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Das Abendland · 1866-10-04 · 19 (4.10.1866) · p. Seite 151

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
19 (4.10.1866)
Date
1866-10-04
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 künftigen Aufenthaltsort ist nichts Bestimmtes bekannt. Wie man sagt, will er in Wien sich niederlassen. 8. Wien. Die „Presse" erzählt von einem sonderbaren Vorfall, der sich dieser Tage am Währinger israelitischen Friedhof ereignete. Zwei gleiche, nach jüdischem Brauche aus einfachen unpolirten Brettern verfertigten Särge standen neben einander in der Leichenkammer um in die für sie bestimmten Gräber gesenkt zu werden. Der eine barg die irdischen Ueberreste einer reichen Dame, der andere verschloß die körperliche Hülle eines armen Geschäftsagenten. „Im Tode sind wir alle gleich" ist schon längst nicht mehr wahr, selbst bei jüdischen Leichenbegängnissen, die in früher» Zeiten Prunk und Schaugepränge weniger kannten — so ist es auch nicht auffallend, daß für die Dame Chorgesang und Leichenrede vorbereitet wurde, dem armen Manne hingegen nichts von all' dem bestimmt war. Das Begräbniß fand statt. Der Chor hatte bereits gesungen. Der Prediger wollte eben seine Trauerrede beginnen, da stürzt ein Mann athemlos herbei mit der Meldung, daß die Särge in der Leichenkammer verwechselt wurden. Man kann sich leicht die Verwirrung denken, was weiter geschah, darüber schweigt die Geschichte. Wir sehen in dem Ereigniß einen Witz des Zufalls, dem es oft besser gelingt die Standesunterschiede auszugleichen als aller Menschcnweisheit. Wir ersuchen unfern Wiener Correspondenten uns eine nähere Mittheilung dieses Vorfalls zu machen. Berlin. Die London News bringen eine Abbildung des Innern der hiesigen neuen Synagoge deren Beschreibung und Bericht über die Einweihung derselben, den Text zur Illustration bilden. * Das Magazin für die Literatur des Auslands hat unter der Ueberschrift: „Kanzelreden von Michael Sachs" folgenden Artikel: Von den Kanzelreden des berühmten im Jahre 1864 verstorbenen israel: Predigers in Berlin, vr. Michael Sachs ist soeben die 2. Lieferung erschienen. Wir glauben unsere Leser auf diese interessante Erscheinung aufmerksam machen zu müssen. Dieselbe ist auf dem Gebiethe der israelitischdeutschen Kanzelberedsamkcit unstreitig das beste von allem, was dieses westöstliche Gebieth bisher zur Erscheinung brachte. Es biethen diese Reden in sprachlicher wie in oratorischer Hinsicht auch für Nichtisraeliten ungemein viel Schönes und Bewundcrnswerthes dar. Ein Prophet des alten Bundes ist es gleichsam, der darin seine Stimme erhebt der der Erhabenheit der Gottesidee, von welcher seine Reden getragen werden eine seltene Kraft des Ausdrucks verleiht, und dem in seinen hochfligenden Ideen zu folgen oft schwer, stets aber belohnend ist. Es muß schwer, sehr schwer sein, jetzt zu derselben Gemeinde, die diese Reden gehört, zu sprechen, ohne zu demüthigenden Vergleichen Anlaß zu geben. Paris. Unser Glaubensgenosse, Herr Dubaurier, Professor der armenischen Sprache und Mitglied des Instituts wurde von der Regierung nach Armenien geschickt, um daselbst linguistische und historische Studien über das Land und seine Bewohner zu machen. * 20. September. Letzten Freitag starb hier Leon Gozlan, ein dramatischer und novellistischer Schriftsteller von bedeutendem Rufe. Er war von jüdischer Abkunft und lebte auch im väterlichen Glauben. Natürlich wurden auch Vorbereitungen getroffen, ihn nach dem Ritus der jüdischen Religion zu begraben, und einige Rabbinen wachten und beteten bei seiner Leiche. Während dieser Ceremonien stöberte man zufällig in seinen hintcrlaffcnen Papieren, und fand einen aus Marseille datirten Taufschein. Die Rabbinen zogen sich sogleich zurück, einige katholische Priester wurden gerufen und der Leichnam ward auf dem Friedhof Montmartre zur Erde bestattet. Bordeaux. Die Strassen unserer Stadt erhielten neue Namen nach großen Wohlthätern oder berühmten Schriftstellern, die hier wirkten. Unter andern wurde auch zwei Israeliten dieser Tribut der öffentlichen Anerkennung gezollt. Der eine ist David Gradis, ein durch Bürgertugendcn ausgezeichneter Kaufmann, der andere Rodignez Pereira, der berühmte Lehrer der Taubstummen. London. Lordmayor Philipps erfreut sich einer solchen Popularität in der Metropole, daß seine Neuwahl zu diesen hohen Ehrenposten kaum zu bezweifeln ist. Luchschau. 