Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 40 (September 1976)
- Date
- 1976-09-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JACOB ROSENHEIM Dr. EDUARD BIBERFELD - EIN WORT DER ERINNERUNG Nachtehender Artikel ist uns freundlicherweise von Herrn Naphtoli Hartog Hartogson, Montreal, H 2 V 4 1, 4521 — A Hutchinson Street, Canada, übermittelt worden, wofür wir ihm von dieser Stelle aus bestens danken. Wir veröffentlichen auszugsweise diesen Nachruf, den einer der hervorragendsten Vertreter des Thoratreuen Judentums dem Heimgegangenen widmete. Der Vernichtungskrieg, den die Nazis mit einer in der Geschichte bisher kaum dagewesenen Gründlichkeit gegen das deutsche Judentum geführt haben und die, aller Wahrscheinlichkeit nach, dadurch herbeigeführte endgültige Zerstörung der während eines Jahrhunderts geschaffenen geistig-kulturellen Synthese von Offenbarungsreligion und wissenschaftlicher Kultur im deutschen Sprachgewande lassen den Wunsch umso begreiflicher erscheinen, in der geschichtlichen Erinnerung wenigtens diese einzigartige Leistung der auf den Schultern S. R. Hirsch’s stehenden deutsch-jüdischen Orthodoxie für jene Synthese lebendig zu erhalten. Wenn es schon bisher leider nicht gelungen ist und wohl auch während des Krieges und der nachher zu erwartenden Periode politischer und ökonomischer Wirren nicht gelingen wird, die wirtschaftlichen Vorbedingungen zu schaffen, um eine Übersetzung der wichtigsten literarischen Denkmäler deutsch-jüdischen Schaffens ins Hebräische und ins Englische durchzuführen und so den geistigen Gehalt jener hundert Jahre emsiger Arbeit für die Nachwelt, für das jüdische Volk vor allem, zu retten, so sollte sich die jetzt heranwachsende Generation wenigstens das geistige Bild der hervorragendsten Repräsentanten jener Periode, die man durch die Jahre 1830 bis 1930 historisch begrenzen kann, lebendig erhalten. Dass Dr. Biberfeld einer der hervorragendsten und originalsten Vertreter dieser Periode jüdischer Galuth-Kultur gewesen ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Die Eigenart seiner Persönlichkeit ist schon rein äusserlich, und mehr als das, auch symbolisch, durch die Tatsache bezeichnet, dass er zu gleicher Zeit nicht nur Dr. phil. et med. war, sondern auch ein Torah-Gelehrter ersten Ranges, und dabei ein der Wissenschaft enthusiastisch ergebener Arzt war. ■Aber sein Charakter, sein Gefühlsleben und seine praktische Lebensleistung erhob sich nicht minder weit über das Niveau des Alltäglichen und Normalen. Der Schreiber dieser Zeilen ist mit den Einzelheiten der Biographie Dr. Biberfelds, soweit es sich um die äusseren Lebensumstände handelt, nur in Umrissen vertraut und muss sich daher im Wesentlichen auf die Zeichnung seiner geistigen Persönlichkeit und eines Teiles seiner öffenlichen Wirksamkeit beschränken. Wer das Glück hatte, die markige Persönlichkeit des Vaters, Rabbiner Abraham Biberfelds, der in dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts nach Berlin als Leiter des alten Beth Hamidrasch in der Heidereuter Gasse, von Breslau nach Berlin berufen worden war, wird sofort im Mittelpunkt der geistigen Individualität Eduard Biberfelds die Erbschaftsmasse des Vaters als bestimmenden Faktor erkennen. Eine mehr als gewöhnliche Energie, ein Lebenswille von geradezu über schäumender Kraftfülle, eine starre, oft bis zum Eigensinn gesteigerte Konsequenz, waren die typischen Charakterzüge des Vaters wie des Sohnes. Diesem aber sollte es in ungleich