Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 33 (31.8.1913)
- Date
- 1913-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Das jüdische Blatt. 3 darf man sich da wundern, das; drei arme jüdische Kinder um Hilfe schreien, und die grosze jüdische Gemeinde von Berlin antwortet nicht, vielmehr sie antwortet: Ausländischen Kindern könnnen wi.r keine Unterstützung gewähren! Man wäre verflicht, in dieser Antwort die Entgleisung eines Angestellten zu erblicken, man könnte zur Entschuldigung der großen Berliner Jüdischen Gemeinde annehmen, irgend ein untergeordneter Beanlter hat diese unerhörte Antwort infolge falsch verstandener Dienstanweisung gegeben. Aber diese Entschuldigung ist angesichts der i m G e m e i n d e b l a t t der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 8. A u g u st 1913 enthaltenen Erörterung der Unterstützung von Ausländern durch die Armenkommission der Jüdischen Genieinde kaum aufrecht zu erhalten. Auf die Frage: Wie verhalten wir uns zu den Ausländern? antwortet in ihrem Bericht die Armenkommission in der gleichen Woche, wo dieser unerhörte Vorfall vorgekommen ist, folgendes: Wir dürfen nicht — so schwer es uns häufig wird — Familien, die eben hergezogen sind, sofort unterstützen. Wir würden damit unrecht handeln gegenüber der Stadtgemeinde, die bei Inländern nach einjährigem Aufenthalte zur Unterstützung im Notfälle verpflichtet ist. Wenn wir daher Fremden über die kurze Karenzzeit hinweghelfen, so ziehen wir ein stets zunehmendes Proletariat künstlich hierher. Ausländern gegenüber, die bei Notlage — da die Stadt nicht eintritt — ganz unserer Fürsorge anheimsallen, müssen wir natürlich aus gleichem Grunde sehr vorsichtig sein; sind wir doch leider ganz außer Stande, alle die gewaltige Not so vieler unglücklicher Familien in den östlichen Ländern zu mildern. Außerordentlich groß aber ist die Zahl derer, die völlig mittellos mit zahlreicher Familie ohne jede Erwerbsmöglichkeit, oft auch ohne jede Erwerbsfähigkeit, Herkommen, nur im Vertrauen auf die weltbekannte Hilfsbereitschaft der Berliner Juden. Auch aus großen Gemeinden mit zahlreicher, wohlhabender, jüdischer Bevölkerung, die nicht unter dem Drucke ungerechter Regierungen steht, ziehen sie her, weil sie dort weniger Hilfe zu erwarten haben als hier. Wir müssen diesem Anstürme gegenüber, wenn wir unsere Mittel nicht allzu sehr zersplittern wollen, Vorsicht üben. Da wir Ausländer, die hier jahrelang in fleißiger Arbeit sich selbst erhalten haben, in jeder Notlage später genau so behandeln wie einheimische, wird man billigerweise unser Vorgehen als berechtigt und notwendig ansehen müssen. Hier wird also von der ArntenkonlMission in dürren Worten das Prinzip ansgestellt, nach dem in dem bedauernswerten Fall der drei armen verlassenen Kinder verfahren wurde. Hier wird es offen ausgesprochen: Den Ausländern bleiben die Armengelder verschlossen. Die Armenkommission wiegt sich in der vergeblichen Hoffnung, man werde ihr Vorgehen billigen, wenn sie nur diejenigen Ausländer, „die jahrelang in fleißiger Arbeit sich selbst erhalten haben", genau so behandelt wie Einheimische. Die Ausländer müssen also jahrelang die Probe des Wohlverhaltens oblegen, bis man ihre Unterstützungsgesuche berücksichtigt. Ist das jüdisch? Also eine unbegrenzte Karenzzeit für die Unterstützungsansprüche! Das ist ja die gleiche selbstsüchtige herzlose Politik wie beim Wahlrecht. Erst einige Jahre Rechtlosigkeit bei Steuerleistung in der jüdischen Gemeinde, dann bekommt ihr Ausländer ein dürftiges Wahlrecht. Ebenso in Dingen der jüdischen Zedoko. Nur daß aus dem Gebiet der Menschenliebe das Unrecht geradezu himmelschreiend ist. .Erst einige Jahre mit euren Familien darben und hungern, dann könnt ihr an die Pforten