Gesicht in unserer einzigen Gasse auf und ab; nur seine Lippen zitterten beständig, und mit der rechten Hand nestelte er immer an der linken Brustseite, als ob er sich aus dem Herzen seine Sünde oder seine Verrücktheit herausreißen wollte. Und plötzlich — das habe ich euch aber sicher noch nicht erzählt — war der Mann verschwunden. Nun, der Schächter war von seinem Weibe geschieden, Kinder hatte er nicht, also vergaß man ihn sehr bald. Man fühlte wohl, daß auf der Gasse etwas fehlte, — aber uns fehlte noch manches andere. Den meisten von uns fehlte sogar das Notwendigste zum Leben. Einige Zeit später las jemand in der Zeitung, daß man im Meere bei Danzig einen Ertrunkenen herausgefischt hatte, der nach der Kleidung zu urteilen, ein polnischer Jude* sein müsse. Man dachte sich bei uns gleich, daß es wohl unser Schächter sei: er pflegte ja nachts immer auf dem Weichselufer auf1 und ab zu gehen, also hat ihn die Weichsel verschlungen. Man überlegte sich noch: wie kommt die Weichsel aus der Warschauer Gegend nach Darizig? Das ist aber ganz klar: alle Ströme fließen ins Meer, — hat doch König Salomo gesagt. Und dann vergaß man die Sache wieder. Einmal erinnerte man sich, daß die Kiste, in der der Schächter seine Habseligkeiten zu verwahren pflegte, noch immer beim Bäcker stand, bei dem er sich in der letzten Zeit vor seinem Verschwinden aufgehalten hatte. Geschlafen hatte er beim Bäcker niemals, denn er ging, wie gesagt, ganze Nächte hindurch am Weichselufer auf und ab; vielleicht schlief er im Gehen. Die Leute wollten plötzlich wissen, was in der Kiste sei. Vielleicht findet man darin neue Auslegungen der Thora, denn der Schächter war in seiner Jugend ein gelehrter Mann gewesen und hatte auch ab und zu etwas geschrieben. Man geht also zum Bäcker; die Kiste steht noch da. Man bricht die Kiste auf und findet nur einige ausgetrocknete Brotrinden und eine zerrissene Leinenweste. Man nimmt die Kiste, die der ganzen Mühe gar nicht wert ist, zerhackt sie mit einem Beil und wirft die Bretter in den Ofen, um sie zu verbrennen. Und hier fängt eben die neue Geschichte an! Die Kiste war noch nicht ganz verbrannt, als plötzlich jemand ans Fenster klopfte und die letzte Neuigkeit verkündete: Salman der Bochur ist verrückt geworden! Ihr wißt nicht, wer Salman der Bochur ist? Sein Vater, ein höchst ehrbarer Jude, war Fischer gewesen und ist einmal beim Fischen ertrunken. Seine Mutter wurde vor Kummer krank, und die Leute brachten sie aus Mitleid nach Warschau ins Spital. Im Spital erklärte der Arzt, daß sie irgendeine Geschwulst in den Gedärmen habe. Man operierte sie, fand aber die Geschwulst nicht; dafür starb die Frau — nicht auf euch gedacht! unter dem Messer. Es war wohl so im Himmel beschlossen. Salman wuchs ohne Eltern auf und blieb unverheiratet: wer hätte ihn auch verheiraten können? Darum nannte man ihn auch Salman den Bochur: war er doch schon einige und zwanzig Jahre alt und noch immer unverheiratet! Von Beruf war er Schuster. Noch als kleiner Junge kam er einmal ganz von selbst zu einem Schuster — es war sogar ein Damenschuster ■— in die Werkstatt, nahm sich einen Schemel und setzt sich an die Arbeit. Nehm einer den Stock und jag den Jungen aus der Werkstatt hinaus! Ich weiß nicht einmal, ob er zu beten verstand. Er sah auch aus wie ein roher Kerl: hoch gewachsen, breitschultrig, mit zwei großen Augen im Gesicht. Dabei hatte er eine ganz ungewöhnliche Kraft in den Händen: einmal hatten drei Bauern Streit mit seinem Meister und wollten ihn schlagen; da machte der Bursche mit einem der Bauern die Türe auf, nahm die beiden andern wie zwei Päckchen unter die Arme und trug sie einfach hinaus. Und so ein Kerl war nach dem Gesetz militärfrei. Als sein Meister gestorben war, setzte er sich auf dessen Arbeitsplatz und ernährte die Witwe und die Waisen. Alle meinten, er würde die Witwe heiraten.

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