Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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tcbtn und ZÜckUhbal dcb fflofäudm Samuel Qf^i&omMf _ Wenn man die wechselvollen Geschicke des Wiener „Hofjuden" Samuel Oppenheimer betrachtet, wird man wieder einmal der Wahrheit inne, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt. Es ist fast wie Geschehnis aus unsern Zeitläuften. Und eben darum der Mühe wert, erzählt zu werden.*) Bis zum 6. Juni 1670 hatten sämtliche Juden die Stadt Wien, bis zum 11. April 1671 das übrige Niederösterreich verlassen müssen. In ihre Pässe schrieb man ihnen, daß man sie nicht wegen irgend eines Vergehens verbannt habe, sondern darum, weil sie der Kaiser in seinem Erzherzogtum Oesterreich nicht dulden wolle. Das war die Begründung. Der Petersplatz im 17. Jahrhundert Im Hintergrund rechts das Oppenheimersdie Haus Somit entfielen die 14.000 fl., in der letzten Zeit sogar 16.000 fl., jährlicher Judentoleranzsteuer zum großen Teil, da die Stadt Wien die bei der Vertreibung übernommene Ersatzpflicht zunächst säumig, später reduziert und schließlich gar nicht mehr zahlte. Darum, also hauptsächlich aus finanziellen Gründen, verwendeten sich die Hofkammer und die Theologische Fakultät in Wien für ihre Wiederzulassung. Generell kam es zu dieser wohl vorläufig noch nicht, doch handhabte man die Kontrolle milder und begann langsam, Ausnahmen zu machen. Der erste Jude aber, der nachher wieder dauernd in Wien Fuß gefaßt und gleich eine dominierende Stellung im Finanzwesen des Staates eingenommen hatte, war der aus der Pfalz oder aus Heidelberg stammende Samuel Oppenheimer, geboren 1630, nicht nachweisbar verwandt mit dem berüchtigten Jud Süß, •) Siehe Max Grunwald, Geschichte der Juden in Wien 1625-1740. eigentlich Josef Süß Oppenheimer, dem württembergischen Finanzminister. Was war das für eine Zeit allgemeiner Unruhe, in der Oppenheimer heranwuchs und Karriere machte! Der Dreißigjährige Krieg und die Schrecken der Gegenreformation erfüllten seine Jugendjahre, der Rest seines Lebens fiel in die Zeit der Kriege gegen Frankreich unter Ludwig XIV. (Koalitionskrieg und Spanischer Erbfolgekrieg), der Türkenkriege in Ungarn und Oesterreich und der Kämpfe mit den ungarischen Insurgenten unter Rakoczy und Karolyi. Eine gesegnete Zeit für Kriegsverdiener und Abenteurer jeder Art! Daß aber gerade ein Jude, ein Angehöriger der damals gehaßtesten und gehetztesten Rasse, es war, der die finanzpolitischen Geschicke des großen Römischen Reiches deutscher Nation durch mehr als zwei Jahrzehnte lenken sollte, das soll erzählt werden. Schon im Jahre 1672 war er Munitions- und Proviantlieferant des am Rhein operierenden kaiserlichen Heeres unter Montecuccoli. 1679 erscheint er zum erstenmal in Wien, um eine längst fällige Schuld von zirka 200.000 fl. bei der Hofkriegsikasse einzutreiben. Da er aber nichts bekam, als Versprechungen, blieb ei in Wien — und wurde hier ansässig und betrieb seine Lieferungen von hier aus. Die ersten Jähre wurden ihm allerdings schwierig genug gemacht; es genüge die Feststellung, daß er hauptsächlich wegen Nichtbezahlung seiner berechtigten Forderungen an die Wiener Hofkammer in Prozesse und Schulden geriet und sogar verhaftet wurde. Allerdings ließ man ihn bald wieder frei: das war 1683, als die Türken nach Wien anrückten und man Oppenheiiners Unentbehrlichkeit und Unersetzlichkeil als Armeelieferant inne wurde. Seiner guten Dienste in den folgenden Jahren wegen rückte er trotz ununterbrochener Anfeindungen und zahlloser Gerichtsverfahren — vom Armeelieferanten zum Hoflieferanten und Hofbankiei vor, erhielt die Titel „Kaiserlicher Faktor", dann „Oberfaktor" und schließlich „Oberkriegsfaktor". Das war aber auch alles, womit man seinen Ehrgeiz befriedigte; die oft zugesagte und gewiß reichlich verdiente „Gnadenkette" hat er niemals erhalten. Für gewöhnlich wurde er nur „der J u d" genannt und jedermann wußte, wer damit gemeint war. Er selbst unterschrieb sich „kaiserl. Oberfaktor und Hofjud", oft auch nur „O p p. Jud". Was aber dieser verfemte, verachtete und ausgenützte „Jud" in den Jahren bis über die Jahrhundertwende für Kaiser und Reich geleistet hat, ist geradezu phantastisch. Man kann ruhig sagen, daß die große Monarchie damals ohne ihn nicht denkbar war, ja, daß er ihr Gefüge zusammenhielt. Er war das 12