Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 46 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 387 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116252--00583-9073410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 Das Jüdische Echo 387 Zeitungs-Echo Alfons P a q u e t gibt in der „Frankf. Ztg." vom 17. Oktober, 1. Morgenblatt, eine anziehende Schilderung von Salonik. Die dort ansässigen Juden schildert er in anschaulichen Farben: Beinahe achtzigtausend spaniolische Juden wohnen in Salonik. Sie machen mehr als die Hälfte der Bewohner aus. Viele sind Lastträger und Bootsleute am Hafen. Die andern haben Geschäfte oder Werktstätten im Gewirr der Stadt, Schreibstuben im Viertel des Großhandels, in der Nähe der , Banken und der Zollhalle. Die Gebildeten haben ihre Klubs, ihre politischen und religiösen Vereine, ihre eigenen Zeitungen in hebräisch und französisch. Sie lernen nun griechisch und werden sich wohl nach einer Zeit der Orientierung im neuen Griechenland bemerkbar machen. Ihre ewige bohrende modernistische Unruhe gab in früheren Jahren dem zur Macht gelangten jungtürkischen Komitee seine Impulse. Ältere Frauen dieser Sephardim tragen noch das buntgestickte Käppchen und das weitausgeschnittene Mieder, die Tracht eines verschollenen Zeitalters; die jüngere Generation nimmt sich Wien und Paris zum Vorbild. Der feierliche Gehrock zum roten oder schwarzen Fez aus der Türkenzeit ist unter der neuen Herrschaft fast verschwunden, selbst die Arbeiter im Hafen tragen allmählich den Turban und den Fez nicht mehr. Die eigentlichen Griechen in der Stadt werden wohl bald zwanzigtausend zählen, die Mohammedaner schmelzen dahin, die Kolonien der übrigen europäischen Völker zählen nach hunderten; aber sie sind reich an Schulen, Konsulats- und Bankgebäuden, Warenhäusern in der Hafengegend und Landhäusern vor der Stadt. Än die jüdische Öffentlichkeit! Durch die kriegerischen Ereignisse im Osten, die Befreiung Galiziens und das sieghafte Vordringen der verbündeten Truppen in Polen, Litauen und Wolynien sind Millionen von Ostjuden, die diese Gebiete in großen Massen bewohnen, Europa näher getreten. Das Interesse der breitesten Öffentlichkeit hat sich infolge dessen dem ostjüdischen Problem zugewendet. So erfreulich auch diese Tatsache an sich sein mag, muß es doch jedem Kenner der Verhälthältnisse auffallen, daß neben manch Richtigem und Zutreffendem auch sehr viel Unrichtiges und Entstellendes geboten wird. Oft werden sogar in bester Absicht Vorstellungen über ostjüdisches Wesen und Leben verbreitet, die zu den wirklichen, wirtschaftlichen, kulturellen, religiösen, sozialen und politischen Zuständen in krassem Widerspruche stehen: Wesentliches wird übersehen, Unwesentliches hervorgehoben — von den Fällen nicht zu reden,' in denen infolge falscher Information oder gar aus böswilliger Absicht die abenteuerlichsten Dinge erzählt werden. Daß hiedurch die Ostjuden, die ja gerade jetzt samt ihrer Umgebung vor großen Schicksalswendungen stehen, in ihrem lebenswichtigsten Interesse bedroht weiden und mittelbar die gesamte Judenschaft gefährdet wird, liegt auf der Hand. Abhilfe ist dringend nötig. Wir, die Unterzeichneten, sind darum zusammengetreten, um sie zu schaffen. Wort und Schrift wollen wir benützen, um über die Lebenstatsachen des Ostjudentums Klarheit zu verbreiten, eine richtige Wertung der ostjüdischen Probleme anzubahnen und Irrtümern, wo und in wessen Interesse immer sie auftauchen mögen, entgegenzutreten. Das Bureau, das wir zu diesem Zwecke eröffnen, wird eine ebenso gründliche und systematische, wie vielfältige Arbeit zu bewältigen haben. Es wird sie nur dann leisten können, wenn ihm die weitesten jüdischen Kreise ihre m o r a 1 i s c he und ma t e r i e 11 e Unterstützung gewähren. Wir bitten demgemäß um Ratschläge, Anregungen, Mitteilungen, wir bitten um Förderung durch einmalige oder periodische Beitragsleistungen. Die Bedeutung der Sache läßt uns hoffen, daß wir keine Fehlbitte tun. Das Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen: Dr. Wilhelm Berkelhammer, Dr. Nathan Birnbaum, Dr. J. S. Bloch, Dr. Max Brod, Dr. B. S. Feldmann, Rabb. Dr. Max Grunwald, Red. Meir Henisch, kais. Rat Karl Hirsch, Dr. Hermann Kadisch, Dr. Anselm Kleinmann, Red. B. Locker, S. Meiseis, Dr. Karl Pollack, Red. M. N. Racker, Reichratsabgeordneter Heinrich Reizes, Dr. Ignaz Schipper, Rabb. Gedalja Schmelkes, Siegfried Schmitz, Adolf Stand, Dr. W. Stein, Dr. F. Sternberg, Ob.-Ing. Robert Stricker, Löbl Taubes, Reichsratsrev. Rudolf Taussig. Adresse: Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen, Wien, IX., Seegasse 25/15. Zahlstelle:'Bankhaus A. Hecht, Wien, XV., Mariahilferstraße 138. Liebesgabensendung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zum Chanukahfest. Wie im Vorjahre wollen wir auch diesmal unseren Freunden, die an allen Fronten kämpfen, allen, die in Lazaretten liegen, und allen, die noch ausgebildet werden, eine Chanukahf reude bereiten. Die Zahl der Freunde, die wir zu bedenken ha-. ben, ist seit dem vorigen Jahre wesentlich gestiegen, und auch das uns zur Verfügung stehende Adressenmaterial bedürftiger jüdischer Soldaten hat sich ständig vermehrt. Trotzdem hoffen wir durch eifrige Werbearbeit unserer Gesinnungsgenossen, alle zu bedenken. Unsere Pakete sollen Genußmittel aller Art enthalten. Auf Wollsachen und Gebrauchsgegenstände wird dieses Jahr weniger Wert gelegt. Da unsere Freunde in allen Briefen den Wunsch danach aussprechen, werden wir ihnen auch diesmal eine Chanukah-Festnummer der „Jüdischen Rundschau" zuschicken, für die uns namhafte jüdische Schriftsteller Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Das Chanukahfest beginnt bereits am 2. Dezember, daher ist große Eile geboten, um die Sendungen rechtzeitig verschicken zu können. Wir bitten daher alle unsere Freunde, uns Barmittel, Genußmittel aller Art und postfertige Pakete einzuschicken. Jedem Paket soll auch in diesem Jahre eine Karte des Spenders beigefügt werden. Zuschriften und Geldsendungen sind an die Adresse unseres Herrn Max Wollsteiner, Charlottenburg, Roscherstr. 5, Postscheckkonto Berlin 3847, zu richten. Pakete ausschließlich an die Adresse unseres Bureaus, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Zionistische Vereinigung für Deutschland.