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Das jüdische Echo · 1915-11-19 · 46 (19.11.1915) · p. Seite 382

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
46 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 382 (sequence 2)
Language
German
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.182 Das Jüdische Echo Nr. 49 ohne Wahl Gerechten und Ungerechten leuchten lasse, antwortete er: „Sie haben mich ganz richtig beurteilt; wenn heute der Satan in eigener Person zu mir käme und von mir ein Manuskript forderte, das er in der Hölle drucken lassen möchte — ich würde ihm die Hände küssen und alles bereitwillig gewähren. Arbeite ich denn für meinen Vorteil oder für meinen Ehrgeiz?" Luzzatto betätigte sich außer wissenschaftlich auch auf dem Gebiet der hebräischen Lyrik.2) Er war zwar kein gottbegnadeter Dichter wie sein Namensvetter Moses Chajim Luzzatto (Ramchal), aber seine hebräischen Gedichte sind sprachlich und rythmisch fein durchgebildet und entbehren auch nicht einer inneren Begeisterung. Aber mehr als diese äußeren Daten3) seines Lebens und Wirkens bedeutet uns die Persönlichkeit S. D. Luzzattos, wie sie sich in seiner Stellung zu den Ideen seiner Zeit zum Ausdruck brachte, und wie sie sich in dem großen Zusammenhang zwischen jüdischem Mittelalter und jüdischer Neuzeit gleichsam als das personifizierte Gewissen des alten, gesunden jüdischen Instinktes gegen di e kränklichen assimilatorischen Tendenzen der Mendelssohnepoche und ihrer Folgezeit zu behaupten wußte. Heute, wo der Kampf um die Bedeutung Mendelssohns noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist, wo die Wirksamkeit des Humanitätsphilosophen aus Dessau noch immer eine einseitige und deshalb ungerechte Glorifizierung seitens einer destruktiven jüdischen Weltanschauung findet, haben wir die doppelte Pflicht, Luzzatto, diesen um die jüdische Wissenschaft so hochverdienten und der entscheidenden Frage des zukünftigen Judentums so eindeutig und selbstbewußt gegenüberstehenden Mann seinen zeitgenössischen und unseren heutigen politischen Gegnern gegenüberzustellen. Luzzatto war, wenn man es mit wenigen Worten präzis zum Ausdruck bringen kann, aus einem natürlichen, angeborenen Gefühl heraus ein entschiedener Gegner aller Almalgämiierungs- und Versichmelzungsversuche des Judentums mit anderen Kulturkreisen. Er verstand recht gut, daß diese „Harmonisierungs"-Versuche in ihrem Wesen zwar vielleicht philosophischen und weltanschaulichen Klarheitsbedürfnissen entspringen, i n ihrer Wirkung aber eine süße und selbstgefällige Art von Selbstmord bedeuten. Aus dieser seiner Grunderkenntnis flössen alle seine vom Standpunkte philosophischer Universalität vielleicht allzu pointiert erscheinenden, unter dem Ge- 2) Kinnor naim (Liebliche Harfe), Wien 1825 und Padua 1879. 3) Diese wie die angeführten Zitate sind dem „Gedenkbuch" Samuel David Luzzattos entnommen, das der Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland anläßlich seines hundertsten Geburtstages (22. August 1900) auf Anregung von Dr. S. Bernfeld herausgegeben hat. Das Buch enthält folgende Beiträge: Dr. S. Bernfeld, S. D. Luzzatto, Ein Lebensbild; Dr. M. Brann, Die Familie Luzzatto; Dr. Philipp Bloch, Luzzatto als Religionsphilosoph; A. B e rliner, S. D. Luzzattos exegetische Tätigkeit; Prof. Dr. W. Bacher, Zur Charakteristik S. D. Luzzattos. Aus seinem