34. Fest- und Gelegenheitspredigten von vr. Wilhelm Klemperer, Rabbiner der Synagogengemeinde zu Landsberg a. d. W. Erster Band S. 215. Breslau 1866. Schlettersche Buchhandlung (H. Skutsch). Keine horazische Regel über die poetische Kunst findet bei den von der Unsterblichkeitssucht geplagten Schriftstellern unserer Zeit weniger Beachtung als jene, welche dem Autor eine neunjährige Einkerkerung seines fertigen Opus in den Schreibepult anräth, bevor er es dem heißen Sonnenlicht der Publicität aussetzt— Der unsterbliche Dichter ans dem goldenen Zeitalter der klassischen Literatur hatte keine Ahnung von unserem papierenen Zeitalter, in welchem die geistigen Ephemeriden, kaum geboren, in die weite Welt flattern, und der Gedanke mehr Zeit braucht zu seiner Entstehung als zu seiner Verbreitung —■ Wer würde es auch unserer Zeit der Eisenbahnen und Telegraphen, der Schnellpressen und Zeitungen zumuthen, die literarische Waare bei dem Uebergange aus dem Ozean der idealen in den Hafen der realen Welt eine mehrjährige Contumaz halten zu lassen?— Möge der Schatten des alten Römers uns nicht zürnen, wenn das 19. Jahrhundert seines wohlgemeinten Rathes nicht bedarf, und wolle er den Trost wegen dieser Mißachtung darin finden, daß wenigstens bisher ein Theil der Literaten, die den Büchermarkt bereichern, nämlich die Herausgeber von Predigtsammlungen, sich eine längere Abstinenz von der Veröffentlichung auferlegten, und somit faktisch den Ansichten des bewährten Schulmeisters huldigten — Die meisten jüdischen Kanzelredner, die seit einigen Dccenien Sammlungen von gehaltenen Predigten der Oeffentlichkeit übergaben, thaten dieß zumeist nach mehrjähriger Amtswirksamkeit und giengen dabei wahrscheinlich von der Ueberzcugung aus, daß die homiletischen Geistesprodukte erst durch Erfahrung und Praxis ihre rechte Reife erhalten. In der allerneuesten Zeit scheint man jedoch anderer Ansicht zu sein, und glaubt, daß das wahrhaft Geniale schon gereift in die Erscheinung tritt, und nicht erst der Zeit bedarf, um den verdienten Eindruck zu erwirken. Wir wollen nicht untersuchen, welche Anschauuug die richtige sei, und bloß konstatiren, daß der Verfasser des vorliegenden Werkes, ein Zögling des Breslauer Seminars, erst 2 oder 3 Jahre im Amte stehend, der modernen Auffassung huldigt, ohne im Geringsten einen Tadel über die Edition seiner achtbaren Leistungen auf der Kanzel zu beabsichtigen. Die Sammlung enthält 11 Fest- und 8 Gelegcnheitsreden. Der Redner zeigt in den meisten derselben eine tiefe Empfindung für das Wahre und Schöne, die seinen Worten ein glänzendes mitunter sehr erwärmendes und zündendes Feuer verleiht. Seine Exegese ist gesund und einfach, und wir heben es zu seinem Lobe hervor, daß er nicht in gesuchten Textdeutungen und Wortverdrehnngen, welche manchen modernen Predigern den unverdienten Ruhm der Meisterschaft verschaffen, seine Bravour sucht. Wir hätten diese Einfachheit auch bei der Behandlung der Predigten gewünscht, die uns mehr sprühenden Geist als geläuterten Geschmack zu verrathen scheinen. Der Verf. verlegt hierin den Schwerpunkt seiner Betrachtung mehr in die äußern gewissermassen wörtlichen Beziehungen seines Textes als in den eigentlichen Kern desselben, in dessen Sinn und Bedeutung. Zu dieser Bemerkung führte uns namentlich die Textbehandlung in der 1. 2. u. 5. Predigt. Die Sprache ist, einige Härten abgerechnet. «

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