Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 133 vermögen. Dort kann eine hochentwickelte Kultur, eine nationale Atmosphäre geschaffen, ein Einfluß auf die gesamte Judenheit ausgeiibt werden. Dort können wir zeigen, daß wir auch für uns etwas leisten können .... Als ich die Kolonien Palästinas besuchte, sah ich junge Juden, die tüchtig reiten konnten, frohe Gesichter gesunder und frischer Knaben und Mädchen, die nicht ihre Jugend in Geschäftsbetrieben zu vergeuden brauchen. Beim Anblick dieses glücklichen Landlebens gelangte ich zur Überzeugung, daß Palästina — auch wenn es nicht vielen Millionen Raum bietet — doch ein jüdisches Kulturzentrum werden kann, in dem Juden ihre nationale Überlieferung weiter ausbilden können.“ Die Sprache der jüdischen Volksschulen in Polen bildete den Kernpunkt der Debatten auf einer im März abgehaltenen Versammlung des Petersburger Komitees zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands. Fast sämtliche Teilnehmer waren der Ansicht, daß Jidisch die eigentliche Unterrichtssprache in den Schulen -für Fiichtlingskinder sein müsse, dagegen erwuchsen der Anschauung, daß die hebräische Sprache weitgehend berücksichtigt werden müsse, scharfe Gegner. Nach lebhaften Debatten zwischen Jidischisten und Hebraisten wurden folgende Beschlüsse angenommen: 1. In den Fiichtlingsschulen werden alle Lehrfächer — ausgenommen die russische Sprache, Volks- und Landeskunde — in jidischer Sprache vorgetragen; 2. die hebräische Sprache und die Bibel werden entweder hebräisch oder jidisch vorgetragen; 3. jüdische Geschichte wird in der jidischen, unter geeigneten Verhältnissen in der hebräischen Sprache vorgetragen; 4. dem Religiösen wird ein angemessener Platz in der Schule eingeräumt; 5. die jidische Sprache bildet ein besonderes Lehrfach; 6. beim Studium der hebräischen Sprache und der Bibel strebt die Schule dahin, daß die Schüler nach Verlassen der Schule ein hebräisches Buch zu lesen und verstehen vermögen. Eine chassidische Vereinigung, In Warschau wurde eine neue Gesellschaft „Binjan haneherasoth“ (Der Wiederaufbau) gegründet, an der auch die chassidischen Rabbiner aus Ger, Grodzisk, Bradzyn, Nowidwor und andern Orten teilnahmen. Das Ziel der Gesellschaft, die nur solche Mitglieder aufnimmt, die „Thora und Talmud anerkennen und religiös sind“, ist der Wiederaufbau zerstörter Bet- und Lehrhäuser, Wohltätigkeitsanstalten, Rabbinerwohnungen usw., sowie (die Unterstützung notleidendfer .Gemoindebeamten. Eine ähnliche schon bestehende Vereinigung heißt „Verein der Orthodoxen“. Jacob H. Schiff über die russische Anleihe. Zu den im Gange befindlichen Verhandlungen über eine russische Anleihe, die in Amerika erhoben werden soll, äußerte sich Jacob Schiff folgendermaßen: „Wenn die Meldungen von einem bevorstehenden Darlehen an Rußland richtig sind, so handelt es sich bei dieser Kreditgewährung um einen der verräterischsten Abschnitte in der- Finanzgeschichte unseres Landes. Es ist noch nicht bekannt, unter wessen Schutz das Abkommen getroffen werden soll, aber wer auch immer dafür verantwortlich ist, und wer sich auch daran beteiligt, er hat keinen Grund stolz darauf zu sein, daß er die russische Regierung unterstützt. Wenn Roheit und Unmenschlichkeit je triumphiert haben, so muß man zweifellos der russischen Regierung vorwerfen, daß es bei ihr geschah. Sie ist Meisterin in der Tyrannei. Wenn eine solche Regierung von amerikanischen Banken unterstützt wird, so haben die Amerikaner Grund zu Scham und Ärger. Ich bin überzeugt, daß die Zeit kommen wird, da die für eine solche Anleihe Verantwortlichen Reue fühlen werden“. Wir wiesen schon an anderer Stelle darauf hin, daß Herr Schiff warmes Empfinden auch für die Juden außerhalb Amerikas hat, daß er aber sonderbarerweise auf dem Standpunkt steht, sich nur als amerikanischer Bürger, nicht aber als amerikanischer Jude an irgendwelchen Aktionen zu ihren Gunsten beteiligen zu dürfen. Die Debatte Philippson-Warburg in der französischen Presse. Die Diskussion über die Möglichkeiten einer jüdischen Massenansiedelung in Syrien und Mesopotamien, die im „Berl. Tageblatt“ veröffentlicht war, ist von den französischen Blättern gründlich mißverstanden worden. Aus dem Widerspruch Philippsons gegen eine Ansiedlung größerer jüdischer Massen schließen sie, daß die deutsche Regierung die Absicht habe, mehrere Millionen Juden zwangsweise in die Türkei abzuschieben. Sie stellen dieses den östlichen Juden bevorstehende Schicksal als die gerechte Strafe für deren Deutschfreundlichkeit hin. „Libre Parole“ meint freilich, Deutschland werde die Juden hindern, von den Ostgrenzen fortzuziehen, um sie als geeignete Werkzeuge seiner Germanisationsbestrebungen zu benutzen. Die Juden im französischen Heere. Das Jüdische Zentralkonsistorium Frankreichs gibt an, daß bis zum 1. Februar d. J. im französischen Heere 1276 jüdische Soldaten gefallen sind, 120 erhielten die Militärmedaille, 120 das Kreuz der Ehrenlegion. Die etwa 4—5000 ausländischen (russischen und rumänischen) Juden, die in der Fremdenlegion kämpfen, sind nicht mitgerechnet. Im italienischen Heere kämpfen etwa 1200 jüdische Offiziere und Soldaten. Literarisches Echo Felix A. Theilhaber. Die Juden im Weltkriege. Welt-Verlag, Berlin. Seiner Schrift legt Theilhaber das Wort zugrunde: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient“. Dann geht er daran, aufzuzeigen, welches der Wertgrad der Juden Deutschlands ist, und ob es tatsächlich diejenigen Juden hat, die es verdient. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: er gelangt zum Schluß, daß die deutschen Juden mindestens so gut, wahrscheinlich beträchtlich besser sind, als Deutschland infolge seiner Haltung ihnen gegenüber es verdient. Theilhaber schildert die Stellung der Juden vor dem Kriege und zeigt — z. T. an Beispielen —, daß sie durch ihre Leistungen in Deutschlands Handel und Industrie, durch ihre Mitwirkung am deutschen Geistesleben geholfen haben, Deutschland groß zu machen. Trotzdem ist der Jude in Deutschland allenthalben auf Antagonismus und Ungerechtigkeit gestoßen und Deutschland hat das „Verdienst“, den wissenschaftlich begründeten Antisemitismus erzeugt zu haben. Das weitere Kapitel, das von den Juden im Kriege handelt, enthält interessante Zahlen, aus denen die starke Beteiligung der Juden am Heeresdienst und ihre große Tüchtigkeit im Felde hervorgeht. In einem weiteren Kapitel geht der Verfasser auf die durch den Krieg geschaffenen traurigen Verhältnisse der Juden in Osteuropa ein und fordert später, auf die deutschen Juden, zurückkominend, für