Epistolario; Henriette Hirschberg, Übertragungen von Gedichten Luzzattos. Sichtswinkel des wirklichen Lebens aber trefflichen und wahrhaft befreienden Urteile über die bedeutendsten Vertreter jener Harmonisierungslehre: Moses Maimonides, Spinoza und Moses Mendelssohn. „Ja", ruft Schadal in einem seiner Briefe leidenschaftlich aus, „Maimonides mit seiner ganzen Philosophie gehört zu denen, die uns den größten Schaden zugefügt. Ursprünglich hatten die Weisen ihre Worte wie Stäbe aufgestellt, um die Menge in die Richtung zu leiten, die ihnen nach Zeit und Art für gut und nützlich erschien; Maimonides aber hat sie wie Pfähle unverrückbar in den Boden eingerammt . . . Wäre nicht Abraham ben David gegen Maimonides ins Mittel getreten, so wären vielleicht Mischnah und Talmud längst vergessen und verdorben, und wir und unsere Kinder und unsere Kindeskinder wären Sklaven des Maimonides und Aristoteles .... Ja, des Aristoteles sage ich, denn in der „Mischneh Torah" findet sich vielerlei, das gar nicht unseren Weisen,sondern demAristotelesund seinen arabischen Interpreten entnommen ist..." Und Spinoza nennt Luzzatto einen „unseligen Sophisten", den man am besten der völligen Vergessenheit preisgibt. Am 22. Februar schrieb er an Franz Delitzsch: „Sind Sie ein aufrichtiger Christ? Dann sind Sie mir tausend Mal teuerer als so viele Juden, Anhänger Spinozas, wovon unser Jahrhundert wimmelt." Selbst Moses Mendelssohn, den er hoch verehrte, beschuldigte er der Koketterie mit den Christen. 1855 schreibt er diesbezüglich an M. Mortara in Mantua: „Ich weiß nicht, ob es Eigenliebe oder Liebe zur Nation oder Liebe zum Wahren ist, ich kann mich nicht enthalten, zu beobachten, daß Mendelssohn wohl einen Impuls gegeben, d. h. die germanische Kultur bei den deutschen Israeliten eingeführt hat. Aber wo sind seine umfassenden und systematischen Anschauungen? Ich weiß nicht, ob er jemals eine eigene Idee gehabt hat, er, der Gefolgmann und Nachahmer von Leibnitz und Wolf. Vielleicht hatte er welche in der Ästhetik. Aber in der Wissenschaft vom Judentum? Überhaupt was umfassende und systematische und große und wahre Anschauungen betrifft, so finde ich davon mehr in Schadal als in Rambaman (Mendelssohn). Und ich glaube, daß auch Sie — da niemand mich besser kennt, als Sie — dasselbe finden. Und ich weiß nicht, warum Italien an Preußen eine nicht von der reinen Wahrheit befohlene Huldigung leisten muß." Und wie verwandt an seelischer Stimmung fühlt sich die kleine Schar unserer heutigen jüdischen Volksfreunde, wenn sie das starksinnige, zielbewußte Bekenntnis dieses Mannes liest, das er zwei Jahre später an eben denselben Mortara schreibt. „Er (Mendelssohn) hat eine große Tätigkeit entfaltet, weil er das Jahrhundert mit sich in Übereinstimmung hatte. Ich habe es im Gegensatze zu mir. Ich stehe dem Jahrhunderte, der Welt, dem Universum gegenüber . . . Nichtsdestoweniger, wer weiß, was nach meinem Tode entstehen wird? Wenn das Judentum fortzudauern hat — und es wird gewiß fortdauern —, wo wird es einen Anker finden, wenn nicht in meinen Schriften und in meinen Worten? Findet es ihn vielleicht in Mendelssohn?" Und noch etwas verbindet uns jungjüdische „Romantiker" insgeheim mit S. D. Luzzatto: er war ein abgesagter Feind des bloßen nüchternen Rationalismus. Er fordert geradezu ein gewisses Maß

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