höherem Masse als dem Vater beschieden sein, nicht bloss an der Peripherie der aus Zeitungen und täglichem Leben einströmenden Kulturelemente, sondern in die Tiefe wissenschaftlicher Auseinandersetzung hinein in seiner Person den intellektuellen Ausgleich zwischen zeltgebundener, wissenschaftlicher Erkenntnis und der traditionellen in der Torah wurzelnden Emunah durchzuführen. Hineingeboren war Eduard Biberfeld in das von Rabbi Esriel Hildesheimer und seinen Mitarbeitern geschaffene geistige Milieu, das vom Rabbinerseminar einerseits, der Adass Jisroel andererseits bestimmt ward. Dieses Milieu selber war ln viel höherem Grade von inneren geistigen Spannungen und unausgeglichen Gegensätzen erfüllt, als zum Beispiel das um S. R. Hirsch konzentrierte und von ihm über seinen Tod hinaus beeinflusste Frankfurter Gemeindeleben. Für die Seminaristen, die auf der einen Seite von dem Seminar ihre jüdisch-wissenschaftliche Erziehung und ihre religiöse Formgebung empfangen, auf der anderen Seite in den Hallen der Berliner Universität sich ohne jede individuelle Führung In der freien Luft wissenschaftlicher Problematik ergehen sollten, war es keine leichte Aufgabe, die Zerissenheit dieser Art von höherer Erziehung zu überwinden und zu geschlossenen jüdischen Persönlichkeiten heranzureifen. Viele lösten das Problem so, dass sie sich mit der Wissenschaft gewissermassen nur formalistisch beschäftigen, also zum Beispiel, trotzdem sie Rabbiner werden wollten, neuere Sprachen, Französisch oder Italienisch studierten, Philosophie und Naturwissenschaft aber, und erst recht Orientalistik und Bibelkritik ignorierten. Andere gingen d. Kampf dadurch aus d. Wege, dass sie ihr Hauptinteresse entweder aufs Aestethische oder aufs Praktisch-Pädagogische konzentrierten. Biberfeld gehörte zu den wenigen die in tiefstem Ernste von früher Jugend an sich mit altjüdichem “Messiruth Hanefesch” unter d. Leitung seines Vaters dem echten “Limud Hatauroh” widmeten, dabei aber auch die eigentliche Wissenschaft: Philosophie, Geschichte und später auch Naturwissenschaften, auch dort wo der Kampf von “Glauben und Wissen” nicht zu umgehen ist, als Gegenstand aufrichtiger Forschung ergriffen. Dabei kam Eduard Biberfeld eine anscheinend ebenfalls ererbte Eigentümlichkeit seiner geistigen Physiognomie in hohem Masse zu gute: ein aufs Höchste entwickelter kritischer Sinn u. eine starke Dosis von Skeptizismus, der sich oft auch im täglichen Leben in einer manchmal gutmütigen, manchmal auch recht kräftigen Ironie entlud. Er wandte diesen Skeptizismus und diesen kritischen Sinn gerade aus der Tiefe seiner Emunah heraus gegen die taggeborenen und zeitgebundenen Hypothesen der Wissenschaft und verstand es, wie kaum einer, zwischen wissenschaftlich erhärteten Fakten und oft ins Phantastische gehenden Theorien zu unterscheiden. Ein tiefer Respekt jedoch vor wahrer Wissenschaft, insoweit sie die Grenzen ihrer Kompetenz nicht überschritt, erfüllte ihn sein Leben lang. Die Methoden dieser wahren Wissenschaft suchte er in den Dienst des “Limud Hatorah” zu stellen und aus diesem, dem Geiste des Rambam entsprechenden Bestreben, sind auch die überaus wertvollen literarischen Arbeiten hervorgegangen, die er teilweise in Zeitschriften, teilweise während seiner letzten Lebens Jahrzehnte als selbstständige Broschüren veröffentlichte. Die Lektüre dieser Arbeiten, die sich hauptsächlich auf die Beziehungen der mündlichen zur schriftlichen Lehre, die Ableitung oder Anknüpfung der Halachoth aus