der Armenkasse klopfen! Unter solchen Umständen versteht man, daß die drei armen jüdischen Kinder die lakonische Antwort bekamen: Ausländischen jüdischen Kindern gewähren wir keine Unterstützung! Das Herz krampst sich einem dabei zusammen und man fragt sich verwundert, warum nicht ein Sturm der Entrüstung solche unjüdischen Methoden hinwegfegt. Der Kriede von Bukarest. Durch den Frieden von Bukarest ist der Balkankrieg beendigt. Europa atmet erleichtert auf. Der Balkankrieg hat den Balkan mit Blut und Grauen bedeckt, die Welt mit Schrecken erfüllt. Furchtbar wurden auch die betroffenen jüdischen Gemeinden mitgenommen, zum Teil vernichtet. Eine Schreckensnachricht überholte die andere. Aber wir schritten auch von einer Ueberraschung zur andern. Die Botschasterkonferenz in London zerfiel in nichts, die europäische Diplomatie, das europäische Konzert erlitt Schisfbruch, das europäische Gewissen, das nie besonders scharf war, ist völlig gelähmt. Alle Berechnungen wurden durch die Ereignisse über den Haufen geworfen. Das siegreiche Bulgarien ist gedemütigt vor dem Bunde seiner früheren Kampfgenossen mit seinem Rivalen, Rumänien, hat es die Fahne einziehen müssen. Die Türkei hat Adrianopel wieder besetzt und behauptet es gegen den Willen Europas. Gibt es überhaupt noch einen Willen Europas? Der Balkanfriede, den die Großmächte in Monaten nicht fertig bringen konnten, ist in Bukarest in einigen Tagen geschlossen worden. Nicht einmal erwähnt wurden die Großmächte von den Balkanstaaten beim Friedensschluß. Die Revision des Vukarester Friedens durch Europa gilt bereits als abgetan, trotz Oesterreich und trotz Rußland. Die kleinen Balkanstaaten haben vor dem mächtigen in Eisen starrenden Europa erklärt: Unser Friede ist endgültig. Dabei muß es bleiben. Die Balkanstaaten erwarten, daß sich Europa begnüge, ihren Frieden einfach zur Kenntnis zu nehmen. Und diese Erwartung der kleinen Balkanstaaten wird das starke Europa nicht enttäuschen. Das ist eine wirksame Lektion für das eigenmächtige von materiellen Interessen gepeinigte Europa. Und wir Juden? Was für eine Lektion ziehen wir aus dem Bukarester Frieden? Wie haben die allgemeinen jüdischen Interessen bei dem Frieden abgeschnitten? So lange die Meinung berechtigt war, daß das Konzert der Großmächte den definitiven Frieden schließen würde, konnte man die allerdings schwache Hoffnung hegen, die Großmächte werden bei dem Friedensabschluß Rumänien veranlassen, endlich den Berliner Vertrag an seinen jüdischen Untertanen zu erfüllen und ihnen das Bürgerrecht zu gewähren. N o r d a u schrieb zu Zeiten der sanft dalüngegangenen Londoner Botschafterkonferenz seinen Brief in der „Times" wegen der rumänischen Juden, P a u l N a t h a n veröffentlichte einen Artikel im „Berliner Tageblatt" wegen des Bürgerrechts der an Rumänien fallenden Juden von Silistrien, L u z a t t i schrieb im „Corriere" seinen flammenden Protest gegen die Grausamkeit Rumäniens und appellierte an Europa für die rumänischen Juden, „die letzten Sklaven in Europa", das Londoner Komitee für auswärtige Angelegenheiten beiniihte sich in der gleichen Sache beim englischen Premierminister Grey. Und wer hat das letzte Wort behalten? Rumänien! Rumänien hat das letzte Wort. Die amerikanische Regierung, die einzige, die die Menschenrechte der Juden in der Welt zu verteidigen übrig geblieben ist, hat es gewagt, die Judenfrage auf der Bukarester Friedenskonferenz zur Sprache zu bringen. Und Rumänien hat stolz geantwortet, es sei selbstverständlich, daß die Bevölkerung der eroberten Gebiete die gleichen politischen Rechte haben werden, die sie als Untertanen des früheren Staates hatten. Majorescu, der rumänische Premier, sprach's, und kein einziger Vertreter fremder Staaten rührte sich.