Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-04-14 · 15 (14.4.1916) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 135 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9119175--00796-9073622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15 Das Jüdische Echo 1B5 Na, darüber ließe sich vielleicht noch reden Es stellte sich aber heraus, daß er gar die Tochter der Witwe, ein hübsches schwarzes Mädel im Sinne hatte. Sie hieß Oitele, und als er ihr einmal Maß zu einem Paar Schuhe nahm, verliebte er sich in sie. Schickt er also einen Schadchen zu der Mutter. Es versteht sich, daß der Schadchen diesen Auftrag nicht übernehmen will. Denn die Witwe hat ein eigenes Häuschen, wenn es auch ganz am Ende der Gasse, dicht bei der Weichsel steht; für die jüngste Tochter (die übrigen Kinder waren schon lange verheiratet und in der Fremde) hat sie eine ganz nette Mitgift zusammengespart, und man schlägt dieser Tochter eine Partie mit Mojschele, einem Enkel des Dajons Reb Sebulon vor; also allerfeinste Familie, großes Vermögen, und außerdem ist der junge Mann eine Gelehrter zu nennen. Man ist schon so weit, daß der Verlobungspakt geschrieben werden kann: man unterhandelt noch wegen einer Kleinigkeit: die Witwe will dem jungen Paar nur vier Jahre Kest gewähren, und die Familie des Bräutigams besteht auf fünf Jahren. In jedem Falle — wie kann der Schadchen unter solchen Umständen die Partie mit Salman Vorschlägen?! Umsomehr als es derselbe Schadchen ist, der sich mit der andern Partie befaßt und sie beinahe durchgesetzt hat! Unser Salman drückt aber dem Schadchen ein blankes Zwanzigkopekenstück in die Hand und sieht ihn dabei so an, daß es ihn kalt überläuft. Der Schadchen erklärt sich gleich bereit.: „Ich will gehen! Ich geh schon hin!“ Er geht auch wirklich, und Salman geht ihm nach, so daß der arme Schadchen den heißen Atem des Burschen auf seinem Nacken fühlt. Salman der Bochur bleibt dicht vor der Türe des Häuschens stehen: er wartet auf Antwort! Und welche Antwort konnte kommen? Die Witwe rennt hinaus und rückt dem Freier mit dem Besen an den Leib! Da gabs wirklich was zu sehen! Stellt es euch nur vor: so ein Riese, stark wie ein Baum, entflieht vor der zusammengeschrumpften kleinen Witwe, die ihm in ihren klappernden Schusterpantoffeln nachläuft! Das arme Mädel steht derweil vor der Tür und weint herzerweichend: sie meint wohl, daß er ihre Mutter erschlagen wird! Er weicht aber immer mehr und mehr zurück. Wie er zum Nachmittagsgebet in die Schul kommt, fangen ihn alle zu verhöhnen .an. Er sagt aber, daß wenn man ihm Gitele nicht zum Weibe gibt, er sich etwas antun wird. Gut, tu dir was an! Er wird aber plötzlich brav und kommt mit seinen Gründen: er hat sie lieb, und sie hat ihn auch lieb! Da werden die Leute wütend. „Woher weißt du das?“ Und er antwortet siegesgewiß: „Ich weiß!“ Das sei schon seine Sache, sagt er. Er streckt seine flache Hand aus und sagt, daß ihm hier, auf dieser flachen Hand eher Haare wachsen werden, als Gitele den krummen Mojschele nimmt, den er .wie eine Fliege zerdrücken würde, wenn er sich davor nicht ekelte. Und während er das sagt, flammen seine Augen ganz wild, wie sich’s gehört. Plötzlich springt er auf und stürzt sich mit geballten Fäusten auf Reb Chaim-Jossele, den Onkel der Braut. Reb Chaim-Jossele ist die einzige Zierde unserer Gemeinde, ein gelehrter Mann, hat Geld, das er auf Zinsen verleiht, sogar viel Geld . . . ., ein Mann mit einem schönen weißen Bart! Und diesen Reb Chaim-Jossele will er totschlagen! Beinahe mit Lebensgefahr rettete man den alten Mann vor seinen Fäusten! Sonst hätte er ihn sicher zermalmt. Nun wendet er sich von Reb Chaim-Jossele zu Mojschele, der, wie es seine Gewohnheit ist, über einem Talmudbande sitzt und studiert, und sagt zu ihm mit Hohn: „Mojssele, Mojssele!