Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 46 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Das Jüdische Echo 383 von Illusionsfähigkeit. „Der Glaube", sagt Luzzatto, „welchen die mosaische Religion fordert, ist nichts anders, als sich vernünftigerweise zufriedengeben mit den Beweisen der moralischen (d. h. subjektiven) Gewißheit, von denen wir uns in allen Angelegenheiten des Lebens leiten lassen. Denn es wartet wahrlich kein Mensch bei einer Entscheidung über sich oder seine Angelegenheiten, in welcher Lage er sich immerhin auch befinde, bis er eine mathematische (d. h. apodiktische) Gewißheit erlangt hat, bevor er sich zum Handeln entschließt, vielmehr nehmen auch die vorsichtigsten Menschen und die intelligentesten Klügler sich zur festen Norm für ihre Führung und ihre wichtigsten Handlungen die moralische Gewißheit, durch welche die vorsorgliche Natur, ohne Syllogismen und Analogien vermittels des gesunden Menschenverstandes und der Zustimmung oder des Widerspruches des inneren Gefühls, uns belehrt." „Das ist ja das ganze Fundament meiner Anschauung", sagt er ein anders Mal, „daß die Religion bei Gott nicht wegen ihrer Wahrheit, sondern wegen ihres Einflusses auf die Veredelung des C h a r a k te r s beliebt ist ... . Auch wäre der Bestand der Gesellschaft und das menschliche Glück bei der Erkenntnis der Wahrheit gar nicht denkbar, es bedarf dazu der Illusion, wie ja auch die Natur in vielen Dingen sich der Illusion bedient." Wie sehr Luzzatto über seiner Zeit stand, zeigen die Worte, die er sich nicht scheute, Abraham Geiger, mit dem er eine Zeit lang in freundschaftlicher Korrespondenz stand, schrieb: „Wenn die politischen Ereignisse Sie belehrt haben werden, wie eitel die Weisheit des Jahrhunderts ist und Sie nicht mehr an die Emanzipation der Küche denken, dann werden Sie mein Freund werden." Luzzatto wußte, was er seiner Zeit und der Zukunft der jüdischen Entwicklung bedeutet, und dementsprechend durfte er auch am Ende seines Lebens gewissermaßen als das Gesamturteil über sein Wirken sagen, daß „in einem Jahrhundert der Falschheit, der Politik, der Doppelzüngigkeit bei allen und selbst bei Dienern der Religion", sein Beispiel der Offenherzigkeit, des freien Denkens und zugleich der religiösen Überzeugungen von großer Nützlichkeit gewesen sei. Die historische Entwicklung hat Luzzatto recht gegeben. Die Amalgamierungs- und Assimilationsversuche haben schon heute ihren destruktiven Charakter deutlich gezeigt. Die Zukunft des Judentums liegt auf der Bahn, die uns der unabhängige Geist dieses Dichter-Gelehrten wies. Jüdisches Gemeindewesen in Rußland Von L. A., München. (Schluß.) Das doppelte Rabbinerwesen ist eine der vielen anormalen Erscheinungen im russisch - jüdischen Gemeindewesen. Um es abzuschaffen, müßte man über Rabbineramtskandidaten verfügen, welche gleichzeitig in jüdisch-religiösem, wie in allgemeinem Sinne gebildet sind. Aus dem, was wir über die Lehrstätten des Talmuds, die Jeschibos, wissen, ist leicht zu begreifen, daß sie durchaus nicht befähigt sind, die jungen Leute so auszubilden, daß sie gleichzeitig in „Toroh und Hasko- Joh" hoch stehen. Versuche wurden in dieser Richtung gemacht: ich erwähne nur die Gründung einer modernen Jeschiboh durch den kürzlich verstorbenen Rabbiner Reines-Lida, sowie die Kurse für jüdische Wissenschaften in Odessa (Rabbiner Tschernowitz) und Petersburg; einen durchschlagenden Erfolg haben aber alle diese Versuche nicht gehabt. Ein Erfolg ist auch nicht zu erzielen, solange nicht gründlich das ganze Gemeindewesen geändert wird. Muß das ganze Haus mit seinem Fundament umgebaut werden, so ist mit der Verbesserung des einzelnen Ziegels nicht gedient. Soll eine Frage gelöst werden, so werden mehrere andere Fragen aufgerollt, die mit dieser in Zusammenhang stehen und ihrer gleichzeitigen Lösung harren. Mit der Rabbinerfrage in engem Zusammenhang steht die jüdische Lehrer frage. Die Zöglinge des Lehrerinstituts in W i 1 n a werden nur in allgemeinen Wissenschaften ausgebildet, ihre jüdischen Kenntnisse sind in der Regel äußerst gering. Freilich, in den Volksschulen für Juden gibt es für jüdische Lehrgegenstände überhaupt keinen Platz, die Lehrer in diesen Schulen dürfen also in dieser Beziehung unwissend sein. Nun gibt es aber sehr wenig passende Lehrer für die Talmud-Toros, welche von der armen Bevölkerung besucht werden und wo auch der jüdische Unterricht seinen Platz hat. Versuche, und scheinbar mit befriedigendem Anfangserfolg, wurden auch in dieser Richtung gemacht ■— die von der jüdischen Bildungs-Gesellschaft gegründeten Kurse für Volkslehrer in Grodno. Also wieder das verfehlte System: ein doppeltes Schulwesen! Und, besonders hinsichtlich der jüdischen Ausbildung, so wenig befriedigend, daß die große Mehrheit des Volkes gezwungen ist, die Kinder in die altmodischen Chadorim zu schicken. Von einer befriedigenden Erziehung kann somit keine Rede sein. * * * Ähnlich und noch schlechter gestalten sich die Verhältnisse auch auf allen anderen Gebieten des jüdischen Gemeindewesens. Um Abhilfe zu schaffen, genügen nicht Palliativmittel, es muß vielmehr eine Gemeinde als öffentlich-rechtliches Institut mit dem Recht der Selbstbesteuerung geschaffen werden. Das ist die einzige Lösung und hierin sind sich alle einig. Bis dahin werden aber die traurigsten Verhältnisse herrschen. Wir haben gesehen, daß die „Korobka" die alma mater der jüdischen Anstalten ist. Es darf also nicht überraschen, wenn man erfährt, daß diese Einrichtungen blutarm sind .... Sind schon die legalsten Einrichtungen so kärglich von der „Korobka" versorgt, daß sie kaum existieren können, so ist es noch trauriger für jene Einrichtungen, die überhaupt keine Zuschüsse bekommen. Die Kranken-, Armen- und Waisenhäuser erhalten im besten Fall so geringfügige Unterstützungen, daß sie in der Hauptsache auf freiwillige Spenden angewiesen sind. Die Synagogen sind auch nur auf die Spenden ihrer Mitglieder angewiesen; hie und da hört man von „Zuschüssen", die nicht erwähnenswert sind. Sogar die „Chewroh-Kadischoh" ist in der Regel als private Verbindung zu betrachten, die mit der offiziellen Gemeinde nicht in Berührung kommt! Nun das innere Vereinsleben! Die Zahl der Chewroh's ist groß, zu groß. Da es sich, wie gesagt, um Gründungen handelt, die auf freiwillige und zufällige Spenden angewiesen und naturgemäß nicht einmal durch irgend ein öffentliches