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Das jüdische Blatt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Nr 22. Das jüdische Statt. die Pflanzstätte großer Rabbis; verbrannt ist sie mit allen Manuskripten und alten Büchern, die ihrer Bibliothek seit Jahrhunderten einen großen Ruf in der ganzen jüdischen Welt erworben haben. Die jüdische Gemeinde in Preßburg gehört, wie die „Franks. Ztg." schreibt, zu den ältesten in Europa. Ursprünglich wohnten die Juden in der Hummelgasse, Ruch der Schlacht bei Mohnes, als die Türken siegreich vordrangen^ ergriff, wie alle Bölker, auch die Juden von Preßburg der panische Schrecken vor den Krummsäbeln der Osmanen, und sie flüchteten. Die Türken kamen nicht, aber die christlichen Mitbürger begehrten nach dem Gute der Juden und erwirkten von der Königin-Witwe und Regentin Marin einen Erlaß, der alle Judenhäuser konfiszierte. Die zurückgekehrten Juden wären heimatlos geworden, wenn ihnen nicht Fürst Pülffv um die Mitte des 16. Jahrhunderts erlaubt hätte, sich auf dem Grunde der alten Nikolaikirche am Rande seines Schloßgartens anzusiedeln. Später gestattete die Stadt die Niederlassung von Juden auch auf der anderen Seite, und so wurde die Judengasse geschaffen, das Ghetto, das allabendlich, von beiden Enden mit einem Gitter versperrt, mehrere tausend Menschen ununterbrochen auf einem winzigen Raume vereinigte. Aus diesem winzigen Rauine aber spannen sich doch viele Fäden in die weite Feld hinaus. Auffallend ist es, wie sehr Preßburg mit Frankfurt in Berbindung tritt. Hinüber lind herüber ist es ein ewiges Wandern von Gelehrten und Rabbinern. Der Rnbbinerdpnastie Schreiber Urvater Moses stammt aus Frankfurt, wurde in denl Hause geboren, das neben denl des Meier Amschel Rothschild stand. 1806 wurde Moses Schreiber nach Preßburg berufen und seither war inlmcr ein Schreiber Rabbiner von Preßburg. Auch Heinrich Heine kann von Preßburg als Ghetto-Abkömmling angesprochen werden. Des Dichters Stamm-Mutter Sara Lea Geldern war eine geborene Michel Simon aus Preßburgs Judengasse. Seit dem Jahre 1848 war das Ghetto geöffnet, aber auch das freigewordene Ghetto blieb ein Quartier, in dem nur die Aermsten der Armen hausten. Ihr Bett, ihr Tisch, ihr Kleid, das Hemd am Leibe — das war das ganze Bermögen der ineisten von ihnen. Und doch hat solche Armut noch zum Raub gereizt, und während des Brandes wurden zahlreiche Individuen, darunter sogar mehrere der zur Rettling herbeigeholten Soldaten als Plünderer verhaftet. So ist das Ghetto von Preßburg, das schon nlehrmals der Schauplatz von Judenverfolgungen und Bränden war, in einer Art untergegangen, die seiner mittelalterlichen Vergangenheit würdig ist. Preßburg. Das Komitee der Agudas-Jisrocl-Organisation in Frankfurt a. M. hat heute Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Schreiber seine Teilnahme an dem furchtbaren Unglück, das die gesamte Judenheit durch die Einäscherung der hiesigen Judenstadt getroffen, in warmen Worten telegraphisch zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig zur Wiederaufrichtung der hiesigen Jeschiwah und zur Unterstützung der notleidenden Bachurim 10 000 Kronen zur Verfügung g e st e l l t. Uutzlattd. Die jüdische Emigrationskonferenz in Wilna. Am Freitag 16. Mai fand in Wilna die Einigrationskonferenz des Zentralkomitees der „Jca" statt. Die Mitglieder der Konferenz setzten sich aus Beamten und Vertrauensmännern der „Jca" zusammen. Auch waren etwa 100 Vertreter von 44 jüdischen Gemeinden Rußlands erschienen, darunter Dr. Katzenelsohn (Libau), H a l - p e r n (Kiew), M. D. F e i n b e r g (Petersburg). Die Regierung war durch den Referenten der jüdischen