Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Mädchen für Alles. Er besorgte nicht nur dauernd die Verproviantierung aller Truppen und der Wiener Stadtgarde, sondern beschaffte auch Kriegskredite, wurde vom Kaiser mit Darlehensvermittlungen und Wechselgeschäften beauftragt, mit Beschaffung von Juwelen, Weinen, Konfitüren, Spezereien, Fastenspeisen, Livreen, „Komediewaren", ferner mit der Auskleidung der Hofämter, Lieferung von Bauholz für erzherzogliche Schlösser und von Hafer, Heu und Stroh für das kaiserliche Futteramt. Auch bare Darlehen an den Kaiser Leopold I. mußte er beschaffen, dann den Unterhalt für die verwitwete polnische Königin, Geld für Fürstenbesuche und auswärtige Gesandtschaften, Königskrönungen und Repräsentationen aller Art, er mußte Pensionen für Generäle bezahlen, Beamtengelder und kaiserliche Geschenke, Gnadengaben und Zuwendungen, und vermitteÜe sogar eine holländische Quecksilberanleihe. Ganz Europa war seiner Firma dienstbar: er bezieht Pulver, Salpeter und Waffen aus Polen und Rußland, Tücher aus Holland, Pferde aus Bayern, Ochsen, Branntwein und Getreide aus Ungarn usw. Man wird nun glauben, daß demgemäß Oppen, heimers Reichtum ein ungeheurer war. Das Gegenteil war der Fall. Er war ununterbrochen in Zahlungsschwierigkeiten und konnte seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, weil seine Forderungen an Hof und Staatskasse durch ständige Nichtbezahlung ins Riesenhafte anwuchsen. Auf seine Bitten im Jahre 1700, ihm doch etwas von den 7 Millionen Gulden seines Guthabens abzubezahlen, erhielt er nur ein paar 100.000 fl. und die Antwort, erst müsse die Miliz befriedigt werden! So wußte man bloß eines sicher: daß der Kaiser mit seinem Hofjud Oppenheimer stehen und fallen müsse. Wie sehr Hof und Regierung diese Abhängigkeit von einem „dahergelaufenen" Juden als lästigen Zwang empfanden, geht aus den vielen Versuchen hervor, ihn loszuwerden und mit Hilfe von Anschuldigungen und Betrugsklagen seine Ansprüche zu reduzieren oder gar a's verfallen zu erklären. Oppenheimer hatte zwar mächtige Gönner, so die Markgrafen Hermann und Ludwig von Baden, aber noch mächtigere Gegner, an deren Spitze der durch sein mannhaftes Verhalten während der Pest und der Türkenhelagerung rühmlichst bekannte Erzbischof Graf Kollonitsch' stand, der ein großer Judenhasser war, obwohl er sich stets und überall der Juden bedient hatte, u. a. zur Ummünzung des verrufenen polnischen Geldes oder zum Warenschmuggel über kriegsverheerte Grenzen. Dieser Mann hatte in seiner Eigen, schaff als Präsident der Hofkammer und wirklicher Staats- und Konferenzminister des Kaisers die Kontrolle über alle Lieferungen und Auszahlungen. Und er nützte die Schwierigkeiten Oppenheimers weidlich aus, ja, schuf sie unbedachterweise. Denn diesem erwuchsen in den von keiner Ruhepause unterbrochenen Kriegszeiten durch das Emporschnellen der Preise aus seinen kontraktlichen Verpflichtungen empfindliche Verluste. Die Transportverhältnisse waren sehr schwierig; ihnen und einem teuflischen Netz von Zöllen und Mauten war es zuzuschreiben, daß die Waren verspätet und teurer ankamen oder verdarben. Seine Unterlieferanten versagten. Sein Hauptschuldner, der Staat, zahlte nicht, er aber mußte seinen Gläubigern alles bar und gleich bezahlen. In den „Feldzügen II" heißt es: „Oppenheimer, welcher seit 1683 außer beträchtlichen baren Darlehen auch noch den größten Teil des Proviantes, selbst Geschütze, Waffen, Munition und Brückengeräte geliefert hatte, erhielt hiefür vom Staate nur geringe Abschlagszahlungen und war mit dem größten Teil seiner Forderungen au die Einkünfte der Erbländer assigniert, deren Stände aber die Bezahlung Der Rom. Kays. Majestät Ober-Kriegs-Facfot und Hof-Jud SAMUEL OPPENHEIMER verweigerten oder unter den verschiedensten Vor - wänden hinausschoben. Bis nun beliefen sich seine fälligen Forderungen auf fast 6,000.000 fl., und er selbst war kaum in der Lage, seine eigenen Verpflichtungen einzuhalten." Schließlich erklärte sich Oppenheimer außerstande, weiter zu liefern. Darauf wurde er, im Jahre 1697, neuerdings verhaftet. Aus dem Gefängnis setzt er seine Geschäfte fort und kommt sogar vielen Verpflichtungen nach. Es nützte der Hofkamarilla alles nichts — ohne ihn war nicht auszukommen. Man brauchte seinen Kopf, seine Fähigkeiten und seine Beziehungen, seine Energie und Unermüdlichkeit. Wenn 13