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Das jüdische Echo · 1915-11-19 · 46 (19.11.1915) · p. Seite 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
46 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 386 (sequence 6)
Language
German
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386 Das Jüdische Echo Nr. 46 Feuilleton Das verzauberte Judenstädtchen Von Hans Goslar, zurzeit im Felde. Nicht gar so weit von der deutschen Grenze, im südpolnischen Lande, da liegt das Judenstädtchen, von dem ich Euch erzählen will, so wie ich es sah als deutscher Soldat. „Was da schon Rechtes dran sein kann, an einem polnischen Judenneste?", so werdet Ihr fragen — „üble Gerüche, holperige Straßen, schmutzige Kinder, schreiende Händler", meint Ihr, das seien seine wesentlichen Bestandteile. Gewiß, auch das werdet Ihr dort finden, aber doch nicht immer. Wenn Euch der Zufall oder das Glück an ganz bestimmten Tagen des Weges daher durch das Judenstädtchen führt, dann werdet Ihr sehen, wie die Lumpen von ihm abfallen, der Schmutz verschwindet, und eine strahlende Helle an seine Stelle tritt: der leuchtende Glanz einer Königin, der Fürstin Sabbath. Am Alltag, da drückt die Sorge des kümmerlichen täglichen Lebens auf die Gestalten der Juden, daß sie gebückt durch die engen Gäßchen huschen, mit vergrämten Zügen, die Augen umherhuschend nach Brot und Lebenserwerb. Die Frauen laufen barfuß umher und plagen sich in den Zimmern, die Jugend, die der Krieg, der die ratternden Maschinen in den Fabriken lahmgelegt hat, des Erwerbs beraubte, steht müßig in den Gassen, bis irgend ein kleiner Erwerb winkt, dem sie dann nachjagen mit zitternden Knien und angstvollen Augen. Schon ändert sich da,si Bild, wenn Soldaten der die Russen siegreich aus den polnischen Gefilden verjagenden Armeen durch die Straßen ziehen. Dann belebt sich das Städtchen mit einem Schlage. Vor der Tür eines jeden der rissigen, baufälligen Häuschen, das kaum ein viertel Dutzend Menschen zu fassen scheint, erscheinen mehrere fünf- bis sechsköpfige Familien, gedrängt und lebhaft gestikulierend. Die Hausväter mit langen dunklen Bärten, hageren Gesichtern, die von Not und Entbehrung reden, traurigen Augen, in denen stets unausgesprochene bange Fragen zu liegen scheinen und mit nervösen, zuckenden Gebärden. Frauen mit scharfgeschnittenen Zügen, Mädchen in blühender Schönheit und kleine Knaben, schon gravitätisch im Kaftan, schwarzen Samtmützchen und hohen Stiefeln, mit ernsten und melancholischen Gesichtern, denen jedes kindliche fehlt und auf denen schon in zarter Jugend die Leiden eines uralten Stammes unverwischbar eingegraben sind. Und jeder von diesen Menschen, deren leibliche Existenz auf dem Zufall, auf dem Nichts; aufgebaut ist, ergreift irgend etwas: eine Frucht, ein Brot, ein paar Eier, stürzt schreiend davon, um seine „Ware" den Soldaten anzubieten und vielleicht ein paar Pfennige zu verdienen, die die Ungewißheit der täglichen Lebensfrage wieder um ein kleines hinausschieben können. — Sind die Soldaten vorüber, dann sinkt das Städtchen in seine Stille zurück. Unbeleuchtet sind abends die Gassen, Plätze und Häuser, und nur hie und da klingt aus den Fenstern noch monotones, näselndes, aber doch eindringlich und innig klingendes Beten. Wie sieht aber unser Städtchen aus, wenn der Sabbath seinen Einzug hält? Wie mit einem Schlage verschwindet die Dunkelheit. In jeder Stube, gaßauf, gaßab, flammen kleine, dünne Kerchen auf, die behutsam ans Fenster gestellt werden und ihr mildes Licht auf die Gasse ergießen. Das sonst dunkle und traurige Städtchen erstrahlt in weitem, rührend ärmlichem, feierlichem Festesschimmer und eine zauberhaft orientalische Stimmung, wie in einem biblischen Märchen umfängt den, der als Wanderer durch die Gassen schreitet. Aus den Türen eilen in aufrechter Haltung, anzuschauen wie Propheten, die Männer, die sonst gebückt in den Gassen einherschleichen, die Knaben mit strahlend großen Augen an der Hand, in die Bethäuser, aus denen die uralten Sabbathweisen herausschallen, die die zitternde Stimme des alten Vorbeters, begleitet von hohen Knabenstimmen erschallen läßt. Hinter den Fenstern der Häuschen, huschen, geschmückt mit gestickten Hauben und verjüngt durch die Festeserwartung die Frauen, um das schmale Sabbathmal zu bereiten — den Festwein, den sorgsam behüteten, in die trüben, gesprungenen Gläschen zu füllen und alles für den Augenblick zu bereiten, wo der Gatte, sonst ein armer gebückter Schnorrer, heute aber ein kleiner König in seinem Heim, in die Tür tritt, um den Kindern die zerarbeitete, schwielige Hand segnend auf das Haupt zu legen. Und dann sitzen sie in dem kleinen, niedrigen Stübchen, zugleich Schlaf-, Eß- und Arbeitsraum, und verzehren träumerisch und schweigsam das Sabbathmahl. Und am anderen Morgen: kein Händlergeschiei erschallt, kein Laden öffnet sich dem Wanderer, der eine Vegzehrung erstehen will. Dort am Vorgatter, wo üie Soldaten hausen, die in dem Städtchen schon seit Wochen eingekehrt sind, und wo sich sonst eine schreiende, warenanpreisend? Menge unverdrossen vom Morgen bis zum Eintritt der Dunkelheit drängt, ist keine Seele zu sehen. Dieselben Juden, die gestern noch keinen Weg, keine Mühe gescheut hätten, um ein paar klimpernde Metallstücke einzuheimsen, lehnen heute, gehüllt in reine, seidene Gewänder an den Häusern, mit einem stillen, ein wenig hochmütigen Lächeln auf den herabblickend, der versuchen will, ihre Sabbathruhe mit Fragen nach Geschäften zu durchbrechen. Heut sind sie nicht die flinken Händler, gehorsam jedem Wink und Zuruf, der ein Geschäft verspricht. Heut fühlen sie sich als echte Söhne des alten, stolzen Prophetenvolkes, begnadet mit der göttlichen Offenbarung. Sie verköpern orientalischen Stolz und in ihren nach innen gekehrten Augen liegt noch ein Abglanz des Kerzenschimmers, der gestern ihre kleinen Häuser erwärmt und erhellt hat. Erscheint der erste Stern am Himmel, dann fällt das Purpurgewand der Königin Sabbath zu Boden. Aus den schmutzigen Häusern kriecht und wimmelt es heraus und erfüllt die Gassen mit Händlergeschrei. Der Zauber ist vorbei und zurück bleibt nur der verborgene Funken, an dem sich — wie seit Jahrtausenden — am nächsten Sabbath die Herzen wieder entzünden. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel

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