Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052450--0388-9052455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 22. Das jüdische Statt. Wir müsseil auch der augenblicklichen Not vou 200 i-0i"ü , T^H steuern und müssen Sorge tragen, daß das Beth ha Midrasch, in dem seit einein Jahrhundert Tausende vou Jüngern gplernt, aufgebaut werde, damit unsere Jeschiwa in ihrem ganzerr Umfange im alten Zustands erhalten bleibe. In dein allgeiiieiiien Unglücke, das iliisere Gemeinde betroffen hat, iiiuß sich der gefertige Vorstand feiner besonderen Pflicht, für die Jeschiwa zu sorgen, bewußt sein uiid bitten wir, um eheste Ueberweisung von Beiträgen, da ein langes Provisorium von bedeutendem Nachteil wäre. Möge an allen unseren Gönnern die “IHD in Erfüllung gehen! iTOTm m CT~^TiT^ »S'TI CVl *>’ Der Vorstand: Josef G r ü n w n l d m.;»., Eduard S ch l e » g e r >>>. i^., A. Schächter i». ^»., Lajos K o h l ni a n n >>>. >»., I. Duschinszki m. p., Josef 5) e r z o g m. >>., Jak. Nasch ,». jF. Benedikt >>>. >>. Preßburg—(Pozsony), im Jahre 5673 (Mai 1913). X. S. Sendungen erbitten w i r an S e. Ehr - w ü r d e >i Herrn O b e r r a b b i n e r Akiba Schreiber, Preßburg, mit Vermerk „I e s ch i w a". •\' ' * Im Anschluß an die große Teilnahme, die das furchtbare Braiidunglück in allen jüdischen Herzen findet, seien hier eiiiige Aufzeichriuiigen wiedergegeben, die mir in der Tagespresse finden uiid die der Aufmerksamkeit unserer Leser würdig erscheineir: Preßburgs Lage, die es zu einem hervorragenden Handelstnotenpunkt werden ließ, macht es wahrscheinlich, daß die dortige jüdische Gemeinde eine der ältesten Ungarns ist. Die erste urkundliche Erwähnung der Juden in Preßburg stammt aus dem Jahre 1251. Jni Jahre 1291 erhielten sie einen Schußbrief des Königs Andreas I I I. Bereits 1360 wurden sie vertrieben, sie siedelten sich in der benachbarten Stadt Heimburg an, aus der sie 1368 wieder nach Preßburg zurückkehrten. Die erste Synagoge wurde 1399 erbaut. Im Jahre 1517 erreichte die Kopfsteuer, die die Juden zu zahlen hatten, einen Höhe von 120 Guldeii. Nach der unglücklichen Schlacht van Mohnes am 9. Oktober 1526 befahl Königin Maria, daß die Juden aus Preßburg nuszuweisen seien, indessen widerrief Llönig Ferdinand, der Gründer der Habsburgischen Dynastie, dieses Edikt in dem gleichen Jahre. Sein Sohn Maximilian I I. ordnete eine erneute Ausweisung an, doch gelangte dieser Befehl nicht zur Ausführung. Preßburg, als der Siß des Landtages, sah häufig große Judenvcrsammlungen, so im Jahre 1749, als die jüdischen Delegierten mit Marin Theresia wegen einer jährlichen Zahlung von 30 000 Gulden verhandelten, und 1840, als der Landtag die Frage der Judenemanzipation beratschlagte. Pozsony, wie Preßburg magarisch heißt, ist stets wegen der judenfeindlichen Gesinnung seiner Bewohner bekannt gewesen. Die Stadt, deren Rat sich gegen alle Verbesserungen der politischen Rechte der Juden im Jahre 1840 sträubte, war der Schauplatz eines grimmigen Aufstandes im Jahre 1848, als ein Teil der Bürger die Einräumung gleicher Rechte für die Juden mit den andern Staatsbürgern verlangte. Einer der Aufständischen wurde getötet, mehrere schwer verwundet und ein großer Teil der Judenhäuser, unter ihnen das jüdische Schulgebäude, zerstört. Noch heute begehen die Preßburger Juden mehrere Trauertage, die an jene unheilvollen Ereignisse das Gedenken wachhalten sollen. Auch im 19. Jahrhundert hatten die Israeliten dieser Donaustadt gar manches zu erdulden. Ein Krawall war im Jahre 1850, als man den Juden gestatten wollte, Läden außerhalb des Ghettos aufzumachcn, und erst ein Jahr später konnte diese Erlaubnis von der Behörde gegeben werden. Auch in bezug auf das Recht, für ihre Armen selbst sorgen zu dürfen, hatte die Preßburger Judenschaft viele Streitigkeiten mit dem Magistrat. Der Streit wurde erst beendet, als 1856 die Stadt sich verpflichtete, aus den Wohltätigkeitsbeiträgen der jüdischen Gemeinde alljährlich 1700 Gulden zurückzuzahlen. Das Erwachen der antisemitischen Bewegung in Ungarn fand sein Echo in Preßburg, wo der erste ungarische