Angelegenheiten beim Ministerium, Dr. K r e p s, vertreten. Der Sekretär der „Jca" in Rußland, I a n o w s k y, erstattete Bericht über die Tätigkeit der „Jca" bei der Ueberwachung der Auswanderung nach Amerika und der Türkei. Er kam zum Schluß, daß die Gründung von besonderen Banken für Auswanderungswesen nicht tunlich sei, und zwar, weil dies Unternehmen eine zu große Zahl von Filialen erfordere und weil die russische Gesetzgebung die Aufmachung von Banken ausländischer Aktiengesellschaften nicht zulasse. Er hielt es für besser, eine große bereits bestehende Bank mit der Verwaltung der Gelder der Auswanderer zu betrauen. Gegen diese Leitsätze erhob sich ein starker Widerspruch innerhalb der Versammlung. Trotz des Widerspruchs der „Jca" wünschen die russischen Kreise die Gründung einer besonderen Emigrationsbank, und an den autokratischen Methoden der „Jca" wurde Kritik geübt. Wichtig ist die Einsetzung einer Rabbinerkommission, um die Eheverhültnisse der verlassenen Frauen zu prüfen und womöglich zu regeln. Besonders bernerkenswert ist der Beschluß, daß die „Jca" den Betrieb der Emigrationslinie Kiew—Galveston übernehme, die bisher von der „Jto" bestritten wurde. Letztere tonnte das Jahresbudget von Rubel 26 000 nicht mehr aufbringen. Der Erzbischof von Wolhynien über den Ritualmord. Von den Anstiftern des Pogroms in Rußland wird das Märchen vom Ritualmord als ein Hauptmittel benutzt, namentlich den Muschik gegen die jüdische Bevölkerung aufzureizen. Die gewöhnliche russische Geistlichkeit, die sich überhaupt nicht zur Aufklärung der Massen berufen fühlt, greift um so seltener ein, als sie bei den Pogromen oft im Trüben fischen kann, während die höhere Geistlichkeit wiederholt dem Aberglauben entgegengetreten ist. So hat auch der katholische Erzbischof von Wolhynien jüngst bei einer Durchreise durch Wilna einer Deputaion erklärt: „Eigentlich wollte ich kein Wort darüber sprechen, denn es ist mir schon völlig zuwider . . . Was soll man mit unserm stumpfen Volk machen? Sie lassen sich ja nichts gesagt sein. So war es und so wird es auch ewig bleiben, immer dasselbe. Das Volk vergißt seinen eigenen Heiland und geht in seinem Hasse so weit, die Juden eines so ungeheuerlichen Verbrechens wie des Ritualmordes anzuklagen. Die Unwissenheit der Leute ist geradezu entsetzlich. Sie bilden sich ein, in der Bibel sei gesagt, die Israeliten müßten sich des Blutes bedienen, um ihre Passahspeisen zuzubereiten! Das ist ein Märchen, ein Märchen, wie man immer wiederholen muß. Und die, die da glauben, die Heilige Schrift gebiete den Juden, Blut zu vergießen, haben die Bibel nicht gelesen oder nicht verstanden. Ich behaupte, daß das Gerücht, das man immer wieder verbreitet, es gäbe eine Sekte unter den Juden, die Christenblut gebraucht, eine fürchterliche Lüge ist. Solche Sekten hat es sicher unter einigen heidnischen Stämmen gegeben, unter den Juden aber niemals . . ." Dom Beilis-Prozeß. Beilis schmachtet seit zwei Jahren im Gefängnis und trotz aller gegenteiligen Ankündigungen ist die offizielle Anklageschrift ihm noch nicht übermittelt worden. Die Verschleppungspolitik der russischen Justiz hat neuen Stoff bekommen durch die vernichtenden Sachverständigen-Gutachten, die die europäischen Berühmtheiten über die Annahme eines Ritualmordes im Fall Juftschinfki abgegeben haben. Run hat Dr. Rath an, der schon dem Konitzer Prozeß seine Aufmerksamkeit zuwandte, eine als Manuskript gedruckte Sammlung offizieller Dokumente und privater Gutachten (Der Fall Justschinski. Offizielle Dokumente und private Gutachten. Leipzig 1013) herausgegeben, die über die ganze Angelegenheit

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