“ (Mojschele konnte nämlich kein „sch“ aussprechen) „Vertauf mir die Talle!“ Das sollte heißen: Verkauf mir die Kalle, denn Mojschele sprach statt „k“ „t“. „Ich geb dir für sie was du willst: einen Kreisel, oder einen Nagel? Oder vielleicht willst du gar einen Dreier?“ Mojschele fing zu weinen an, daß es 'wirklich ein Jammer war. Das alles ist aber hoch gar nichts. Am meisten hatte von ihm Gitele selbst zu leiden. So oft sie auf die Gasse kam, ging er ihr auf Schritt und Tritt nach und jammerte ihr vor: „Gitele, vergieße nicht mein Blut, mach mich nicht unglücklich, verdüstere nicht meine Welt . . .“ und ähnliche Dummheiten. Die Muttermilch gerann ihr vor solcherlei Worten. Sie war aber ein gutes, frommes Kind, und er bekam auf seine Reden kein einziges böses Wort von ihr zu hören. Sogar im Gegenteil: manchmal drehte sie sich nach ihm um und sah ihn mit solchem Mitleid an, daß es gar nicht zu beschreiben ist! Was soll die arme Mutter tun? Sie sperrt sie in ihre Kammer ' ein. Das arme Mädel leidet vor Scham Höllenqualen. Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit: besonders stark von Gestalt war sie niemals gewesen, nun nimmt sie vor Gram und Schande täglich ab, wird von Tag zu Tag magerer. Außerdem bekommt sie es mit dem Herzen zu tun, ein schlimmes Herzklopfen, sie stirbt beinahe weg! Und wie man das dem Burschen erzählt und ihm sagt: „Wenn du sie wirklich lieb hast, warum schlachtest du sie ohne Messer hin?“ antwortet er, daß er gar nichts verlange, sie möchte ihm nur einmal selbst durchs Fenster sagen, daß sie ihr Wort zurücknimmt. Was für ein Wort? Das sei seine Sache. Es genügt, sagt er, daß sie auch gar nichts sagt, sondern nur den Kopf schüttelt. Also bittet man sie, daß sie dem Verrückten diesen Gefallen tut; was soll man auch mit diesem König von Basan anfangen? Sie will aber nicht. Sie weint und fällt aus einer Ohnmacht in die andere, denn sie will ihn nicht öffentlich beschämen: Ist sie doch eine mitleidige jüdische Tochter! Mit einem Worte — es ist ein Jammer. Also beschließt man, sie möglichst bald zu verheiraten. Die Witwe gibt nach, man einigt sich auf fünf Jahre Kest, der Verlobungspakt wird abgeschlossen, und Salman der Bochur steht vor dem Hause und klopft sich mit dem Kopf an die Wand, so daß es schallt. Das Mädel fällt in Ohnmacht, und es ist jedermann klar, daß sie krank werden muß. Man redet ihr vor, daß sie zu einem Arzt muß und schleppt sie nach Warschau. Reb Sebulon der Dajon läßt sich mit seinem Enkel in aller Heimlichkeit nachts in einem Bote über die Weichsel hinübersetzen und fährt ebenfalls nach Warschau. Einige Tage darauf, — der Bochur steht gerade auf der Gasse, — kommen in einer großen Kutsche beide Familien mit dem jungen Paar angefahren. Wie Salman das sieht, schreit er auf wie ein Ochs unter dem Schlachtmesser, stürzt zur Erde wie ein gefällter Baum und windet sich in Krämpfen. Wie man ihn aufhebt, ist er vollständig verrückt! Und worin bestand seine Verrücktheit? Gitele war inzwischen eine junge Frau geworden und hatte ein Kind zur Welt gebracht, das bald nach der Geburt starb. Salman trägt nun das Kleine ständig auf seinen Armen herum: natürlich ist es nur ein Holzklotz, den er mit irgendeinem Lumpen umwickelt hat. Und er trägt die Puppe auf den Armen, wiegt sie, bemuttert sie, singt ihr Wie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.