Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 33 (31.8.1913)
- Date
- 1913-08-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das füdtfche Dlatt. Nr. 33. Das ist eine harte Lehre für uns. Hier haben wir die Wirkung der europäischen Geschäfts- und Interessenpolitik. Die europäischen Großmächte arbeiten heute nur für ihre Interessen, wie große Geschäftssirinen. D,e erhabenen Rechte der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die auf dem Berliner Vertrag noch ihre Anwälte fanden, haben heute in Europa keine Annehmer mehr. Als der Krieg begann, wurden besonders zionistische Stimmen laut, die auf das erhabene Beispiel der kleinen Balkanvölker hinwiesen, die aus eigener .Kraft sich zur Selbständigkeit und Größe einporarbeiten. Nachdem der Krieg die barbarische Wildheit dieser Völker enthüllt hat, wird man uns wohl in Zukunft von seiten des jugendlichen politischen Zionismus mit dem Hinweis auf dieses „erhabene Beispiel" verschonen. Eine Genugtuung für unser Gefühl können wir wenigstens haben. Das ist die Machtlosigkeit der russischen Politik. Nichts hat Bulgarien ins Verderben gestürzt, als das blinde Vertrauen auf Rußland, und nichts hat Serbien und Griechenland gerettet, als die bewußte Abwendung von Rußland. Der Apell des stolzen Zaren an die slavische Solidarität ist zuschanden geworden. Der Richterspruch ist dem allmächtigen Zaren aller Reußen entzogen und dem kleinen Rumänien verliehen worden. Das ist ein beachtenswerter Fingerzeig des Genius der Weltgeschichte. lW m Aus aller Wett. W Drei jüdische Kinder ausgesehl. Ein armer russischer Jude, Elkan K o l a tz k i, den sein Beruf als Partiewarenhändler zu ständigen Reisen zwingt, und der zudem mit seiner Frau in Uneinigkeit lebt, hatte seine drei Kinder im Alter von 3, 4 und 5 Jahren bei einer Frau Braun in Berlin- Wilmersdorf in Pflege gegeben. Diese Frau, die keine Familie hat, lebt in ärmlichen Verhältnissen und nimmt mit Genehmigung des Wilmersdorfer Magistrats Kostkinder bei sich auf. Kolatzki blieb wiederholt das Pflegegeld schuldig und vertröstete die Frau in zahlreichen Briefen von einem Monat zum anderen. Als ihn nun dieser Tage seine Frau endgültig verließ, wurde seine Lage noch kritischer, und er richtete an die Pflegemutter seiner Kinder das folgende Schreiben: „Sehr geehrte Frau Braun! Zu Ihrem Erstaunen muß ich Ihnen mit zitternden Händen schreiben, daß mich meine Frau seit dem 10. Juli verlassen und bis jetzt nichts von sich hat hören lassen. Ich weiß nicht, was ich Wahnsinniger machen soll. Ich laufe wie ein Irrsinniger umher und kann mein Geschäft nicht allein versehen. Sie hat mich direkt zugrunde gerichtet. Ich wollte Sie bitten, meinen lieben Kinderchen kein Leid zu tun und sie zu trösten. Geben Sie bitte, die lieben Kleinen in das Waisenhaus. Die Aelteste heißt Bertha und ist am 7. Juni 1908 in Köln geboren, und die zweite, Rosa, ist am 4. Mai 1909 ebenfalls in Köln geboren, und die Jüngste, Paula, ist am 21. April 1910 ebendaselbst geboren. Ich bin sehr unglücklich und kann mir nicht anders helfen. Elkan Kolatzki." Nun wandle sich die Adressatin um Rat an den Inhaber eines kaufmännischen Bureaus. Dieser bat die jüdische Gemeinde um Unterstützung der Frau, da die Kinder jüdischer Herkunft seien. Er erhielt von der Gemeinde die Antwort, sie könne für ausländische Kinder keine Unterstützung gewähren. Es wurde jetzt Geld für die Kinder gesammelt. Als diese Mittel zu Ende waren, wandte sich Frau Braun an die Armendirektion zu Schöneberg. Dort wurde ihr der