dem Text und an den Text der G”tteslehre beziehen, gewähren einen unvergleichlichen Genuss durch die Tiefe der darin enthaltenen Gedankenarbeit und durch die Schönheit der Diktion, die in jedem Worte Biberfelds ästehisches Feinschmeckertum, seine Freude auch an der deutschen Sprache verrät. In einem mustergültigen, in originaler Schönheit prangendem Deutsch die tiefsten Ideen jüdisch-traditioneller Gesetzeswissenschaft zur Darstellung zu bringen, war für Biberfeld offensichtlich ein geistiges Bedürfnis. Das gesamte literarische Lebenswerk Biberfelds auf diesem Gebiete verdiente eine besondere Darstellung, d. leider an dieser Stelle in Ermanglung der Unterlagen nicht gegeben werden kann. Seine eigenste Schöpfung war der “Verband der Sabbath Freunde”, den er 1906 ins Leben rief, und der bis zum Kriegsbeginn eine überaus reiche und auf theoretischem wie auf praktischem Gebiete erfolggekrönte Wirksamkeit entfaltete. Hervorgegangen aus den bis dahin bloss mit Stellenvermittlung und Versicherung gegen Stellenlosigkeit befassten Shomrei Schabbath Vereinen in Frankfurt, Hamburg und Breslau, erfasste der Verband das Schabbos-Problem im modernen Leben in der ganzen Tiefe seiner Bedeutung. Eine grosszügige, geistige Propaganda, die in grossen Versammlungen überall in Deutschland die Bedeutung des Sabbath-Gedankens und der Sabbath-Hut der jüdischen Welt verkündete, ging Hand in Hand mit der praktischen Behandlung der praktischen Probleme im Wirtschaftsleben. Eine Serie von Schriften von Dr. Biberfeld herausgegeben, sorgte für die literarische Sabbath-Propaganda. Im Rahmen dieser Schriften erschien auch das für die Dauer bedeutsame Werkchen über die “Sabbath Vorschriften”, zu dessen Herausgabe sich Biberfeld mit seinem besten Freunde und Weggenossen, Dt. Pinchas Kohn verband. Das Werkchen enthält, obgleich klein an Umfang, eine grosse Zahl wichtiger halachischer Entscheidungen für die gewissenhafte Beobachtung des Sabbaths, Insbesondere auf technischem Gebiete und unter Berücksichtigung der modernen wirtschaftlichen Entwicklung. Im Dienste der reinen Torah-Kultur aber wird Eduard Biberfeld s.A. letzten Endes einer der edelsten, auserwählten Träger des jüdischen Geistes gewesen sein. ZUM GEDENKEN AN UNSERE ELTERN, SAN. RAT DR. ALBERT SACHS, BRESLAU und FRAU CLARA GEB. GOLDSTEIN (gest. in Theresienstadt) Das Haus unserer Eltern steht in diesen Tagen besonders strahlend in unserer Erinnerung. Sie schufen uns eine herrliche Jugend, waren und blieben stets jung mit uns. Sie gaben uns alles auf den Lebensweg, was sie für gut hielten. Ihre Liebe, Herzlichkeit und Wärme, ihre Hilfsbereitschaft, alles war bedeutsam. Sie brachten Jedes Opfer und standen für sich zurück. Ihr Leben voller Harmonie war ein Bekenntnis höchsten, wertvollen Menschentums. Eine stattliche Schar von Freunden banden sie um sich, viele standen ihrem Herzen auf Lebenszeit nahe. Sie waren immer und für jeden, zu sprechen, obwohl sie viel beschäftigt waren. Nie sagten sie: “Ich habe keine Zeit...” Ihr Leben war erfüllt von produktiven Dingen. Sie waren bis ins hohe Alter schaffensfreudig, ihr Reichtum an Ideen und Gedanken war anregend. In ihrer Grösse leben sie weiter, sie sind uns stets gegenwärtig. Beim Abschied sagten sie: “Trauert uns nicht nach, wir haben unser Leben gelebt, lebt Ihr das Eure!”. Sie waren als Eltern unsere besten Partner und Helfer. Wir können ihnen nicht genug danken, wir leben in ihrem Sinne. JULIUS SACHS, Tel-Aviv Dr. KARL SACHS, flainfield, USA 18