Antisemitenverein gegründet wurde, als dessen Organ seit 1880 der „Westungarische Grenzbote" erschien. Die Tisza-Eszlar-Affäre verursachte in Preßburg Aufstände in den Jahren 1882 und 1883, und für das bei dieser Gelegenheit zerstörte jüdische Eigentuin mußte die Stadt 5000 Gulden Schadenersatz bezahlen. Blutbeschuldigungen milderen Charakters mußte die Preßburger Judenschaft in den Jahren 1887 und 1889 über sich ergehen lassen. Preßblirg ist berühmt und geschätzt in jüdischen Kreisen wegen seiner hervorragenden Talmudhochschule. Sie, die bereits 1822 durch den berühmten Rabbi Moses Sofer gegründet wurde, ist noch heute die Quelle, aus der nicht nur Ungarn, sondern fast die ganze jüdische Welt ihre bedeutendsten Rabbiner herbezieht. So waren in Frankfurt a. M. viele Jahrzebnte hindurch zwei Rabbiner, die ihre theologischen Kenntnisse der Preßburger Talmudhochschule zu verdanken hatten, und zwar an der großen Gemeinde, der vor einigen Jahren gestorbene Rabbiner Dr. H o r o v i tz , dessen Sohn heute noch in Bockenheiin als Rabbiner wirkt, und an der Gemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft" der heute noch amtierende Rabb. Dr. Breuer. Auch der gegenwärtige Hamburger Rabbiner, Dr. Fischer, ist aus dieser Schule hervorgegangen: die Gemeinden Berlins und anderer großen, deutschen Städte besitzen ebenfalls Rabbiner, die sich ihr Rabbinerdiplom in Preßburg geholt haben. Das Leben an dieser Schule, die Leiden und Freuden der Talmudjünger, sind von berühmten Ghettodichtern und -Schriftstellern gar häufig geschildert worden. So von Kompert, S. Kohn, Lewinger u. a. m. Ein besonderes Vorzugsrecht der Preßburger jüdischen Gemeinde bildet die alljährliche Darbringung zweier Martinsqänse für de» König. Die Vertreter der Gemeinde werden dann stets vom Monarchen empfangen. Die Leiter der Preßburger Talmudhochschule waren immer die bedeutendsten Männer der ungarischen Judenheit. Außerdem wird geschrieben: Preßburgs Ghetto ist n i e d e r g e b r a n n t, ganze Häuserreihen sind zu Staub und Asche geworden. Trotz des Aufgebots der Feuerwehren von Preßblirg tmö Umgebung, ja sogar von Wien, trotz der Rettungsaktion der Garnison gingen am Samstag in ein paar Stunden Straßen um Straßen mit meist mehrstöckigen Häusern aus Stein in Flammen auf wie Kartenhäuser, ynd Tausende von Menschen sind obdachlos geworden. Doch nicht das materielle Unglück allein ist es, das tiefes Mit gefühl erweckt. Hier ist auch ein Stück Historie zugrunde gegangen, ein Kapitel Mittelalter, das sich wohl nur in wenigen Städten Europas in solcher Originalität erhalten haben mag wie hier. Es ist jener Teil der alten ungarischen Residenz- und Krönungsstadt Preßblirg niedergebrnnnt, den die Jlldeil Jahrhunderte hindurch bewohnten, der darlim auch die Judengnsse hieß lind erst 1879, drei Dezennien nach dein Falle der Ghettogitter, den Namen Schloßgrundgasse erhielt. Mit seinen alten verwitterten Häuserii ist der „Edelhof" verschwunden, in dem einst mehrere Juden wohnten, die Kaiser Karl aus deni Ghetto an den Herrscherhof zog und adelte: die Adligen haben ihrer daheimgebliebenen Glaubensgenossen nicht vergessen und ihr Stammhaus mit dem Bermächtnis hinterlassen, daß aiis seinem Ertrag arme Ghettofamilien erhalten werden sollten: zuletzt waren es fünfzig Familien, die diese Nutznießung hatten. Berbrannt ist noch manches andere Haus, das Adlige zu Besitzern hotte: so das alte Freiherrlich Zsigraische Haus, das Nestersche Haus mit seinen acht Höfen, das nach Frau Fama selbst in diesem Quartier der Armut mit seinen 700 Mietern noch so viel abwarf, daß man den Zins auf einen Dukaten pro Stunde berechnete. Berbrannt ist der schattige Garten des Fürstenschlosses Pülffy, dessen Herren immer gütige Protektoren der Ghettoleute waren: verschwiinden ist das Kreuz-Wirtshaus, in dem der einzige Christ des Ghetto wohnte, der Unentbehrliche, dessen Beschäftigung es war, am Sabbat das Licht anzuzünden und zu löschen, was dem frommen Jiiden verboten ist. Bom Erdboden verschwunden ist die berühmte Talmudschule,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.