Bescheid, sie solle die Kinder vorläufig behalten; die Armendirektion werde ihr 45 dl Kostgeld pro Monat bezahlen. Mit diesem Betrag konnte die Frau die drei Kinder ßrteönisse von Haöriet Schrameck. Geboren in Jsenheim (Oberelsaß) im Jahre I II der Republik (1795)?) sVorbemerkung der Redaktion: Der literarisch unermüdliche Rabbiner Dr. Max Grünwald in Wien hat soeben bei Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig sein neuestes Buch erscheinen lassen: Die Feldzüge Napoleons nach Aufzeichnungen jüdischer Teilnehmer und Augenzeugen. Dem Buche geht eine lehrreiche Einleitung voraus, die den Anteil der Juden an den Kriegen des letzten Jahrhunderts schildert und in gedrängter Kürze anschaulich ein Stück des Zeitbildes aufrollt, auf dem die Männer erscheinen, die in den mitgeteilten Memoiren redend auft treten. Diese Memoiren sind Kabinettsstückchen in ihrer Art. Sie sind ohne jede schriftstellerische Absicht geschrieben und wirken wegen ihrer Natürlichkeit und ihrer Naturtreue außerordentlich anregend. Wir möchten ganz besonders ihren pädagogischen Wert betonen, der so augenfällig ist, daß er auch dem oberflächlichen Leser in die Augen sticht. Das Buch Grünwalds darf daher auf das rege Interesse weiter Kreise rechnen. Aus verschiedenen Gründen dürfte es gerade in elsässischen Kreisen zahlreiche Leser finden. Fast in jeder elsässischen Familie sind ja noch Erinnerungen an diese bewegten Kriegszeiten des großen Napoleon zurückgeblieben. Wir geben hier einen kleinen Teil des Buches wieder: Erleb - *) Die Worterklärungen in Klammern sind aus dem Prioatdruck herübergenommen. Die Erlebnisse des G. Schrameck find, wie es in der Einleitung heißt, schon früher in Barr im Druck erschienen. nisse von Gabriel Schrameck, eines Elsässers, der die Schlacht von Leipzig mitgemacht hat und der in dieser Selbstbiographie ein Stück seines Lebens in seiner frischen Sprache schildert. Die heutige Generation kann daraus lernen, aus was für einem harten, festen Holze ihre Vorgänger geschnitzt waren. Die heutige Jugend kann daraus ersehen, wie verwöhnt sie ist im Vergleich zu derjenigen der Zeit des Verfassers, wo unter dem Hammer eines harten Geschickes der Knabe schon zum Manne wurde und den Stoff vorbereitete für die verständige Willenskraft, der zu allen Zeiten die Siegesfahne in den Kämpfen des Lebens zuteil wurde.) Mein lieber Leser, da kannst du sehen, wie es mir gegangen ist in meiner Iungheit. Ich bin alt gewesen drei Jahre, dann ist mir meine Mutter gestorben. Dann hat mein Vater gewohnt in Jsenheim, und das war ihm fein Geburtsort; sein Geschäft war in Tapeziererarbeit. Er hat sein Arbeit müssen suchen in andere Orten, beweil in einem Flecken nicht viel zu schaffen ist von dieser Profession. Dann hat mein Vater geschafft in Hagenthal, hat man in meinem Vater eine ledige Person gegeben für eine Frau, ungefähr von 30 Jahre alt. Er war sehr angeschmiert mit ihr; sie hat ein kurzes Gesicht; sie kann nichts als bloß kochen. Beweil mein Vater das Heiratsgeschäft fertig gemacht hat, dann sein mir fünf Kinder von meiner Mutter daheim gewesen, und drei von uns Kinder waren gefährlich krank, nämlich ein Schwester von ein Jahr, ein von drei Jahr, mein Bruder Schlome von ... Jahr, wo jetzt in Altkirch wohnhaft ist. Mein ältste Schwester die war 15 j Jnhre alt, mein Fitster Bruder 12 Jahre alt, der geht in die l o('ol(*. Die Schwester hat uns Kranke abgewarten? Der Gefil u* r I # : ij'tr 10 I:si -KI? m i taut {- fe nt t »ch t Hin fe gege, «Mo fcifin fe: I tat ttiitr fe' fit totn